Das Heim, das Hans Jucker gewähren liess: Albisbrunn galt als «Nobelhotel für Versager». Die Realität war eine andere
Das Landerziehungsheim sollte ein Vorbild für Pädagogen sein. Nun wirft der Missbrauchsfall um den ehemaligen SRF-Kommentator ein Schlaglicht auf die andere Seite des Heimalltags.
05.11.2026, 11.55 Uhr
6 Leseminuten
Seine Übergriffe galten als offenes Geheimnis. Dennoch blieb der SRF-Sportkommentator Hans Jucker (1946–2011) ein Leben lang von öffentlicher Kritik verschont.
Stefan Bohrer / Keystone
Fussball soll er mit ihnen gespielt, sie in seinem Auto durch die Gegend gefahren haben. Er, der erwachsene Mann, später einer der bekanntesten Sportkommentatoren des Schweizer Fernsehens. Und sie, die minderjährigen Jugendlichen aus dem strengen Erziehungsheim.
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In abgelegene Waldstücke ging es auf den Ausfahrten und in seine Wohnung. Dort kam es zu sexuellen Übergriffen: Die Zöglinge sollten ihren Gönner befriedigen, mal mit der Hand, mal oral. In einem Fall geht es auch um eine versuchte Penetration unter der Dusche.
Die Vorwürfe gegen die TV-Legende Hans Jucker – seit wenigen Tagen publik, unter Sportjournalisten seit langem ein offenes Geheimnis – werfen nicht nur ein Schlaglicht auf die bemerkenswerte Nonchalance, mit der so manche Mitwisser das Tun und Lassen des jovial-schnauzbärtigen Reporters behandelten. Sie rücken auch den Ort in den Fokus, an dem die Übergriffe stattfanden: das Landerziehungsheim Albisbrunn.
Eine Institution, die sich während Jahrzehnten als vorbildlich und fortschrittlich präsentierte. Während die Realität im Innern eine andere war.
Der Eugeniker
1924 gegründet, war das Heim Teil eines idealistischen Projekts, das eigentlich Schluss machen wollte mit schwarzer Pädagogik und brachialer Gewalt im Umgang mit «schwachsinnigen» und «schwererziehbaren» Jugendlichen. Heinrich Hanselmann, der erste Leiter, war zeitgleich Chef des im selben Jahr geschaffenen heilpädagogischen Seminars in Zürich. Wenig später wurde er auch Professor an der hiesigen Universität.
Hanselmann war der Begründer der modernen Schweizer Heilpädagogik. Er verankerte die Sorge um geistig oder körperlich Behinderte im Erziehungswesen und in der Lehrerbildung und etablierte in Zürich den ersten heilpädagogischen Lehrstuhl in ganz Europa.
Gleichzeitig war Hanselmann ein Eugeniker. Menschen mit verkrüppeltem Körper, glaubte er, hätten auch eine «Krüppelseele». Wer geistesschwach sei, gehöre zu dem «Lebensunwerten» und solle sich nicht vermehren. Auffälliges Verhalten von Jugendlichen war für den Professor Ausdruck einer schlechten Erbanlage.
Man meint ein fernes Echo dieser Gedanken zu hören, wenn man sich Hans Juckers Rechtfertigung für seine Übergriffe anhört, 1971 während eines Gerichtsverfahrens geäussert: «Der Angeklagte ist der Meinung, dass bereits gestrauchelte Menschen ohne Bedenken in ihrer Situation belassen werden und missbraucht werden können», so die Richter. Die Jugendlichen seien in seinen Augen «ohnehin schon verdorben».
Die Gewalt
In den Jahrzehnten nach seiner Gründung präsentierte sich das Landerziehungsheim Albisbrunn nach aussen als alles, was die damalige Heimlandschaft nicht war: modern, menschlich, auf Erziehung statt Strafe ausgerichtet.
Das Haus, privat geführt und wesentlich vom Winterthurer Unternehmer Alfred Reinhart finanziert, wollte eine Alternative zu den überfüllten staatlichen Heimen bieten.
Man sei eine «neuzeitliche Stätte für die Kinder des kleinen Mittelstandes», schrieb Hanselmann 1949. Bei Körperstrafen versprach Albisbrunn Zurückhaltung, auf paternalistische Titel wie «Hausvater» für den Heimleiter wurde ganz verzichtet.
Sein Heim, so der Leiter, habe den Ruf, «überhaupt keine Erziehungsanstalt, sondern ein luxuriöses Ferienheim zu sein». Die NZZ nannte Albisbrunn Jahre später ein «Nobelhotel für Versager».
Die Realität sah anders aus. Harte körperliche Strafen, wiewohl zurückhaltend dokumentiert, waren an der Tagesordnung. Die damalige Heimphilosophie besagt zudem, dass eine zu nahe Beziehung zu ihrer Familie für die Insassen schädlich sei. Von zu häufigen Besuchen wurde abgeraten.
Das Resultat war eine doppelte Isolation der Zöglinge: von ihrem sozialen Umfeld durch physische Distanz und von der lokalen Bevölkerung durch das Stigma, einer der «schwierigen Knaben» aus dem Heim zu sein.
Es war eine Ausgangslage, die Missbrauch und dessen Vertuschung erleichterte. So wie in Hans Juckers Fall.
Das Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis, 1984.
Jules Vogt / ETHZ
Hans Jucker war der Sohn des Heimkochs von Albisbrunn und hatte darum uneingeschränkten Zugang zu den Jugendlichen.
Bekannt sind in seinem Fall zwanzig Vorfälle, die vier Knaben betreffen und sich zwischen 1969 und 1971 ereigneten. Jucker war damals Mitte zwanzig und arbeitete bereits für das Schweizer Fernsehen. 1971 wurde er vom Bezirksgericht Affoltern am Albis zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt.
Das Urteil, das der NZZ vorliegt, schildert Ausfahrten zu abgelegenen Stellen beim Spörriweiher oder dem Wengibad. Mehrmals passte Jucker seine Opfer auch spätabends bei einem Restaurant ab. Er hatte ein Auto, sie nicht. Im Wagen oder bei ihm zu Hause kam es zu den Übergriffen.
Jucker war geständig, betrachtete seine Verfehlungen aber laut dem Gericht als «halb so schlimm». Seine minderjährigen Opfer verunglimpfte er als «Gangster» und «moralisch angeschlagen». Es sei ihnen, glaubte er, «kein grosser Schaden entstanden».
Die Verurteilung wegen «Unzucht mit Kindern» kostete ihn sein Nebenamt als Gemeindeschreiber, nicht jedoch seine TV-Karriere – obwohl seine Vorgesetzten mutmasslich Bescheid wussten.
Es ist nicht der einzige Missbrauchsfall, in den Albisbrunn damals verstrickt war. In einer Autobiografie berichtete der ehemalige Zögling und Theatermacher Alexander Ziegler bereits 1979 von einem sexuellen Übergriff durch einen Erzieher, der sich in den 1950ern ereignet habe.
Eine kürzlich erschienene Studie des Bildungshistorikers Daniel Deplazes erwähnt zwei weitere Missbrauchsfälle, diesmal aus dem Jahr 1983. Der eine betrifft einen katholischen Pfarrer, der in Albisbrunn Religionsunterricht erteilte und von einem Schüler als Freier erkannt wurde. Der Jugendliche war zuvor zur Prostitution gezwungen worden.
Der andere Fall betrifft einen ehemaligen Gruppenleiter, der einen Knaben sexuell missbraucht hatte und sich danach ins Ausland absetzte. Sein Fall wurde intern thematisiert, von einer Anzeige sah die Heimleitung aber ab. In beiden Fällen war die Aufarbeitung bestenfalls kursorisch, wie Deplazes’ Studie zeigt. Mehr Energie floss darein, Mitwisser schriftlich zum Schweigen zu verpflichten.
Juckers Fall taucht in den Heimakten, soweit bekannt, nicht auf. Sexualisierte Gewalt, schreibt der Forscher Deplazes, sei in Albisbrunn «bloss in Ausnahmefällen aktenkundig» geworden. Deshalb müsse von weiteren Fällen ausgegangen werden.
Der Normalfall
Das Landerziehungsheim Albisbrunn ist in der Zürcher Heimlandschaft kein Sonderfall. Im Gegenteil: Es war eine Institution, wie es viele gab. Isoliert gelegen, von Männern mit gutem Ruf geführt – und voller Jugendlicher, denen die Autoritäten die Schuld für ihre Situation in der Regel selbst zuschrieben.
Von der Gründung bis 1990 beherbergte der Ort rund 2500 Knaben. Es gab private Unterbringungen durch Familien, Zwangsplatzierungen durch Zivilbehörden, aber auch strafrechtliche Einweisungen. Jugendliche Straftäter, Knaben aus zerrütteten Familien und geistig Behinderte kamen so am selben Ort zusammen.
Ein ehemaliger Insasse, Roger Bresch, beschrieb seine Jahre in Albisbrunn in einem Erfahrungsbericht so: «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Kontakt mit Drogen, Schusswaffen, einfachem Diebstahl, dem Herstellen von Schlüsselkopien, um einen Safe zu knacken, und anderen Delikten.»
Im Heim habe es stets geheissen: «Du kannst nichts, und aus dir wird nie etwas.»
Arbeit wurde in Albisbrunn als Therapie verstanden. Das Heim hatte eine Schreinerei, eine Metallwerkstatt und eine Spielwarenfabrik. Anfangs waren die Einnahmen daraus eine wichtige Geldquelle.
Wie in vielen privaten Heimen wuchs ab den 1950ern jedoch die Bedeutung des Staates. Ab Ende der 1960er war Albisbrunn faktisch eine öffentlich finanzierte Institution. Bund und Kanton kamen für einen Grossteil der Kosten auf.
Damit stellt sich – wie im Fall Jucker bezüglich des Schweizer Fernsehens – die Frage nach den Mitwissern und Duldern.
Die Aufarbeitung
Den Zürcher Behörden waren die Vorwürfe diverser ehemaliger Zöglinge gegen das Heim durchaus bekannt. Etwa jene des Theatermanns Alexander Ziegler. Er hatte nach seiner Autobiografie auch ein Bühnenstück verfasst, in dem er den brutalen Alltag in Albisbrunn anprangerte.
Das Stück und eine Begleitpublikation, in der auch andere ehemalige Heimkinder zu Wort kamen, führten 1979 zu einer Reihe kritischer Medienberichte. Das kantonale Jugendamt, für die Aufsicht über das Heimwesen zuständig, reagierte dagegen abschätzig.
Es handle sich um eine «massive Polemik gegen die Heimerziehung», schrieb die Behörde an den damaligen Heimleiter. «Lächerlich» seien die Vorwürfe des ehemaligen Zöglings, der nach eigener Aussage im Heim sexuell missbraucht worden war. Zwar gab der Leiter daraufhin zu, Albisbrunn habe ein Problem, was das Schlagen von Jugendlichen betreffe. Eine weitere Untersuchung der Vorwürfe erfolgte jedoch nicht.
In den 1970ern, als antiautoritäre Pädagogen im Nachgang der 68er-Bewegung Kritik an strengen Jugendheimen übten, geriet auch Albisbrunn ins Visier. Mehrere Zöglinge flohen in eine vorgeblich progressive Zürcher Auffangstation. Deren Leiter entpuppte sich allerdings als verurteilter Pädophiler, der den freiheitlichen Zeitgeist als Deckmantel für weitere Übergriffe nutzte.
Seit den 1990ern hat sich Albisbrunn nach eigenem Bekunden radikal gewandelt. Heute bietet das Heim 56 jungen Männern Platz, betreibt eine eigene Sonderschule und verfügt neben Lehrstellen auch über psychotherapeutische Begleitung. Seine historischen Aktenbestände hat es der Forschung zugänglich gemacht.
Die Enthüllungen um die SRF-Kultfigur Hans Jucker zeigen: Die Aufarbeitung solcher Fälle ist lange nicht abgeschlossen. Und so manches, zu dem selbst die Archive schweigen, kann noch immer ans Licht kommen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Giorgio Scherrer
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