Der andere Blick
Die deutschen Rentner müssen künftig kleinere Brötchen backen
Im nächsten Jahr sollen die Renten um mehr als vier Prozent steigen. In Zukunft wird es solche Wachstumsraten nicht mehr geben. Denn die Alterung der Bevölkerung droht die junge Generation zu überfordern. Die Regierung muss handeln, wenn sie die Jungen nicht verlieren will.
05.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Dank den kräftig steigenden Altersbezügen können sich viele Rentner teure Kreuzfahrten leisten.
Martin Wagner / imago
Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Deutschlands Wirtschaftskrise kennt viele Verlierer. Unternehmen bangen um ihre Gewinne, Arbeitnehmer um ihre Jobs, junge Menschen um ihre Zukunft. Doch es gibt eine Gruppe, die nicht bangen muss. Weil sie noch nie zu den Verlierern zählte. Es sind die Rentner.
Wer in Deutschland Rente bezieht, kann sich auf eines verlassen: Das Geld von der Rentenversicherung fliesst. Monat für Monat landet es pünktlich auf dem Konto. Und nicht nur das. Die Renten steigen zudem in der Regel von Jahr zu Jahr. Selbst in schweren Krisen, in denen die Löhne der Arbeitnehmer schrumpfen, bleiben die Rentner von Kürzungen verschont.
Auch im nächsten Jahr müssen Deutschlands Rentner nicht bangen. Im Gegenteil. Sie können sich freuen. Denn Anfang Juli sollen ihre Altersrenten um mehr als 4 Prozent steigen. Das ist die frohe Botschaft des neuen Rentenversicherungsberichts der Bundesregierung für die Rentner.
Die Altersbezüge steigen damit stärker als die Kosten der Lebenshaltung, die laut Wirtschaftsforschern 2027 um 3,2 Prozent zulegen dürften. Auch in diesem Jahr sind die Renten um 4,2 Prozent und damit stärker als die Inflation gestiegen. Dass sie so kräftig zulegen, liegt daran, dass sie den Löhnen folgen. Diese sind in den vergangenen Jahren ebenfalls kräftig gestiegen.
Die Finanzierungslast für die Jungen wächst
Dass es den Alten besser geht, wenn der Wohlstand der Jungen steigt, ist historisch gesehen keineswegs die Regel, sondern die Ausnahme. Es ist eine Errungenschaft der modernen Industriegesellschaft. Zugleich ist es jedoch eine Bürde für die Jungen. Denn sie sind es, die die Wohlstandszuwächse für die Alten erarbeiten müssen.
In den nächsten Jahren wird diese Bürde wachsen. Dann rücken die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, die selbst nur wenige Kinder gezeugt haben, ins Rentenalter vor. Derzeit kommen rund 33 Alte (über 67 Jahre) auf 100 Personen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren. Bis zum Jahr 2038 werden es nach Schätzung des Statistischen Bundesamtes zwischen 43 und 47 Alte je 100 Personen zwischen 20 und 66 Jahren sein.
Die Rentner werden also zu einer wachsenden Bevölkerungs- und damit auch Wählergruppe. Das erklärt, warum die Bundesregierung zögert, die Rentenversicherung so zu reformieren, dass sie die Jungen nicht überfordert. Viele Babyboomer setzen darauf, dass ihr wachsendes Gewicht bei Wahlen dafür sorgt, dass die Renten weiter kräftig steigen.
Niederlage an der Wahlurne
Wenn sie sich da mal nicht irren. Denn den jungen, gut ausgebildeten und leistungsbereiten Menschen stehen die Türen zum Arbeitsmarkt weltweit offen. Schon jetzt machen davon immer mehr Deutsche Gebrauch. Im vergangenen Jahr kehrten 289 000 deutsche Staatsbürger ihrem Heimatland den Rücken. Die meisten von ihnen waren hochqualifiziert.
Sie wählten eine Option, die der amerikanische Ökonom und Sozialwissenschafter Albert Hirschman in seinem berühmten Buch «Exit, Voice, and Loyalty» beschrieben hat. Menschen, die sich nicht mit den Zuständen in ihrem Land zufriedengeben (Loyalty), können entweder versuchen, mit ihrer (Wähler-)Stimme den Status quo zu ändern (Voice), oder sie wandern aus (Exit).
Dass die junge Generation loyal erduldet, für die Renten der Alten immer stärker zur Kasse gebeten zu werden, ist wenig wahrscheinlich. Wählt sie deshalb die Exit-Option, droht das gesamte Konstrukt der deutschen Renten-, Pflege- und Krankenversicherung zu implodieren.
Es sollte daher im ureigenen Interesse der Alten und der Politiker liegen, die junge Generation finanziell nicht zu überfordern. Dass von den 7 Millionen Babyboomern, die im vergangenen Jahr Rente bezogen haben, mehr als die Hälfte vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze in den Ruhestand gegangen ist, ist ein unhaltbarer Zustand.
Wer soll all die jungen Alten finanzieren, wenn bis Mitte der 2030er Jahre weitere 12 Millionen Babyboomer das ruhestandsfähige Alter erreichen und sich für den vorzeitigen Rentenbezug entscheiden, der sie mit nur geringfügigen Abschlägen von den Rentenbezügen lockt.
Überfällige Reformen
Will Deutschland die junge Generation nicht verlieren, muss die Bundesregierung den Mut aufbringen, das Rentensystem vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Was zu tun ist, hat die von der Bundesregierung eingerichtete Alterssicherungskommission unlängst aufgeschrieben.
Deren Vorschläge sind nicht neu. Sie reichen von der Anhebung des Renteneintrittsalters über das Ende der abschlagsfreien Frührente, den Aufbau einer kapitalgedeckten Zusatzversicherung bis hin zur Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors, der die Rentenerhöhungen dämpft, wenn die Zahl der Rentner stärker als die der Beitragszahler steigt.
Setzt die Bundesregierung die Vorschläge nicht rasch um oder verwässert diese, dürften in den nächsten Jahren noch mehr Junge die Exit-Option wählen. Dann müssen auch die Rentner um ihren Wohlstand bangen.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Malte Fischer
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira