Darüber spricht Busan: Ausgerechnet ein Hai weckt die Tierliebe der Südkoreaner

Seit Jahren kämpft die südkoreanische Metropole Busan gegen einen Bedeutungsverlust an. In den letzten Wochen aber blickt das Land in die Hafenstadt – ein Hai ist dort zum Star geworden.

Felix Lill01.11.2026, 05.30 Uhr

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Südkoreaner versuchen einen Blick auf einen verirrten Haifisch im Hafen von Busan zu ergattern.

Südkoreaner versuchen einen Blick auf einen verirrten Haifisch im Hafen von Busan zu ergattern.

Son Hyung Joo / AP

«Ist Bukangi noch da?» Nur ein paar Minuten muss man in der grossen Halle des Hauptbahnhofs von Busan verbringen, um diese Frage mehrere Male gehört zu haben – ob auf Koreanisch, Englisch oder sogar Deutsch. Am Informationsschalter, wo Offizielle sonst Stadtpläne verteilen oder den Weg zur U-Bahn erklären, gab man in letzter Zeit eher Auskunft zu einem 3,5 Meter grossen Fisch: «Nehmen Sie den Ausgang da vorn, gehen Sie die Treppen runter, dann linksrum zum Hafenbecken. Mit etwas Glück sehen Sie Bukangi!»

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Bukangi ist der Name, auf den die Menschen in Busan einen Schwarzhai getauft haben, kurz nachdem sich dieser Mitte September in einen Kanal von Busan verirrt hatte. Seither ist er zum Star der 3,3-Millionen-Metropole im Südosten Südkoreas geworden. «Unter Freunden checken wir ständig die News dazu, was mit Bukangi ist!», sagt Ellie Kim, eine vierzigjährige Übersetzerin, grinsend. «Wir fragen nicht mehr: ‹Wie geht’s?› Wir fragen: ‹Wie geht’s Bukangi?›»

Einen Haifischhype erlebt auch Stephanie Yoon, Host bei einem lokalen Radiosender. «Als Hafenstadt haben wir eigentlich eine Möwe als Maskottchen. Aber jetzt lieben alle diesen Hai!», sagt sie gerührt.

Mit Bukangi ist auch Busan wieder etwas ins Rampenlicht gerückt. Die Stadt fiel in den vergangenen Jahren vor allem dadurch auf, dass viele Einwohner die Metropole verlassen und in den Norden ziehen. Der Hafen, die ökonomische Lebensader Busans, leidet ebenfalls unter der Konkurrenz in Incheon, einer Hafenstadt im Norden des Landes.

Rasch hat sich in die Euphorie auch Sorge gemischt. Ein Haiexperte hat erklärt, Bukangi könnte durch seine längere Zeit im Hafenbecken die Orientierung verloren haben. Im Nakdong Estuary Eco Center, einer Ambulanz für kranke Tiere aus der Wildbahn, freut sich Seo Jin Won, Direktor des Zentrums, über das grosse Mitgefühl: «Endlich empfinden Menschen positive Gefühle für die als gefährlich geltenden Haie.» Haie, in Filmen meist als Killer dargestellt, seien viel weniger böse, als ihr Ruf vermuten lasse, verdienten genauso Schutz wie jedes andere Tier.

Am Freitag verdichteten sich die Zeichen, dass Bukangi wohlauf ist – und den Weg in den Ozean gefunden hat.

Sollte sich der Raubfisch doch wieder in den Hafen verirren, macht sich Seo Jin Won, der Wildtierschützer, Sorgen. Denn dann brauchte Bukangi wohl Hilfe: «Auf unserer Anlage verarzten und rehabilitieren wir Schwäne, Adler, Otter und viele andere Tiere. Aber Haie können wir kaum fit bekommen.»

Die Website bukangi.com, auf der User eintragen können, wenn sie den Hai gesichtet haben, zeigte im Chatfenster Botschaften wie «Bukangi, komm zurück» oder «Ich hoffe, du kommst weit, weit hinaus aufs weite Meer, an einen sicheren, warmen Ort mit reichlich Essen!».

Bukangi kann zwar den Bedeutungsverlust von Busan nicht aufhalten. Aber in den Menschen hat er eine neue Liebe entfacht.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Felix Lill

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