China enerviert sich über Frankreichs Fussballstar Mbappé wegen eines Mao-Memes

Für den Spieler, seinem Club Real Madrid und die spanische Liga steht viel Geld auf dem Spiel. Mbappé hat sich entschuldigt. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von China schränke die Redefreiheit in Demokratien ein, sagt eine China-Expertin.

28.10.2026, 15.39 Uhr

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Kylian Mbappé auf Werbeplakaten in der Stadt Wuhan. Für den französischen Fussballstar steht in China viel auf dem Spiel.

Kylian Mbappé auf Werbeplakaten in der Stadt Wuhan. Für den französischen Fussballstar steht in China viel auf dem Spiel.

Wang He / Getty

Nur wenige Stunden, nachdem er mit einer flapsigen Äusserung in den sozialen Netzwerken Chinas einen Shitstorm ausgelöst hatte, versuchte der Spitzenfussballer Kylian Mbappé den Schaden zu begrenzen: «Ich entschuldige mich bei allen, die sich durch meine Worte verletzt gefühlt haben. Das war absolut nicht meine Absicht. Ich habe grossen Respekt vor dem chinesischen Volk und seiner Geschichte, und es tut mir aufrichtig leid.» Auch sein Club Real Madrid entschuldigte sich am Mittwoch.

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Sponsoren lassen Mbappé fallen

Damit reiht sich der französische Stürmerstar und sein Club in eine Reihe von westlichen Sportlern, Berühmtheiten und Firmen ein, welche die «Würde des chinesischen Volkes beleidigt» haben, wie es die chinesische Propaganda jeweils formuliert.

Begonnen hat der Aufruhr am Montag mit einer kurzen Aussage Mbappés in einem Podcast. Auf die Frage, welches das Lustigste sei, was über ihn online kursiere, nannte Mbappé ein Meme, wo sein Gesicht auf einen «chinesischen Diktator» montiert worden war. Das Originalbild zeigte Mao Zedong, den Staatsgründer der Volksrepublik China.

Das chinesische Aussenministerium erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass Worte und Taten, die die Gefühle des chinesischen Volkes verletzen, auf Widerstand in der chinesischen Gesellschaft stossen würden. Zwei chinesische Sponsoren trennten sich mit sofortiger Wirkung von Mbappé. Auch westliche Sponsoren, wie der Schweizer Sportschuhhersteller On, distanzierten sich vom Fussballer und versicherten ihren Respekt gegenüber dem chinesischen Volk.

Die Partei kontrolliert und steuert den Onlinediskurs

Ob der Aufruhr spontan entstanden ist oder ob er durch die Behörden lanciert wurde, die das chinesische Internet kontrollieren und steuern, lässt sich nicht sagen. Die kommunistische Partei sei in den sozialen Netzwerken stark präsent, sagt Mareike Ohlberg, die bei der Denkfabrik German Marshall Fund zu chinesischer Informationsmanipulation forscht: «In der Regel werden solche Situationen strategisch genutzt. Die Entrüstung wird gezielt hoch- und auch wieder runtergefahren.»

Auffallend ist, dass viele der chinesischen Internetnutzer gar nicht wissen, worüber sie sich eigentlich entrüsten. Denn die ursprüngliche Aussage wird von den Zensoren als so ungeheuerlich eingestuft, dass sie gelöscht wurde.

«Viele chinesische Internetnutzer ohne VPN wissen nicht, warum überhaupt über einen Boykott von Mbappé gesprochen wird», schreibt die Sinologin Manya Koetse auf X. Chinesische Websites übersetzten Mbappés Äusserungen nicht wirklich und selbst chinesische KI-Bots nicht könnten nicht darlegen, worum es bei dem ganzen Trubel eigentlich gehe.

Das gleiche gilt sogar für die «Global Times», ein Parteiblatt, das sich vorwiegend an eine ausländische Leserschaft richtet. Sie berichtet auf ihrer englischsprachigen Website über die Entschuldigung von Mbappés Club Real Madrid für die «unangemessenen Äusserungen» ihres Stars – ohne zu schreiben, was er gesagt hat.

Zu den Strafmassnahmen gegen Mbappé gehört auch, dass ein staatlicher Fernsehkanal bekanntgegeben hat, auf unbestimmte Zeit keine Spiele der spanischen Fussballiga mehr zu übertragen, jegliche Spiele mit der Beteiligung Mbappés sind vorerst ausgesetzt. Laut dem «Wall Street Journal» generiert La Liga mit Fernsehrechten in China mehr als einhundert Millionen Dollar pro Jahr. Wie Mbappé und Real Madrid streute auch der Präsident der Liga Asche auf sein Haupt, um den Schaden zu begrenzen.

Ob es helfen wird, ist offen. Immerhin, am Mittwoch erklärte ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, man nehme die «Entschuldigung dieser Person» – gemeint ist wohl Mbappé – ernst.

Chinas demonstrative Verärgerung kann aber lange anhalten. 2019 wurden alle Spiele der amerikanischen National Basketball League (NBA) aus dem chinesischen TV-Programm gekippt. Grund dafür war, dass der Manager des NBA-Team Houston Rockets online seine Unterstützung für die Demonstranten in Hongkong geäussert hatte. Der staatliche Sender CCTV wartete 28 Monate, bis er wieder regelmässig NBA-Spiele übertrug.

China weitet die Reizthemen aus

Die China-Expertin Ohlberg sieht im aktuellen Fall eine neue Entwicklung. Mit Mao weite Peking die Liste der Reizthemen aus. Bisher habe man vor allem bei Tibet, Xinjiang, Menschenrechten und Taiwan reagiert. «Dass Mao ein Diktator war, ist faktisch absolut korrekt», sagt Ohlberg. Ihrer Meinung nach versucht Peking, das Feld dessen, was nicht gesagt werden darf, auszuweiten. Dadurch entstehen noch mehr Druckmöglichkeiten auf die freie Meinungsäusserung in westlichen Demokratien.

Dass Sportler und ihre Sponsoren auf chinesischen Druck so schnell einknicken, lässt sich mit den wirtschaftlichen Abhängigkeiten erklären. Das zeigt sich im Fall von On. Das «Wall Street Journal» zitiert die globale Marketingchefin von On mit der Aussage, dass keine Schuhmarke global wachsen könne, ohne in China erfolgreich zu sein.

Ende 2025 betrieb On in China (inklusive Hongkong) 38 eigene Filialen. Man gehe davon aus, dass die asiatisch-pazifische Region, insbesondere China, ein wichtiger Motor für das künftige Wachstum sein werde, schreibt On in den Erklärungen des Jahresresultats 2025 an die amerikanische Börsenaufsicht.

Für On kommt die Kontroverse um Mbappé in China zu einem äusserst ungünstigen Zeitpunkt. Erst vor einem Monat hat das Unternehmen den Franzosen als Markenbotschafter für Fussball an Bord geholt. Nun versucht man sich in Schadensbegrenzung. «Auch wenn alle Äusserungen von Sportlern ihre persönlichen Ansichten widerspiegeln, nehmen wir die Entschuldigung von Kylian Mbappé gerne zur Kenntnis», erklärte On gegenüber dem «Wall Street Journal». Man habe grossen Respekt vor dem chinesischen Volk und dem reichen kulturellen Erbe Chinas.

«Es ist halt dumm gelaufen, mit ‹Wandel durch Handel›», sagt Ohlberg, die ein Buch über chinesischen Einfluss in westlichen Gesellschaften geschrieben hat. Man habe lange gedacht, dass sich China durch die zunehmende wirtschaftliche Integration mit dem Westen demokratisieren werde. «Nun zeigt sich, dass wir jetzt diejenigen sind, die sich durch den Handel wandeln.» Die wirtschaftliche Abhängigkeit von China schränke die Redefreiheit in Demokratien ein.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Patrick Zoll

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