Der andere Blick
Deutschland erhöht das Elterngeld – doch die bürokratischen Hürden für Familien bleiben bestehen
Statt Eltern immer neue Anreize zu setzen, sollte der Staat ihnen mehr Freiheit lassen und die Verwaltung vereinfachen. Damit wäre jungen Familien mehr geholfen als mit einer lange überfälligen Erhöhung.
29.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Eltern sollen um bis zu einhundert Euro mehr im Monat bekommen.
Michael Sohn / AP
Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Armin Arbeiter, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.
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Deutschland bekommt zu wenige Kinder. Im vergangenen Jahr kamen 654 241 Babys zur Welt, so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die Geburtenrate sank auf 1,32 Kinder je Frau.
Es ist verständlich, dass Familienministerin Karin Prien nun ein Signal an junge Eltern senden will. Erstmals seit Einführung des Elterngelds 2007 sollen Mindest- und Höchstsatz steigen: von 300 auf 330 beziehungsweise von 1800 auf 1900 Euro im Monat.
Das ist besser als nichts. Eine familienpolitische Wende ist es allerdings nicht. Seit 2007 hat das Elterngeld erheblich an Kaufkraft verloren. Hundert Euro mehr am oberen und dreissig Euro am unteren Ende gleichen davon nur einen kleinen Teil aus. Als Anreiz, mehr Kinder zu bekommen, dürfte die Erhöhung ohnehin wenig bewirken. Das hätte Prien wohl günstiger haben können. Denn Elterngeld zu beantragen ist schon heute derart kompliziert, dass es einen eigenen Markt für professionelle Elterngeldberater gibt.
Bürokratische Hürden
Eltern können zwischen Basiselterngeld, Elterngeld Plus und Partnerschaftsbonus wählen und müssen dabei unter anderem die angestrebten Bezugsmonate, Arbeitszeiten, Einkommen und Kombinationsmöglichkeiten berücksichtigen.
Selbst die Familienministerin persönlich räumte im September ein, dass es so nicht weitergehen kann. Im Bundestag sprach sie von bis zu 35 Seiten für einen Elterngeldantrag: «Das geht einfach gar nicht.» Das soll sich ändern. Bis wann, ist unklar – und bis dahin werden Eltern in einigen deutschen Bundesländern den am Computer ausgefüllten Antrag anschliessend auszudrucken, unterschreiben und per Post abzuschicken, da die Digitalisierung noch auf sich warten lässt.
Klar ist: Das Elterngeld ist beliebt und mit Aussicht auf bis zu 80 Prozent des früheren Nettoeinkommens nimmt man einen Bürokratie-Tag wohl in Kauf. Doch das ist kein Argument für mehr Bürokratie.
Auf genau das läuft die Reform aber hinaus. In Zukunft sollen von den 14 Monaten, in denen es Elterngeld gibt, vier fest für die Mutter und vier für den Vater reserviert sein. Bislang waren es zwei. In den reservierten Monaten sollen künftig 80 Prozent des früheren Nettoeinkommens ersetzt werden, in den sechs frei verteilbaren Monaten dagegen nur 50 Prozent. Wer sich also so verhält, wie es die Politik für wünschenswert hält, bekommt mehr Geld. Wer sein Familienleben anders organisiert, weniger.
Priens Reform zeigt damit ein merkwürdiges Verständnis von Familienpolitik: Der Staat bekommt seine eigene Verwaltung nicht einfach genug organisiert, will aber umso genauer organisieren, wie Eltern ihr Familienleben gestalten.
Familien sind unterschiedlich
Das Ziel dahinter: Väter sollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und Mütter früher in den Beruf zurückkehren können. Die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung soll damit «geschlechtergerechter» werden. Tatsächlich ist der Anteil der Väter, die Elterngeld beziehen, seit dessen Einführung stark gestiegen. Drei von vier Vätern beschränkten sich zuletzt allerdings auf die zwei Monate. Untersuchungen legen zudem nahe, dass diese kurze Auszeit die spätere Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung kaum dauerhaft verändert.
Ob vier statt zwei reservierte Monate daran nachhaltig etwas ändern, ist offen. Dass der Staat deshalb die Wahlfreiheit aller Eltern weiter einschränken sollte, folgt daraus jedenfalls nicht.
Familien funktionieren nun einmal unterschiedlich. Eine Selbständige und ein Angestellter haben andere Möglichkeiten als zwei Beamte. Schichtarbeiter andere als Beschäftigte im Homeoffice. Manche Väter wollen ein halbes Jahr übernehmen, manche können sich vier Monate berufliche Auszeit kaum leisten. Familienfreundlich wäre es, Eltern möglichst viele dieser Entscheidungen selbst zu überlassen.
Die Erhöhung des Elterngeldes um 30 beziehungsweise 100 Euro ist nach fast zwanzig Jahren ohne Anpassung überfällig. Deutschlands niedrige Geburtenrate wird sie kaum steigern. Will Karin Prien jungen Menschen das Kinderkriegen erleichtern, sollte ihr Ressort nicht immer neue finanzielle Anreize und Regeln erfinden. Mehr geholfen wäre vielen Familien mit einem Staat, der ihnen weniger Arbeit macht – und ihnen zutraut, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Familie organisieren.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Armin Arbeiter
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