Cassis in Nordkorea: Die Schweiz sucht den Draht zum Kim-Regime

23 Jahre nach Micheline Calmy-Reys historischem Grenzübertritt in Nordkorea reist mit Ignazio Cassis wieder ein amtierender Bundesrat in die abgeschottete Diktatur. Die Mission berührt Fragen der Guten Dienste und der Neutralität – inmitten einer sich verändernden Weltordnung.

29.10.2026, 17.20 Uhr

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Schlechtes Wetter in Pjongjang: Der Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis trifft in Nordkorea ein.

Schlechtes Wetter in Pjongjang: Der Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis trifft in Nordkorea ein.

Jon Chol Jin / AP

Knapp 9000 Kilometer ist Ignazio Cassis geflogen – um am Donnerstag im Regen von Pjongjang anzukommen. Es ist eine historische Mission. Wieder einmal. Die Schweiz hat seit Oktober ein diplomatisches Büro in Nordkorea. Nein, es ist keine Botschaft, auch wenn Krystyna Marty Lang, die Schweizer Botschafterin in Peking, das Büro mitführen soll. Es ist auch nicht einfach ein Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), wie es Bern bis 2020 in Pjongjang unterhielt. Während der Covid-Pandemie wurde es geschlossen.

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Nun also die Wiederöffnung, mag das Büro auch in neuer Form bestehen. Bundesrat Cassis bietet, wie so oft in diesem Land – von Armut, Folter, Hungersnöten bedroht – die Guten Dienste der Schweiz an. Den nordkoreanischen Führer Kim Jong Un werde er nicht treffen. So teilt es das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit. Zu heikel wären Bilder samt Handschlag mit einem Diktator, der die Welt mit Atomschlägen bedroht und mit einem anderen Diktator, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, auch er jederzeit bereit, mit Atomwaffen zu drohen, Geschäfte macht.

Seit den 1950ern auf der koreanischen Halbinsel

Auf dem Programm stehen laut dem EDA Gespräche mit der nordkoreanischen Aussenministerin Choe Son Hui und einem Vertreter der dortigen Arbeiterpartei. Die Themen: die Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel, geopolitische Spannungen und die Wiederaufnahme bilateraler Konsultationen. Es ist eine vertrauensbildende Massnahme. Eine, die die Schweiz nicht zur Vermittlerin macht, aber doch den Faden für mögliche Gespräche aufrechterhält. So, wie sie es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gemacht hat. Die Uno-Sanktionen gegen Pjongjang trägt Bern weiterhin mit.

Bern legt auch diese Reise als Doppelmission an: Nach den Gesprächen mit dem Kim-Regime reist Cassis weiter nach Seoul und will die Südkoreaner über seine Eindrücke im Norden informieren. Für Cassis ist die Mission heikel, sie wird von den USA, Russland und China genau beobachtet. Das Schweizer Büro in Nordkorea dürfte eine Art Frühwarnsystem für die Welt sein, weil direkte Kanäle, und mögen sie noch so schwer herzustellen sein, immer noch besser sind als gar keine Kanäle.

Calmy-Rey überschreitet 2003 die Demarkationslinie

In komplizierten Missionen kennt sich die Schweiz aus. Es war Micheline Calmy-Rey, die 2003 als erste westliche Regierungsvertreterin überhaupt die militärische Demarkationslinie von Nord- nach Südkorea überschritt. Der symbolträchtige Gang sollte den Schweizer Anspruch einer «aktiven Neutralität» demonstrieren und zeigen, dass die Schweiz auch dort den Dialog sucht, wo Gräben scheinbar nicht zu überwinden sind. Die Schweiz hat sich wiederholt als Gastgeber für diplomatische Gespräche zur Verfügung gestellt. Zwischen 1997 und 1999 fanden in Genf Vierparteiengespräche zwischen Nord- und Südkorea, den USA und China statt. Später war die Schweiz auch Schauplatz von Treffen zwischen amerikanischen und nordkoreanischen Vertretern. Dabei ging es um die Normalisierung der Beziehungen und um die Bedingungen für neue Verhandlungen über das nordkoreanische Atomprogramm.

Die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey überschreitet 2003 die Demarkationslinie bei Panmunjom – als erste westliche Regierungsvertreterin überhaupt.

Die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey überschreitet 2003 die Demarkationslinie bei Panmunjom – als erste westliche Regierungsvertreterin überhaupt.

Steffen Schmidt / Keystone

Die Schweiz war bereits in Nordkorea, als sie noch gar keine diplomatischen Beziehungen zu Korea pflegte, weder zu Nord- noch zu Südkorea. Diese folgten 1963 mit Seoul und 1974 mit Pjongjang. Als der Koreakrieg 1953 mit einem Waffenstillstand endete – bis heute gibt es keinen Friedensvertrag zwischen den beiden Koreas –, wurde die Schweiz, zusammen mit Schweden, Polen und der damaligen Tschechoslowakei, Mitglied der sogenannten Neutralen Überwachungskommission (NNSC). Diese sollte die Einhaltung von Waffenstillstandsbestimmungen überwachen und dadurch für Stabilität sorgen.

Erstmals entsandte die Schweiz damals Armeeangehörige für eine solche internationale Mission ins Ausland. Bis heute sind fünf Schweizer Offiziere im Grenzort Panmunjom stationiert. Südkorea wurde mit der Zeit zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Partner der Schweiz. Mit Nordkorea ist der Austausch bis heute begrenzt, doch an ihren diplomatischen Kanälen halten sowohl Bern als auch Pjongjang fest. Nordkorea unterhält eine Botschaft in Bern und eine ständige Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf. Mit ihrem neuen Büro in Pjongjang will die Schweiz nun erneut eine dauerhafte Präsenz vor Ort aufbauen.

In den 1990er Jahren – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Nordkorea stets mit Rohstoffen und Lebensmitteln versorgt hatte – starben Hunderttausende Nordkoreaner an Hunger, manche Schätzungen gehen sogar von bis zu drei Millionen Menschen aus. Die Schweiz leistete humanitäre Hilfe und eröffnete 1997 schliesslich das Deza-Büro. Daran knüpft Cassis nun an.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Inna Hartwich

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