Der Absturz des Glücksritters: Wie der Schweizer Investor Adriano Agosti sein Lebenswerk verlor

Als Firmenjäger machte Adriano Agosti einst ein Vermögen. Doch nun wurde der Polospieler mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Eine US-Firma schnappte ihm sein Solarimperium in Polen weg.

31.10.2026, 21.45 Uhr

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Polo mit der Royal Family: Adriano Agosti neben Prinz Harry bei einem Charity-Turnier des Coworth Park Polo Club am 29. Mai 2016. Agostis Team unterlag dem Quartett mit den beiden Prinzen 4 zu 5.

Polo mit der Royal Family: Adriano Agosti neben Prinz Harry bei einem Charity-Turnier des Coworth Park Polo Club am 29. Mai 2016. Agostis Team unterlag dem Quartett mit den beiden Prinzen 4 zu 5.

Tony Ramirez / www.imagesofpolo.com

Hier sitzt ein Mann, der um sein Lebenswerk kämpft. Sein Vermögen, seinen Ruf, seine Ehre als Geschäftsmann. «Was passiert ist, kann ich nicht einfach hinnehmen», sagt Adriano Agosti, 71. Er will kämpfen, auch für die 250 Mitarbeiter seiner Firma, die den Job verloren haben. «Wenn ich gewinne, dann fliesst das Geld in einen Fonds, der ihnen zugutekommt», verspricht Agosti.

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Das Haar ist schütterer geworden, die Lippen dünner, das Siegerlächeln blitzt seltener auf. Das ist ein anderer Adriano Agosti als der, den die Schweiz vor 24 Jahren kennengelernt hatte. Aus dem Nichts war er damals aufgetaucht. Damals wurde der Sohn eines Gipsermeisters aus Oerlikon auf einen Schlag national bekannt. Er hatte das Präsidium des Verlages Jean Frey AG übernommen und wurde zu einer zentralen Figur der Schweizer Medienlandschaft. Die «Weltwoche» vermachte er Roger Köppel, «Bilanz» und «Beobachter» gingen an Ringier.

Tettamanti war sein Lehrmeister

Agosti war damals der Juniorpartner des Tessiner Financiers Tito Tettamanti. Mit dem Coup bei Jean Frey wurde das Duo landesweit bekannt. Tettamanti war der Geldgeber und strategische Kopf im Hintergrund, Agosti der Mann für das Rampenlicht.

Aktien von unterbewerteten Firmen kaufen, das Management auswechseln und das Kapital rausnehmen, teuer weiterverkaufen – dieses Handwerk lernte Agosti bei Tettamanti. Agosti spricht noch heute ehrfürchtig von «Doktor Tettamanti», wenn er über seinen Lehrmeister redet.

Nach drei Jahren hatte Agosti ausgelernt und machte sich selbständig als Raider. Der Kioskkonzern Valora, die Industrieholding Cham und die Chemiefirma Ciba bekamen es mit Agosti zu tun. Er sei keine Heuschrecke, sondern ein Value-Investor, versicherte er damals dem «Sonntags-Blick». Dann brach die Finanzkrise aus, die Aktienkurse fielen, Banken kappten die Kredite, es wurde ruhig um den Firmenjäger Agosti. Schlagzeilen machte er nur noch in den Klatschspalten mit einem jahrelangen Scheidungskrieg.

Glamourpaar: Adriano Agosti und Ex-Frau Lauri Simpson bei einem Vorabend-Event der Art Basel im Jahr 2009.

Glamourpaar: Adriano Agosti und Ex-Frau Lauri Simpson bei einem Vorabend-Event der Art Basel im Jahr 2009.

Joe Schildhorn / Patrick McMullan / Getty

Doch abseits des Rampenlichts war Agosti aktiver denn je. Alle zehn Jahre werde es ihm langweilig, sagt er. Dann erfinde er sich neu als Unternehmer.

Mit dem Nachhaltigkeitsboom in den 2010er Jahren erkannte er eine neue Chance. Der Zürcher führt zwar ein Jetset-Leben zwischen St. Moritz, London und Dubai. Er besitzt zwei Polo-Teams in England und Argentinien und tritt an Turnieren gegen die Royal Family an. Gleichzeitig bezeichnet er sich als Naturliebhaber, dem Umweltschutz ein grosses Anliegen sei. Nun wollte er seine Leidenschaften für Geld, Glamour und Natur verbinden.

Geldmaschine dank Nachhaltigkeitsboom

2016 liquidierte er seinen Investmentfonds und gründete zusammen mit dem britischen Anwalt Daniel Tain die Golden Peaks Holding, eine Entwicklerin von Solarparks. Der Hauptsitz der Holding befand sich in Malta, die Finanzabteilung war in London, ein Team in Zug, ein weiteres in Berlin.

Gebaut wurde in Polen und Ungarn. Innert weniger Jahre stieg Golden Peaks zum grössten Betreiber von Solarparks in Polen auf. Ende 2025 betrieb sie dort Anlagen mit einer Kapazität von 0,7 Gigawatt, das ist mehr als der Energiepark Witznitz, der grösste Solarpark Deutschlands. Anlagen für weitere 1,4 Gigawatt befanden sich im Bau. Zu den 22 Standorten in Polen kamen 3 weitere in Ungarn hinzu.

Solarpanels statt Weizenfelder: Agostis Firma Golden Peaks war der grösste Betreiber von Solarparks in Polen. Das Bild zeigt eine Anlage in Brodowo. Inzwischen gehört sie dem amerikanischen Investor Brookfield.

Solarpanels statt Weizenfelder: Agostis Firma Golden Peaks war der grösste Betreiber von Solarparks in Polen. Das Bild zeigt eine Anlage in Brodowo. Inzwischen gehört sie dem amerikanischen Investor Brookfield.

Golden Peaks Capital

Internationale Firmen schlossen Abnahmeverträge bis 2035 und darüber hinaus ab. Dazu zählten Weltkonzerne wie Nestlé, Mondelez, Mars, Google oder Kronospan.

Auch die Investoren standen Schlange. Vor allem deutsches Geld floss nach Polen. Siemens, die Bayerische Landesbank (Bayern LB), die staatliche Förderbank KfW, die DZ Bank oder die Berenberg Bank schossen dreistellige Millionensummen ein. Nicht in diese Reihe passt einzig der mit knapp 300 Millionen Euro grösste Geldgeber: die amerikanische Investmentfirma Brookfield Asset Management. Von ihr wird noch die Rede sein. Insgesamt beliefen sich die Kredite auf knapp eine Milliarde Euro.

Agosti und Tain konnten sich beglückwünschen. Sie hatten eine Geldmaschine erschaffen, von der alle profitierten: Polen von den Investitionen, die Abnehmer vom zertifizierten Öko-Strom, die Geldgeber von stolzen Zinszahlungen und natürlich die Gründer selber. Gemäss dem auditierten Geschäftsbericht verfügte Golden Peaks Ende 2024 über 806 Millionen Euro Eigenkapital.

Doch seither ging es nur noch bergab – und was die Gründe dafür sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Klar ist einzig: Der polnische Solarboom scheiterte am veralteten Stromnetz des Landes. Um den Zusammenbruch des Netzes an sonnigen Tagen zu verhindern, blockte der Netzbetreiber PSE die Zufuhr von Solarstrom ab. Golden Peaks konnte den Strom nicht verkaufen und verfehlte die Ertragsziele aus den Abnahmeverträgen.

Ein Richter in Texas entscheidet über polnische Solarparks

Dadurch geriet die Firma bereits 2025 in Schieflage. Agosti und Tain bemühten sich erfolglos, neues Eigenkapital zu beschaffen. Anfang dieses Jahres spitzte sich die Krise zu. Der polnischen Betreibergesellschaft Spectris ging bereits im Januar das Geld aus, die Behörden blockierten sämtliche Konti. Die Lieferanten blieben auf ihren Rechnungen sitzen, 250 Leute verloren ihren Job. Die Gründer zogen sich aus dem Verwaltungsrat zurück.

Im Chaos schlug die Stunde des amerikanischen Investors Brookfield. Die Amerikaner rollten einen Plan aus, der ihnen letztlich die Kontrolle über die Solarparks von Golden Peaks sicherte.

Brookfield delegierte zwei eigene Vertreter in den Verwaltungsrat, schoss einen Notkredit von 12 Millionen Dollar ein und handelte ein Stillhalteabkommen mit den übrigen Geldgebern aus. Der entscheidende Kniff war aber ein anderer: Der neu formierte Verwaltungsrat liess in den USA eine Briefkastenfirma gründen. Dadurch wurde Golden Peaks zu einer amerikanischen Firma – und unterstand nun amerikanischem Recht.

Mitte April stand der Kollaps unmittelbar bevor. Die Liquidität sei innert weniger Wochen verdampft, schreibt der Gläubigervertreter später in einer gerichtlichen Erklärung. Die flüssigen Mittel betrugen noch 1,1 Millionen Euro, die Schulden schwollen auf 952 Millionen Dollar an.

Zwei Tage vor Ablauf des Stillhalteabkommens beantragte Golden Peaks bei einem Konkursgericht in Texas Gläubigerschutz gemäss Chapter 11. Anders als das europäische Konkursverfahren zielt dieses nicht auf die Liquidation ab, sondern auf Fortführung des Unternehmens.

Der zuständige Richter gab grünes Licht und ordnete einen Notverkauf für das Solarportfolio an. Der einzige Bieter: Brookfield Asset Management. Die Amerikaner erhielten den Zuschlag und wurden vom Gläubiger zum Besitzer der polnischen Solarparks. Die Übernahme konnte Brookfield praktischerweise aus den bereits eingeschossenen Krediten finanzieren.

Agosti gibt seinem Geschäftspartner die Schuld

Agosti hatte seine Firma verloren. Seine Aktien waren längst verpfändet, das Eigenkapital der Gründer wurde per Gerichtsbeschluss vernichtet. Sein Anteil von über 400 Millionen Euro hatte sich in Luft aufgelöst.

Agosti sieht sich als Opfer eines Komplottes zwischen Brookfield und seinem früheren Geschäftspartner Daniel Tain. Dieser habe die Amerikaner 2022 als Geldgeber an Bord geholt. 2025 habe er ihnen ohne Rücksprache und per unzulässiger Einzelunterschrift Garantien in zweistelliger Millionenhöhe gewährt. Unterzeichnet habe er als «President» – obwohl der Titel in den Statuten von Golden Peaks nicht vorgesehen sei. «Mein ehemaliger Geschäftspartner hat mich hintergangen», sagt er.

Tain sei für alle Fragen der Projektfinanzierung verantwortlich gewesen, sagt Agosti. Seine eigene Rolle habe sich hingegen darauf beschränkt, die Geschäftsleitung zu unterstützen, «indem ich Beratung, Coaching und strategische Impulse lieferte».

Auf Anfrage wollte Tain nicht Stellung nehmen zu den Vorwürfen. Auch Brookfield und die involvierten Banken lehnten eine Stellungnahme ab.

Agosti hat vor einem Gericht in Malta Zivilklage gegen Tain und zwei weitere Verwaltungsräte eingereicht. Die Erfolgsaussichten sind ungewiss. Letztlich ist Malta nur ein Nebenschauplatz, die relevanten Entscheide fallen in Texas.

Gegen Brookfield hat Agosti keine Klage eingereicht. In einer Analyse stiessen seine Leute auf rund zehn weitere Fälle, in denen Brookfield ebenfalls vom Gläubiger zum Mitbesitzer einer Firma wurde. Dagegen gab es Klagen, doch rechtskräftig verurteilt wurde Brookfield nie. Die Aufstellung belege eine wiederkehrende Methode, aber kein rechtswidriges Handeln, heisst es im Papier nüchtern.

Mit Angriffen auf Firmen in Schieflage hatte Agosti vor 25 Jahren ein Vermögen gemacht. Nun wurde er mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Guido Schätti

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