Bürgerlich, nichtbinär, Berufsaktivist: Benjamin Ball gehört zu den Organisatoren der Protestwelle in Frankreich
Der 42-jährige Franzose ist einer von sieben Koordinatoren der Gelbwesten, doch er tritt nun besonders in Erscheinung. Die Gewalt bei den Protesten findet er legitim. Wir haben mit ihm gesprochen.
Christine Longin25.10.2026, 05.30 Uhr
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Nationalsport Strassenprotest: Ein Teilnehmer mit Schutzmaske gegen das Tränengas breitet bei einer Demonstration in Paris die französische Fahne aus.
Ibrahim Ezzat / Anadolu / Imago
Die interaktive Landkarte von Benjamin Ball ist mit neongelben Punkten übersät. Ganz Frankreich rebelliert. Hier eine Schulblockade, dort eine Demonstration oder ein Sit-in. Der «zweite Akt», wie Ball und seine Mitstreiter die Fortsetzung der Proteste nennen, ist am Samstag mit mehreren Hunderttausenden Teilnehmern über die Bühne gegangen. Das Ende des Stücks kennt niemand. Doch immerhin gibt es ein Drehbuch, das sich fortschreibt, Balls Landkarte eben.
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Der 42-Jährige hat sie zusammen mit anderen für den 17. Oktober erstellt, dem Tag, an dem die Proteste in Frankreich in massive Gewalt umschlugen. Er habe lediglich die verschiedenen Strömungen des Widerstands zusammenführen wollen, sagt der Familienvater der «NZZ am Sonntag». «Wenn ich für etwas stehe, dann für den Willen zur Konvergenz.»
PD
Konvergenz ist sein Lieblingsbegriff. Alle Protestgruppen in Frankreich sollen sich vereinen, alle Linien zusammenlaufen: die Gelbwesten, die Schüler, Studenten, Bauern, die Feuerwehrleute, Arbeiter, Lehrer, Pflegekräfte, Klimaaktivisten, Bewohner der einfachen Quartiere, die Rentner – «ein Regenbogen der Wut», wie es auf Balls Website heisst. Jeder hat ein Hühnchen zu rupfen mit dem Staat und mit Emmanuel Macron, dem verhassten Präsidenten.
Doch eigentlich will der Mann mit dem Dreitagebart gar kein Aushängeschild sein. Als einer von sieben Koordinatoren der Gelbwesten habe er geholfen, die Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu organisieren. Die Teuerung ist das Thema der «gilets jaunes». Bis ins nächste Jahr hinein sind auf Balls Website 17octobregiletjaune.net Termine zu finden.
Kurz bei den Grünen
Mit Daniel Cohn-Bendit, dem charismatischen Anführer der Studentenbewegung von 1968, will er gar nicht erst verglichen werden. «Er ist zu einem Handlanger des Systems geworden.» Vor allem dessen zeitweilige Nähe zu Präsident Emmanuel Macron nimmt Ball dem Grünenpolitiker übel. Denn Macron sei einer, «der den Milliardären dient». Und die Milliardäre seien noch schlimmer als der Staatschef selbst. Sie nähmen den Menschen das Geld für Schulen und Krankenhäuser weg.
In seinen jungen Jahren war auch Ball Mitglied der französischen Grünen, verliess dann aber die Partei. «Sie war nicht radikal genug.» Bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Frühjahr will er seine Stimme wahrscheinlich dem umstrittenen Linksaussen Jean-Luc Mélenchon geben, der die Protestbewegung unterstützt. «Ich werde für einen Kandidaten stimmen, der unsere Forderungen umsetzt.»
Obwohl Ball heute als Vertreter der Gelbwesten auftritt, gehört er nicht zu den Aktivisten der ersten Stunde. Als die Menschen vor acht Jahren an den Verkehrskreiseln gegen eine Erhöhung der Mineralölsteuer demonstrierten, sei er selten dabei gewesen. «Ich habe hauptsächlich das Essen vorbeigebracht», erinnert er sich. Ausserdem habe er ein paar Mal in Paris an den Demonstrationen der «gilets jaunes» teilgenommen. Die gelbe Warnweste der Protestierenden habe er nur zweimal getragen. Ihm sei damals vor allem der Zusammenschluss zwischen Gelbwesten und Klimaaktivisten wichtig gewesen, zwei Bewegungen, die nicht die gleichen Prioritäten haben. Ball sieht das pragmatisch: «Egal, ob es um das Geld am Monatsende oder um das Ende der Welt geht: Der Kampf ist derselbe.»
Krawalle vom 17. Oktober 2026: Ein Zeitungskiosk an der Place de la République in Paris steht in Flammen.
Antoine Gyori / Corbis / Getty
Der Co-Organisator der momentanen Protestwelle in Frankreich ist nicht leicht einzuordnen. Die massive Gewalt, die sich nach den Protesten am Samstag vor einer Woche Bahn brach, findet Ball «legitim». Die Wut der Menschen sei gerechtfertigt. Randalierer warfen Steine auf Polizisten, zündeten öffentliche Gebäude an, verwüsteten und plünderten rund dreitausend Läden. Fast tausend Polizisten, aber auch zahlreiche Demonstranten wurden verletzt.
Sohn im Elitegymnasium
Er unterstütze die Revolten überall im Land, sagt er. «Hat man mit dem Finger auf die Revolutionäre von 1789 gezeigt? Oder auf die Leute im Mai 1968?» Die Revolutionäre würden hinterher akzeptiert. «Aber wenn man mittendrin ist, werden sie zwangsläufig zu Kriminellen gemacht.»
Zugleich lebt er ein bürgerliches Leben im Pariser Vorort Argenteuil – «mit meiner Frau, meinem Sohn, drei Hühnern, einer Katze und zwei Fischen», wie sich Ball auf der Website seines Arbeitgebers Bio Consom’acteurs beschreibt. Seit Jahren koordiniert er die Aktivitäten dieses Vereins, der Kinder über biologische Landwirtschaft informiert. Seinen Sohn Mathis wiederum schickt Ball auf das Pariser Elitegymnasium Henri IV, im Zentrum der Hauptstadt.
«Die Schüler von Henri IV sind privilegiert», sagt Ball. Gerade deshalb wollten Mathis und seine Mitstreiter die schlechter gestellten Altersgenossen unterstützen.
In der Zeitung «Libération» sprach er diese Woche erstmals öffentlich über seine nichtbinäre Identität. «Man kann mich mit er, sie oder es anreden.» Als Frau nenne er sich Lilou nach seiner Lieblingsfigur aus dem Film «Das fünfte Element».
Sein bisheriges Arbeitsleben verbrachte Ball grösstenteils in Protestgruppen und Vereinen, einen Universitätsabschluss machte er erst vor kurzem im Fach Verwaltung öffentlicher Räume. Sein jetziger Arbeitgeber, der die Protestbewegung unterstützt, gab Ball für die Organisation der Kundgebungen drei Wochen Urlaub. Auch danach will er weitermachen: «Wir bleiben auf der Strasse, so lange es nötig ist.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christine Longin
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