Debakel für die Regierungspartei ANC bei Kommunalwahlen in Südafrika
Der African National Congress (ANC) erzielt das schlechteste Ergebnis seit dem Ende der Apartheid 1994. Während die Opposition deutlich zulegt, straften die Wähler die einstige Befreiungsbewegung ab.
Bettina Rühl, Nairobi08.11.2026, 15.47 Uhr
3 Leseminuten
Der ANC, die Partei des früheren Präsidenten Nelson Mandela, wird für Missstände in Südafrika verantwortlioch gemacht.
KIM LUDBROOK/keystone-sda.ch
Bei der Kommunalwahl in Südafrika hat der African National Congress (ANC) laut dem vorläufigen Ergebnis hohe Verluste erlitten. Nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen steht die aus dem Anti-Apartheid-Kampf hervorgegangene Partei, die lange unangefochten regieren konnte, landesweit bei 30,8 Prozent.
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Das wäre das schlechteste Ergebnis seit 1994, als die Partei mit Nelson Mandela nach dem Ende der Apartheid erstmals an die Macht kam. An zweiter Stelle steht die wirtschaftsliberale Democratic Alliance (DA) mit 24 Prozent. Die Beteiligung stieg laut der Wahlkommission auf 55 Prozent, nach 46 Prozent im Jahr 2021. Das offizielle Endergebnis steht noch aus.
ANC-Generalsekretär Fikile Mbalula bezeichnete die Resultate am Samstag als «katastrophal». Bei der Kommunalwahl von 2021 hatte die Partei landesweit noch 46 Prozent der Stimmen erhalten. In Kapstadt, Tagungsort des südafrikanischen Parlaments, hat sich die DA erneut durchgesetzt: Sie behauptet die Stadt und sichert sich vier Kommunen in der Provinz Westkap. Auch in den Metropolen Johannesburg und Tshwane liegt die DA nach vorläufigen Ergebnissen vorn, in Johannesburg mit weitem Abstand.
Ethnisch gemischte Partei setzt sich durch
Die DA hat eine ethnisch gemischte Wählerschaft: Bei der Wahl 2024 stammten rund 43 Prozent ihrer Stimmen von Weissen. Von der Schwäche des ANC profitierten auch kleinere Parteien: In Durban lag die MK-Partei des früheren Präsidenten Jacob Zuma bei knapp der Hälfte der Auszählung mit gut 40 Prozent vorn. In Tshwane kam die ActionSA, die im Wahlkampf massiv gegen Einwanderer Stimmung gemacht hatte, bei knapp 70 Prozent Auszählung auf rund 23 Prozent, nach 8,6 Prozent im Jahr 2021.
Als Gründe für die Verluste nannte ANC-Generalsekretär Mbalula gestiegene Lebenshaltungskosten, vor allem bei Wählern der Mittelschicht, und Schwächen im Wahlkampf der Parteispitze. Zudem sei die Wahlbeteiligung der ANC-Anhänger niedrig gewesen, während DA-Anhänger zahlreich wählen gegangen seien. Auch räumte er ein, der ANC müsse Verantwortung für Missstände in den Kommunen, schlechte Dienstleistungen, interne Spaltungen und bürgerferne Vertreter übernehmen; er könne nicht länger allein von seiner Geschichte leben.
In mehreren wichtigen Kommunen und städtischen Zentren sieht sich die Partei zudem stärkerer Konkurrenz durch Oppositionsparteien gegenüber. Vielerorts zeichnen sich Gemeinderäte ohne klare Mehrheit ab. Koalitionen werden daher eine grosse Rolle spielen. Mbalula sagte, der ANC könne in manchen Kommunen auch in der Opposition bleiben, statt Vereinbarungen zu treffen, die er für ungünstig halte.
Im Wahlkampf spielte das Thema der irregulären Migration eine grosse Rolle. Seit Monaten protestierten Gruppierungen gegen Migrantinnen und Migranten ohne legalen Aufenthaltsstatus. ActionSA-Chef Herman Mashaba stellte sie ins Zentrum seiner Kampagne für das Bürgermeisteramt in Johannesburg. Auch ANC-Politikern wurde vorgeworfen, Stimmung gegen Migranten zu machen. Laut Kritikern würden die Eingewanderten als Sündenböcke für Arbeitslosigkeit und schlechte Dienstleistungen benutzt. Die Anti-Migrations-Aktivisten argumentieren, dass die Migranten den Südafrikanern Jobs wegnähmen. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei knapp 34 Prozent, bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren bei über 60 Prozent. Südafrikanische Faktenprüfer halten dagegen, dass Ausländer laut Steuerdaten nur rund vier Prozent der formellen Jobs besetzen.
Schlechter Leistungsausweis der Kommunen
Wie entscheidend die Migrationsdebatte bei der Stimmabgabe war, lässt sich aus den vorläufigen Zahlen noch nicht sagen. Kommunalwahlen werden traditionell von Themen wie Müllabfuhr, Strom und anderen Dienstleistungen entschieden. Viele Südafrikaner sind mit den Leistungen der Kommunen unzufrieden. Im katastrophalen Ergebnis des ANC dürfte sich auch die verbreitete Enttäuschung über dessen Bilanz in den Kommunen zeigen. So fiel in diesem Jahr in Johannesburg immer wieder tagelang das Wasser aus. Auch bei der Finanzführung gibt es Mängel: Nur 39 der 257 Kommunen erhielten bei der jüngsten Kontrolle der Rechnungsprüfungsbehörde die beste mögliche Note. Sie bedeutet, dass die Jahresabschlüsse keine wesentlichen Fehler enthalten und auch bei Leistungsberichten und der Einhaltung der Gesetze nichts Wesentliches zu beanstanden ist. Keine der acht Metropolen erreichte sie. Kapstadt, das von der DA regiert wurde, verlor die früher erteilte Bestnote.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Bettina Rühl
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