Das Mittelmeer verkommt zur Badewanne – das gefährdet das Tourismusparadies Sardinien

Vor der Insel steigen die Wassertemperaturen auf Rekordwerte. Nun sucht Sardinien nach Wegen, sich an den rasanten Klimawandel anzupassen. Die Zeit der weissen Traumstrände könnte vorbei sein.

Ulrike Sauer, Cagliari02.11.2026, 19.11 Uhr

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SANTA TERESA DI GALLURA, ITALY - JUNE 20: An aerial view of a beach in Santa Teresa di Gallu on June 20, 2026 in Santa Teresa di Gallura, Italy. (Photo by Emanuele Perrone/Getty Images)

SANTA TERESA DI GALLURA, ITALY - JUNE 20: An aerial view of a beach in Santa Teresa di Gallu on June 20, 2026 in Santa Teresa di Gallura, Italy. (Photo by Emanuele Perrone/Getty Images)

Emanuele Perrone / Getty

Valter Rizzardini träumt von einer neuen Miesmuschel. Sie soll auf Sardinien Wassertemperaturen von mehr als 30 Grad überleben. Der Lagunenfischer aus Cagliari hofft, dass sie sich an die Hitzewellen im Meer anpasst. «Andernfalls gibt es keine Zukunft für die Muschelzucht im Mittelmeer», sagt er. Rizzardini steuert sein Boot durch die Lagune von Santa Gilla, einem der wertvollsten Feuchtgebiete des Mittelmeerraums. Im Westen thront die Burg San Michele auf einem Hügel Cagliaris.

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Das Idyll hier trügt. Die letzte Miesmuschelernte brachten die Fischer 2024 ein. Resigniert blickt Rizzardini nach Süden, wo die 700 Meter breite Mündung die Lagune mit dem offenen Meer verbindet. Vor ihm liegt die Zuchtanlage: 50 Langleinen mit je 40 Feldern, markiert von einem Meer aus bunten Bojen. «Schauen Sie sich um», sagt Rizzardini. «Wo immer Sie die Seile über der Wasseroberfläche sehen, ist alles tot.»

Wassertemperaturen von 32 Grad und mehr Wirbelstürme

Die 130 Mitglieder der Fischereigenossenschaft Santa Gilla werden auch nächstes Jahr leer ausgehen – zum dritten Mal in Folge. Die Anfang dieses Jahres ausgebrachten Jungmuscheln gingen im Juli zugrunde, als sich das Wasser auf 32 Grad erwärmte. «2027 wird eine Tragödie sein», sagt Rizzardini. Was den Fischern existenzielle Sorgen bereitet, erlebten in diesem Sommer auch viele Feriengäste: Das Wasser war vielerorts so warm, dass es kaum noch Abkühlung brachte. Auch am Poetto, Cagliaris beliebtem Stadtstrand, sei Baden kein Vergnügen mehr gewesen, sagt der Meeresbiologe Antonio Olita. Am Institut des Nationalen Forschungsrats (CNR) erforscht er Hitzewellen im Meer.

Das Mittelmeer gilt als Brennpunkt der Klimakrise. Seine Wassertemperatur steigt rund 20 Prozent schneller als die aller Ozeane. Olitas Messdaten zeigen nicht nur die anhaltende Erwärmung, sondern auch, wie rasch extreme Hitzewellen aufeinanderfolgen. «Es ist, als stiege man eine Treppe hinauf, deren Stufen immer höher werden», sagt er.

Für die Fischer von Santa Gilla begann das schwärzeste Jahr ihrer Genossenschaft schon im Winter mit einem verheerenden Vorboten. Der Wirbelsturm «Harry» verwüstete im Januar die Küsten Süditaliens und zerstörte ihre Muschelfarm. Noch schwerer wogen die Folgen der Regenfälle: Über die beiden Zuflüsse gelangte so viel Süsswasser in die Lagune, dass der Salzgehalt von 12 auf nur noch 1 Promille sank. Miesmuscheln und Austern schlossen ihre Schalen. Ohne Nahrung und Sauerstoff starben sie ab.

Weil Zyklone wie «Harry» ihre zerstörerische Energie über dem warmen Mittelmeer aufladen, schwant Wissenschaftern Böses. «Nach den Hitzerekorden dieses Sommers müssen wir im Winter erneut mit schweren Stürmen rechnen», sagt der Biologe Olita.

Grosser Druck auf die Lagune

In Cagliari zeigt sich, was die Klimakrise für eine Insel, deren Wirtschaft und Kultur seit Jahrhunderten eng mit dem Meer verbunden sind, bedeutet – und wie sie sich an dessen rasanten Wandel anzupassen versucht.

Die Lagune Santa Gilla und ihre Küsten stehen beispielhaft für diese Herausforderung. Das weitläufige Feuchtgebiet speichert grosse Mengen Kohlenstoff und bietet zahlreichen Arten Lebensraum. Als Teil des europäischen Netzes besonderer Erhaltungsgebiete steht es unter Schutz. Doch der Druck ist enorm: An die Ufer grenzen Flughafen, Industrieanlagen und Landwirtschaft. Die Zuständigkeiten sind auf ein halbes Dutzend öffentlicher Stellen verteilt, konkrete Massnahmen bleiben oft in einem Kompetenzchaos stecken.

Das soll ein Lagunenvertrag ändern. Matteo Massa, der Umweltverantwortliche der Metropolregion Cagliari, will Behörden, Unternehmen und lokale Interessengruppen wie die Fischer an einen Tisch bringen. «Ziel ist es, den Schutz der Lagune besser zu koordinieren und Investitionen in die Klimaanpassung anzuziehen», sagt der Politiker.

Touristen lieben die Insel

Auf der anderen Seite Cagliaris liegen an diesem warmen Oktobertag noch Feriengäste am Strand. Die Betreiber der gut besuchten Strandbars profitieren von einer Saison, die sich immer weiter in den Herbst hinein verlängert. Doch am acht Kilometer langen Strand Poetto prallen Klimakrise, Küstenpolitik und Tourismusinteressen aufeinander. Der Streit um den Schutz und die Nutzung der sardischen Strände hat sich dieses Jahr zugespitzt. Im Januar richtete «Harry» auch am Poetto schwere Schäden an. Die Sturmflut zerstörte Strandbäder und trug einen mehrere Meter breiten Sandstreifen ab. Naturschützer fordern, Strände und Dünen zu renaturieren, damit die Küste der Erosion und dem Klimawandel besser standhält.

Die Tourismusbranche hingegen will die Strände möglichst intensiv nutzen. Die Insel war in diesem Jahr so gefragt wie nie zuvor. Wie schwer sich diese Interessen vereinbaren lassen, zeigt der Streit um die Posidonia. Die Seegraswiesen vor Sardiniens Küsten halten Sand fest und schützen die Strände vor Erosion. Doch der zunehmende Bootsverkehr, insbesondere durch Megajachten, füge den Wiesen permanente Schäden zu, sagt Sandro DeMuro, Professor für Geomorphologie an der Universität Cagliari.

Im Herbst werden abgestorbene Blätter an den Strand gespült. Dort bilden sie dunkle Matten, die Wellen bremsen und Sand zurückhalten. Was Badegäste und Betreiber der Strandbäder als Unrat betrachten, ist natürlicher Küstenschutz. Trotzdem werden die Strände regelmässig von den angeschwemmten Seegräsern befreit.

«Unberührte Naturstrände können sich selbst gegen die Erosion verteidigen», sagt DeMuro. Doch vielerorts werde der Strand nachts mit schweren Maschinen umgepflügt und planiert. Manche Hotels würden das Sediment sogar sieben, damit er einem weissen Feinsandstrand entspreche. «Dieser Tourismus ist völlig kurzsichtig», sagt der Wissenschafter. Immerhin: Nach einem Sommer mit Rekordhitze macht Sardinien die Klimaanpassung zur Priorität.

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epa12665196 Waves hit the shore in Taormina, on Sicily's eastern coast, southern Italy, 20 January 2026. Italy's Civil Protection Department issued a red alert for severe weather across Sardinia, Sicily, and Calabria on 20 January. A deep low-pressure system, named 'Cyclone Harry,' remained centered over the Tunisian coast, driving intense thunderstorms and extreme gale-force winds into southern Italy. EPA/CARMELO IMBESI

Carmelo Imbesi / EPA

Feriengäste in der Verantwortung?

In Cagliari stellt die Regionalregierung in einem vollbesetzten Saal ihre «Regionale Strategie zur Anpassung an den Klimawandel für den Küstentourismus» vor. Fast fünf Stunden lang kreist die Diskussion um eine Erkenntnis: Wer die Strände langfristig nutzen will, darf sie nicht weiter zerstören. Erst «Harry» und die um rund 5 Grad erhöhte Wassertemperatur im August haben das Problem auf die politische Agenda gehoben. Doch die Appelle zu mutigen Entscheidungen zeigen auch, wie stark die Beharrungskräfte in der Tourismusindustrie sind.

Sardiniens Umweltverantwortliche Rosanna Laconi sieht auch die jährlich 25 Millionen Inseltouristen in der Verantwortung. Sie drängt auf eine Kehrtwende im Marketing der zweitgrössten Mittelmeerinsel: «Das retuschierte Postkartenbild von karibisch anmutenden Stränden hat sich endgültig überlebt», sagt sie. Touristen sollten erkennen, dass die Seegraswiesen kein Schmutz, sondern eine lebenswichtige Ressource seien. Auf die Frage, wie viel Natur sich ein Ferienparadies leisten könne, fragt Laconi zurück: «Lieben die Touristen, die wir hier auf Sardinien wollen, wirklich die Natur?»

Zumindest bei der nächsten Generation soll diese Liebe geweckt werden – nur wenige Schritte entfernt im Hafen von Cagliari. Dort gehen an diesem Tag Grundschulkinder bei Carmelo Isgrò an Bord der «Cassiopea», eines alten Segelboots, das direkt vor dem Hauptquartier des italienischen America’s-Cup-Teams Luna Rossa vertäut liegt. Der Meeresbiologe ist für «Sea Beyond» unterwegs, ein globales Bildungsprogramm, das der Luxuskonzern Prada gemeinsam mit der Unesco zum Schutz der Ozeane ins Leben gerufen hat. Isgrò will Kindern zeigen, wie schön und verletzlich das Meer vor ihrer Haustür ist. Doch er ist tief besorgt: «Dieses Jahr habe ich beim Tauchen im Mittelmeer zum ersten Mal erlebt, dass die Posidonia ausbleicht.» Ein dramatischer Befund. Denn der Verlust der Seegraswiesen, die als Regenwald des Mittelmeers gelten, wäre für die Strände Sardiniens eine Katastrophe.

Die Recherchereise nach Sardinien wurde vom Prada-Bildungsprogramm finanziert.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ulrike Sauer, Cagliari

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