«C’est mon magasin!» – virale Videos aus Frankreich zeigen, wie sich Händler gegen Plünderer wehren
Die Ausschreitungen in Frankreich hinterlassen ihre Spuren auch in den sozialen Netzwerken. Drei Geschichten eines Wochenendes.
20.10.2026, 17.30 Uhr
4 Leseminuten
Am Wochenende wurden in Frankreich mehr als tausend Läden geplündert. Hier raubt ein Mann ein Geschäft in Paris aus.
Carl Court / Getty
Frankreich hat einen neuen Helden: Pierre. In den sozialen Netzwerken geht derzeit ein Video aus Nizza viral. Dort ist ein Mann mit Tattoos und langen Haaren zu sehen. Breitbeinig und mit verschränkten Armen steht er im zerstörten Schaufenster seines Arbeitsortes, einem Geschäft für Videospiele. Der Laden wurde offenbar bereits geplündert, Glassplitter und bunte Flyer liegen verstreut über die Strasse.
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Nun versucht Pierre zu verhindern, dass sein Geschäft weiter verwüstet und ausgeraubt wird. Doch er ist umzingelt. Um ihn herum stehen Jugendliche. Sie schreien Pierre an, versuchen ihn zu provozieren, bewerfen ihn mit Dosen. Als Pierre sich kurz umdreht, kickt ein vermummter Plünderer ihm brutal in den Rücken. Er stürzt zu Boden; die Jugendlichen lachen.
Gegenüber dem Fernsehsender M6 sagt Pierre im Nachhinein: «Ich habe in dem Moment nicht realisiert, was gerade passiert. Meine Frau hatte grosse Angst um mich.» Sein Laden sei ein Ort für Familien, für Kinder. Er habe gehofft, die Randalierer würden aufhören, sobald sie erkennten, was sie gerade zerstörten.
Online wird Pierre für seinen Mut gefeiert. Zu seinem Internetruhm trägt wohl auch sein nerdig wirkender Hintergrund und sein Äusseres bei – Instagram-Benutzer vergleichen ihn mit Son-Goku, dem Helden des bekannten Animes «Dragon Ball», neben dessen Pappfigur er im Video steht. Doch Pierre ist nicht der einzige Händler, der für hohe Klickzahlen auf X und Instagram sorgt. Vielmehr geht derzeit eine neue Sorte Clips aus Frankreich viral: Sie handeln von Personen, die Grundbesitz gegen Plünderer verteidigen.
Eskalation am Wochenende
Die Ausschreitungen der vergangenen Tage haben die französische Gesellschaft schockiert zurückgelassen. Was als Protest für bessere Schulen begonnen hatte, eskalierte am Wochenende zu hemmungsloser Gewalt und Diebstahl. Allein am vergangenen Samstag sind laut der Nachrichtenagentur AFP 997 Polizisten verletzt worden, 7 von ihnen schwer. Die Beamten haben mehr als 2000 Personen festgenommen.
Hart traf es vor allem die Ladenbesitzer und Verkäufer. Die oft jugendlichen Randalierer drangen in Paris und anderen Städten in Geschäfte ein, zerschlugen die Scheiben und liefen mit Schuhen, Kleidern oder Smartphones davon. Allein in Marseille sollen rund 500 Läden den Verwüstungen vom Wochenende zum Opfer gefallen sein. Landesweit wurden laut aktuellen Schätzungen etwa 3000 Geschäfte geplündert, verwüstet oder beschädigt.
Neben den Aufnahmen des Videospielhändlers aus Nizza verbreitet sich auf Instagram derzeit ein Video, das eine Frau in Paris zeigt. «C’est mon magasin!», schreit sie im Clip vom Sonntagabend. «Das ist mein Laden!» Sie fuchtelt mit einem langen Holzstab herum. Damit versucht sie, eine Gruppe Männer abzuwehren, die in ihren Kleiderladen eindringen wollen. Die Plünderer sind einen Kopf grösser als sie, fast alle verhüllen ihr Gesicht mit einer Corona-Maske.
Einige Männer kommen der Frau zu Hilfe. Sie eilt los, um nach ihrer zweiten Filiale zu sehen. Die Kamera folgt ihr – und präsentiert chaotische Szenen in den Strassen von Paris. Die Scheiben an den Geschäften sind zerschlagen; Gestalten in dunklen Sportjacken fahren auf E-Scootern durch die Strassen. Irgendwo heult eine Polizeisirene, «Wallah, wallah!», schreit ein Mann.
Als die Frau bei ihrem zweiten Geschäft ankommt, sind dessen Regale nahezu leer. Vermummte Randalierer joggen gemächlich aus dem Laden, Beutel voller Ware unter den Armen. Es habe Kameras im Laden, ruft ihnen die Frau mit hilflos erhobenem Zeigefinger zu. Es gelingt ihr noch, einer vermummten Plünderin einen von vier Schuhkartons aus den Händen zu reissen. Bis die Polizei eintrifft, sind die Diebe längst in alle Richtungen verschwunden.
Das Video von der Pariserin hat auf Instagram mehr als zwei Millionen Likes erhalten. Die User solidarisieren sich zumeist mit ihr: «Es muss schrecklich sein für unschuldige, hart arbeitende Menschen, wenn ihre Existenzgrundlage vor ihren Augen vernichtet wird, ohne dass sie etwas dagegen tun können», heisst es in einem Top-Kommentar. «Respekt für diese mutige Frau», schreibt jemand anderes. Viele zeigen sich desillusioniert. «Wird immer noch so getan, als habe das alles etwas mit Forderungen nach besserer Bildung zu tun?», fragt ein User.
Und tatsächlich – bei den Randalierern deutet wenig darauf hin, dass sie sich für bröckelnde Schulhäuser oder überfüllte Klassenzimmer interessieren. Hauptsächlich scheinen die Ausschreitungen einer Logik der Enthemmung und Selbstbereicherung zu folgen.
Spass an der Zerstörung
Stellvertretend für die inhaltliche Entleerung der Proteste ist ein weiteres Video, das in den vergangenen Tagen auf allen Plattformen viral ging. Zu sehen ist eine blonde Frau, die eine Gruppe Plünderer davon abhalten will, in einen Supermarkt einzudringen. «Hört auf!», schreit sie die vermummten Männer immer wieder an. Es wirkt, als wäre die blonde Frau selbst politisch links eingestellt. «Wieso tut ihr das?», fragt sie die Plünderer. «C’est pas la cause!» Sinngemäss übersetzt: «Das hat mit unserem Anliegen nichts zu tun!»
“Why are you doing this? Stop it! That’s not what we stand for!”
A young French woman who appears to be leftist tries unsuccessfully to stop looters from breaking into a supermarket.
Cause and consequence, face to face.
I can’t help but feel heartbroken to helplessly watch my…
— Thaïs d’Escufon (@ThaisEscufon) October 17, 2026
Die Männer sind sichtlich belustigt ob der moralischen Empörung der Frau. Sie packen sie, halten sie fest und rauben währenddessen den Supermarkt aus.
Nicht nur Gier oder Opportunismus scheint die Plünderer anzutreiben. Sondern auch der Spass. Die Randalierer lachen, während sie vor den Augen der Ladenbesitzer Geschäfte verwüsten; sie johlen, wenn ein Händler getreten und mit Dosen beworfen wird, und sie filmen sich, während sie Läden ausrauben.
Verkäufer und Passanten stellen sich ihnen in den Weg. Sie wollen ihre Existenzgrundlage beschützen, ihre Liebsten, ihren eigenen oder fremden Besitz – das, was andere so ungestüm zu zerstören versuchen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Hannes Boos
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