Das Zürcher Unispital ermittelte ein halbes Jahr lang gegen einen Klinikdirektor. Nun ist der Urologe gegangen. Ein Kantonsrat sagt: «Er ist ein Bauernopfer»

Kritiker monieren, man habe den Chefarzt an Kleinigkeiten aufgehängt. Die Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) habe nach den Problemen mit dem Fall Maisano eine harte Hand zeigen wollen.

23.10.2026, 05.02 Uhr

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War es eine Überreaktion nach der Affäre Maisano? Das Zürcher Universitätsspital (USZ) muss sich kritische Fragen im Umgang mit einem Klinikdirektor gefallen lassen.

War es eine Überreaktion nach der Affäre Maisano? Das Zürcher Universitätsspital (USZ) muss sich kritische Fragen im Umgang mit einem Klinikdirektor gefallen lassen.

Andrea Zahler / CH Media

Am Unispital rumort es wieder. Der Klinikdirektor der Urologie, Daniel Eberli, geht. Dies, nachdem er über ein halbes Jahr suspendiert und mit einem Operationsverbot belegt gewesen war, weil eine Administrativuntersuchung gegen ihn lief. Inzwischen liegen deren Ergebnisse vor. Darin wird Eberli vorgeworfen, er habe über mehrere Jahre organisatorische und die Dokumentation betreffende Vorgaben nicht eingehalten. In der Untersuchung werden die Verstösse als «systematisch» und «erheblich» bewertet. Das klingt heftig.

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Klinikdirektor der Urologie, Daniel Eberli.

Klinikdirektor der Urologie, Daniel Eberli.

PD

Doch Kritiker monieren, die Vorwürfe beträfen nur Nebensächlichkeiten und seien letztlich konstruiert. Auf Druck der Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) werde ein Exempel an diesem hochqualifizierten Arzt statuiert. Das sei ein Schildbürgerstreich, der dem Medizinstandort schaden werde.

Um den Fall besser zu verstehen, muss man zum Ursprung des Konflikts zurückgehen. Anfang 2025 war Eberli in die Kritik geraten, weil er einen seiner leitenden Ärzte dabei unterstützt hatte, sich für eine Prüfung anzumelden, für welche dieser nicht die nötigen Qualifikationen hatte. Konkret hatte der Arzt von bestimmten Operationen zu wenige oder gar keine durchgeführt.

Der Arzt frisierte in der Folge die Zahlen, und Eberli bestätigte diese mit seiner Unterschrift. Obwohl er als direkter Vorgesetzter genau wissen musste, dass die Angaben nicht stimmen konnten.

Whistleblower brachten die Sache damals ans Licht, zahlreiche Urologen kritisierten Eberli. Die CEO des Unispitals, Monika Jänicke, sagt zur NZZ: «Das ist ein Verhalten, das nicht zu den Werten des Unispitals passt.» Das Spital leitete eine Untersuchung ein, welche die Vorwürfe bestätigte. Sowohl Eberli als auch der leitende Arzt kassierten einen Verweis. Sie durften aber am Spital bleiben.

Begründet wurde dies damit, dass es sich um einen Einzelfall handle, kein strafrechtlicher Tatbestand vorliege, keine Patienten gefährdet worden seien und beide Mediziner sonst stets einwandfreie Arbeit geleistet hätten. Die Sache hätte damit vom Tisch sein können. Doch es kam anders.

Rickli forderte Eberli zum Rücktritt auf

Nur zwei Wochen nachdem der Verweis gegen die beiden Ärzte bekanntgeworden war, kam es zu einer denkwürdigen Sitzung im Zürcher Kantonsparlament. Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) liess damals klar durchblicken, dass sie die Weiterbeschäftigung der Ärzte nicht goutiere. Aus personalrechtlichen Gründen könne man «den beiden Herren» offenbar nicht kündigen, sagte sie, legte ihnen aber nahe, doch gleich selbst zurückzutreten. Denn sie habe «langsam genug von Klinikdirektoren, die für Negativschlagzeilen sorgen».

Man muss wissen, dass zu jener Zeit ein anderer Fall am Unispital wieder hochgekocht wurde: jener von Francesco Maisano. Ein Untersuchungsbericht hatte dem ehemaligen Klinikdirektor der Herzchirurgie nachgewiesen, dass es unter seiner Führung zu zahlreichen vermeidbaren Todesfällen an der Klinik gekommen war. Kritik wurde nicht nur an Maisano selbst laut, sondern auch an der Spitalführung sowie an den politischen Verantwortlichen. Diese seien nicht konsequent genug eingeschritten, als klar geworden sei, dass an der Klinik Missstände geherrscht hätten.

In diesem Klima passierte die Sache mit Daniel Eberli. Die Verantwortlichen auf allen Ebenen standen unter Druck zu beweisen, dass man nun keinerlei Fehlverhalten mehr dulde.

Ein halbes Jahr nach dem Verweis und der Äusserung von Natalie Rickli im Parlament wird eine neue Untersuchung gegen Eberli eingeleitet. Dabei sollen diverse Vorwürfe untersucht werden, die ans Unispital herangetragen wurden. Eberli wird im März 2026 erneut freigestellt und darf während der Untersuchung, die sechs Monate dauern wird, nicht mehr operieren.

Urologe: «Es ist ein Systemfehler»

Der Hauptvorwurf, der Eberli im Bericht gemacht wird: Unter seiner Führung hätten Ärzte Operationen durchgeführt, für die sie nicht ausreichend qualifiziert gewesen seien. Das klingt zwar nach einem gravierenden Missstand, bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass es sich mehr um ein technisches Problem handelt.

In der Urologie gibt es mehrere Kategorien von Operationen. Für besonders schwierige Eingriffe muss man über den Schwerpunkttitel «operative Urologie» verfügen. Will jemand die Operation durchführen, der nur über einen normalen Facharzttitel für Urologie verfügt, muss jemand mit dem Schwerpunkttitel dabei sein.

Nun sind in die Kategorie der schwierigen Eingriffe aber auch Operationen eingeteilt worden, die einfache Standardeingriffe sind. «Man könnte von einem Systemfehler sprechen», sagt Roger Gablinger, Gründer und Chefarzt von Uroviva, dem grössten urologischen Netzwerk des Landes. Im Fall «Eberli» geht es um fünf Operationen. «Für diese Operationen bedarf es keiner erhöhten Qualifikation», sagt Gablinger. Sie würden denn auch an allen ihm bekannten Spitälern von Fachärzten oder fortgeschrittenen Assistenzärzten im Alleingang durchgeführt. Gerade für die Weiterbildung sei dies auch wichtig. Man müsse lernen, solche verhältnismässig einfachen Operationen irgendwann in eigener Verantwortung zu machen.

So wurde dies bis anhin auch an der Urologie des Unispitals gehandhabt. Doch genau dies wird dem Klinikdirektor nun zum Vorwurf gemacht. «Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen», sagt Gablinger. «Hier trifft es den falschen Mann.»

Ein zweiter zentraler Vorwurf gegen Eberli betrifft das Ausfüllen von Operationsberichten. Zum Teil war er als «Verantwortlicher Chirurg» eingetragen, obwohl er nicht an der Operation beteiligt war. Dabei handelt es sich allerdings um ein fakultatives Feld, das zum Teil gar nicht ausgefüllt wurde. So bestätigen auf Anfrage der NZZ andere Kliniken im Kanton, dass es in ihren Berichten ein solches Feld gar nicht gebe. Das Feld «Verantwortlicher Chirurg» ist denn auch nicht massgebend für die Entlöhnung oder dergleichen. Eberli zog also keinen Vorteil daraus, wenn er auf einem Bericht erschien. Entscheidend ist vielmehr, dass korrekt ausgefüllt ist, wer die Operation tatsächlich durchgeführt hat. Diesbezüglich konnte die Untersuchung Eberli und der Klinik keine Fehler nachweisen.

Vor allem aber hält der Bericht fest, man habe keine Hinweise darauf gefunden, dass die medizinische Qualität der Behandlungen oder die Sicherheit der Patientinnen und Patienten beeinträchtigt gewesen seien.

«Nach der Maisano-Affäre wollte man eine harte Hand zeigen»

Für Josef Widler, Kantonsrat (Mitte) und ehemaliger Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, ist klar: «Man wollte nach der Maisano-Affäre ein Exempel statuieren an Herrn Eberli. Sonst gibt es keine intelligente Erklärung für den Umgang mit ihm.» Es sei schon übertrieben gewesen, ihm ein halbjähriges Berufsverbot zu erteilen, ohne dass ihm ein medizinischer Fehler habe nachgewiesen werden können. «Ein solcher Schritt ist nur legitim, wenn Patienten gefährdet sind.» Offensichtlich habe man eine harte Hand zeigen wollen, nachdem man diese im Falle Maisano vermissen liess. «Daniel Eberli ist ein Bauernopfer.»

Widler bedauert, dass sich Eberli unter diesem Druck nun entschieden habe, seine Stelle zu kündigen. «Er ist ein hochqualifizierter Arzt und hat auch seine Klinik gut geführt.» Sie sei mehrfach ausgezeichnet worden. So kürte das amerikanische Magazin «Newsweek» sie dieses Jahr einmal mehr zur besten urologischen Klinik der Schweiz und zu einer der besten weltweit. Etwas, was auch das Unispital in einer News-Meldung erfreut vermerkte.

Widler hat in dieser Sache zwei kritische Anfragen im Kantonsrat eingereicht. Diese wird der Regierungsrat nun beantworten müssen.

Daneben wurde auch eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht, von Lukas Fierz. Der Küsnachter ist selbst Arzt und sass einst für die Grünen im Nationalrat. Er fürchtet einen Imageschaden sowohl für das Unispital als auch für den Medizinstandort als Ganzes. «Daniel Eberli geniesst international einen ausgezeichneten Ruf.» Unter den Urologen werde sicher registriert, wie man mit ihm umgegangen sei. Einen guten Nachfolger zu finden, werde unter diesen Umständen wohl schwierig. Dass man ihn aus politischen Gründen wegen «irrelevanter Details» abgestraft habe, hält er für einen Schildbürgerstreich. Denn auch Fierz ist überzeugt, dass dies eine Überreaktion nach der Affäre Maisano war.

Das Zürcher Unispital schreibt auf Anfrage, man nehme die Ergebnisse der Untersuchung sehr ernst. Das Spital habe die organisatorischen Konsequenzen gezogen sowie die betroffenen Kontroll-, Führungs- und Dokumentationsprozesse überprüft und angepasst.

Die Gesundheitsdirektion schreibt in einer Stellungnahme, dass personalrechtliche Fragen in die Zuständigkeit des Spitals fielen. Es werde aber noch eine «Beurteilung aus gesundheitspolizeilicher Sicht» durch das Amt für Gesundheit erfolgen. Auf die Frage der NZZ, was Natalie Rickli zum Vorwurf sage, sie habe Druck auf das Spital ausgeübt, gibt die Medienstelle keine klare Antwort. In der Wochenzeitung «WoZ» liess sie sich am Donnerstag noch so zitieren: «Von Ärzten und Klinikdirektoren darf höchste Integrität und Sorgfalt bei der Arbeit erwartet werden. Die Reputation des USZ leidet unter allen Klinikdirektoren, die für Negativschlagzeilen sorgen, ob sie Maisano, Eberli oder anders heissen.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jan Hudec

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