Das Geschäft mit der Verzweiflung: Wie Fruchtbarkeits-Coaches an Frauen mit Kinderwunsch verdienen

In sozialen Netzwerken landen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch schnell in einer Filterblase aus Misstrauen gegenüber der Schulmedizin und alternativen Angeboten. Ein Blick auf eine Industrie, die von der Sehnsucht nach einem Baby lebt.

05.11.2026, 08.56 Uhr

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Ein positiver Schwangerschaftstest: Darauf gibt es keine Garantie.

Ein positiver Schwangerschaftstest: Darauf gibt es keine Garantie.

Moment RF / Getty

Warum klappt das nicht? Fortpflanzung ist doch das Natürlichste der Welt. Seit das Leben vor etwa vier Milliarden Jahren auf unserem Planeten entstand, schlängelt es sich ohne Unterbruch durch den Lauf der Geschichte – bis zu einem jeden von uns. Und jedes Wesen dieser Erde kann seine Lebensflamme an die nächste Generation weitergeben. Theoretisch jedenfalls.

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Jede Sekunde enden irgendwo auf dieser Welt unzählige Lebensfäden im Nichts: wenn ein Samenkorn auf unfruchtbaren Boden fällt, wenn man auf einen Käfer tritt, der sich noch nicht fortgepflanzt hat, wenn eine Frau der Art Homo sapiens trotz vielen Versuchen kinderlos bleibt.

Das Kinderbekommen ist eines der existenziellsten Themen überhaupt. Doch rund jedes zehnte Paar mit Kinderwunsch gilt als unfruchtbar. Für viele von ihnen ist das eine Katastrophe.

Nicht immer kann die moderne Medizin helfen – und wenn, dann nicht immer schnell. Die Mischung aus der Verzweiflung der Betroffenen und dem Fünkchen Hoffnung, das trotzdem in ihnen wohnt, ist der optimale Nährboden, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen. In den sozialen Netzwerken bieten unzählige Fruchtbarkeits-Coaches ihre Dienste an.

Längst haben Wissenschafter Social-Media-Inhalte rund ums Thema Unfruchtbarkeit zum Forschungsthema gemacht. Eine Studie von Forschern des King’s College London hat zum Beispiel ergeben, dass knapp die Hälfte der untersuchten Posts aus sozialen Netzwerken Fehlinformationen über Unfruchtbarkeit enthält. Als akkurat bezeichnen die Wissenschafter nur rund jedes zehnte untersuchte Video.

Was wahr ist und was falsch, was übertrieben ist und was unseriös, das ist für viele Betroffene nur schwer zu erkennen. In der Hoffnung auf ein Kind sind sie jedenfalls bereit, ihr Geld auch für halbseidene Beratungen auszugeben, das zeigt das unüberschaubar grosse Coaching-Angebot. Die Betroffenen: Das sind natürlich nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Aber viele Coaches richten sich vor allem an Frauen.

Tauchen wir deshalb einmal ein in die digitale Blase, der wir selbst, unsere Töchter, Nachbarinnen, Arbeitskolleginnen, Freundinnen, Patientinnen ausgesetzt sind. In dieser Blase spielt wissenschaftliche Evidenz eine, gelinde gesagt, untergeordnete Rolle – und sie hat längst einen Einfluss darauf, welche Tests seriöse Kinderwunschzentren anbieten müssen. Denn der Druck von Patientinnen, die sich im Internet informieren, ist hoch.

Manche Tipps aus Instagram und Tiktok sind so offensichtlicher Quatsch, dass man beim Anschauen nicht weiss, ob man lachen oder weinen soll.

Ja, ehrlich. Es gibt Fruchtbarkeits-Coaches, die Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch empfehlen, Suppe zu essen. Und es gibt noch viel mehr absurde Tipps: Akupressur auf dem Bauch oder Silikontässchen, die man nach dem Sex einführen soll. Damit die Spermien an Ort und Stelle bleiben.

Ein Riesenthema für viele Frauen: Nahrungsergänzungsmittel. Q10, Vitamin D und B – das und noch viel mehr soll helfen, die Fruchtbarkeit zu erhöhen.

Aber wie wirksam ist es, Supplemente zu schlucken? Michael von Wolff, Chefarzt der Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Inselspital Bern, spricht den Mitteln keine Wunderwirkung zu. Trotzdem empfiehlt auch er seinen Patientinnen, beispielsweise Vitamin D einzunehmen: «Viele Menschen haben hierzulande, vor allem im Winterhalbjahr, einen Vitamin-D-Mangel. Den auszugleichen, ist sinnvoll.»

Ob dieses und andere Supplemente der Frau helfen? Ungewiss. Einen klar belegten Nutzen habe nur Folsäure – und die soll vor allem Fehlbildungen beim Kind vorbeugen, nicht das Schwangerwerden beschleunigen.

Das Coenzym Q10 gilt in sozialen Netzwerken als besonders wichtiger Kandidat, um die Eizellqualität zu unterstützen. Und auch wissenschaftlich wird diese Frage untersucht. Allerdings ist Michael von Wolff skeptisch. Nach dem Gespräch sendet er eine E-Mail. Seine Mitarbeiterin habe soeben eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit bei ihm abgegeben, noch unveröffentlicht, noch nicht begutachtet. Aber sie deute darauf hin, dass der Nutzen von Q10 überschätzt werde.

Was auch überschätzt wird: das Thema Stress.

Die meisten Frauen, die schwanger werden wollen, haben den Spruch schon einmal gehört: Entspann dich, dann klappt das schon. Aber so eindeutig ist das nicht.

Das Thema Stress wird auch in der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie vor einer medizinisch assistierten Reproduktionsbehandlung ausführlich besprochen. Die Studienlage sei widersprüchlich. Ja, Frauen hätten während einer Kinderwunschbehandlung Stress. Aber dass dieser Stress ursächlich sei für einen Misserfolg, das könne man nicht schlussfolgern.

Michael von Wolff sagt zum Thema Lebensstil: «Ein schlechter Lebensstil ist nachteilig.» Rauchen und starkes Übergewicht verschlechtern die Fruchtbarkeit nachweislich. Ein einzelner, nur leicht ausgeprägter Risikofaktor wirke sich oft nur wenig aus – wenn aber mehrere zusammenkämen, könne das eine relevante Rolle spielen. Es sei allerdings nicht so klar, wie viel eine Optimierung des Lebensstils bringe, wenn die Person sowieso ausgewogen esse, rundum gesund lebe und Normalgewicht habe.

Das Schrauben am Lebensstil hat seine Grenzen. Sonst wäre das Problem der Unfruchtbarkeit schnell gelöst. Ausserdem sieht man diese Grenzen am umgekehrten Fall: Drogensüchtige werden schwanger, Kriegsflüchtlinge bekommen Babys. Es mag ungerecht erscheinen. Aber die Vorstellung, dass ein perfekt gesunder Körper fruchtbar sein müsse, ist zu kurz gegriffen.

Woran aber liegt ständiger Misserfolg? Vor allem, wenn weder bei der Frau noch beim Mann ein Hinweis auf den Grund der Unfruchtbarkeit gefunden wird? Jede Unfruchtbarkeit lasse sich aufklären und behandeln, hört man in sozialen Netzwerken immer wieder. Man müsse einfach testen, testen, testen.

In vielen Videos kursiert zum Beispiel die Empfehlung, Schilddrüsenhormone zu überprüfen – und die Frau auch dann schon zu behandeln, wenn noch keine echte Unterfunktion vorliege. Michael von Wolff beobachtet den Hype um Schilddrüsenhormone schon lange. In der Fachwelt habe man mittlerweile erkannt, dass man nicht einschreiten müsse, wenn der Schilddrüsenwert TSH lediglich im oberen Normbereich liege: «Grosse Studien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen die Chance auf ein Kind dann nicht erhöht.» In sozialen Netzwerken läuft das Thema allerdings noch immer hoch und runter.

Als Trend macht von Wolff ein anderes Thema aus: «Wenn die Frauen einen zusätzlichen Test wünschen, dann geht es momentan fast immer um das Endometrium.» Das ist die Gebärmutterschleimhaut. Hier muss sich der Embryo einnisten, um zu wachsen.

Wird eine Frau nicht von selbst schwanger, kann die Eizelle ausserhalb ihres Körpers im Labor befruchtet werden, um ihre Chancen zu erhöhen. Das nennt sich In-vitro-Fertilisation (IVF). Den dabei entstandenen Embryo setzen die Ärzte der Frau nach wenigen Tagen ein. Doch dass er sich in ihrem Körper weiterentwickelt, ist nicht garantiert. Nach drei IVF-Versuchen ist ungefähr die Hälfte der Frauen schwanger. Bei manchen klappt es auch nach noch viel mehr Versuchen nicht.

«Die Frau denkt dann – und das ist wirklich schade, dass sie das denkt –, es liege an ihr», sagt Michael von Wolff. «Am Embryo könne es ja nicht liegen, denkt sie, der sei doch so schön und so perfekt. Es müsse irgendetwas mit ihrem Endometrium zu tun haben.»

Genau so wie er es beschreibt, argumentiert eine Fruchtbarkeitsberaterin in einem Instagram-Video:

Dabei sei meist das Gegenteil der Fall. «In den allermeisten Fällen liegt es am Embryo», sagt der Reproduktionsmediziner. «Viele Embryonen haben Chromosomenstörungen, die man ihnen unter dem Mikroskop nicht ansieht.»

Obwohl von Wolff der Diagnostik des Endometriums kritisch gegenübersteht, bietet auch er Tests an, wenn die Paare dies wünschen. Denn: «Wir müssen uns ständig fragen: Wie unterstützen wir die Paare so, dass sie die Kraft haben weiterzumachen?» Er weise die Paare im Gespräch aber auch darauf hin, dass der Nutzen solcher Tests nicht oder kaum belegt sei. Eine In-vitro-Fertilisation nach der anderen durchzuführen, sei womöglich in konkreten Fällen das medizinisch korrekte Vorgehen, «aber das halten viele Patientinnen nur durch, wenn ihnen eine Perspektive gegeben und die Behandlung immer wieder überprüft und angepasst wird».

Wenn es lange oder sogar überhaupt nicht klappen will, ist das frustrierend, es ist aber auch kein Wunder: «Eine fruchtbare, gesunde, junge Frau hat pro Zyklus auch nur eine Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent, schwanger zu werden», sagt von Wolff. Je älter die Frau, desto geringer die Wahrscheinlichkeit. Doch weil eine künstliche Befruchtung aufwendig, unangenehm und teuer sei, sei ein Misserfolg kaum zu akzeptieren und schwer auszuhalten.

Manche Frauen wenden sich frustriert von der modernen Medizin ab. Immer wieder gelangen Videos in den Feed, in denen Frauen über die «fertility industry» klagen – über Ärzte, die den Frauen angeblich nicht helfen wollten, sondern nur Interesse am Geldverdienen hätten.

Nach zahllosen Stunden in den sozialen Netzwerken schwirrt einem der Kopf. Doch selbst dort gibt es sie: die Stimme der Vernunft; Posts, die selbsternannte Coaches hinterfragen.

Die das Narrativ hinterfragen, dass man sich eine Schwangerschaft durch gute Lebensführung verdienen könne. Und die mit einer fatalen Vorstellung aufräumen: Man mache einfach etwas falsch, wenn man nicht schwanger werde.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Eva Mell

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