Bürgerkrieg trotz Wohlfühlkultur: Bei Manchester United kriselt es wie schon lange nicht mehr – trotzdem hält der Klub am Trainer fest
Wütende Fans, Spieler, die gegen den Trainer und die Vereinsleitung aufbegehren, und Spott in den Medien: Der englische Traditionsverein hat nach einem historisch schlechten Saisonstart mehrere Baustellen.
Sven Haist, London
27.10.2026, 14.00 Uhr
4 Leseminuten
Düstere Aussichten für Michael Carrick: Wenn es so weitergeht, wird er wohl nicht mehr lange an der Seitenlinie stehen für Manchester United.
Gary Oakley / EPA
Jim Ratcliffe wollte sein angekratztes Image auch mit seinen Fussballinvestments aufpolieren. Der britische Milliardär, der den Petrochemiekonzern Ineos aufgebaut hat, stieg zunächst bei Lausanne-Sport in der Schweiz ein, danach beim französischen Klub OGC Nizza und im Februar 2024 als Minderheitsbesitzer bei Manchester United – an der Seite der berüchtigten Familie Glazer.
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Doch inzwischen droht sein Prestigeobjekt in Manchester ebenso zu zerfallen wie sein gesamtes Fussballimperium. Nachdem Ratcliffe seit Jahren vergeblich versucht, einen Käufer für Nizza zu finden, berichtete «The Athletic» zu Wochenbeginn, dass nun auch Lausanne-Sport zum Verkauf steht. Gleichzeitig steuert Manchester United unter Ratcliffe auf den dritten Trainerwechsel in drei Jahren zu.
Die neuen Standards von Manchester United
Die bisherige Saison gleicht für die Red Devils einer Höllenfahrt: nur zwei Siege in zwölf Pflichtspielen, seit acht Partien ohne Erfolg und gerade einmal sieben Punkte aus acht Ligaspielen. United ist auf Tabellenplatz 16 abgerutscht – schlechter stand der Klub letztmals in der Spielzeit 1921/22 da.
Hinzu kommen zahlreiche Demütigungen: 0:2 beim Aufsteiger Hull City, 1:4 beim Champions-League-Neuling Como und 0:3 zu Hause gegen Bournemouth am vergangenen Sonntag. Der Ex-United-Captain Gary Neville spottete am Sky-Mikrofon, die Spieler seien gegen Bournemouth «herumspaziert wie King William».
Im Old Trafford entrollten die Fans jüngst ein riesiges Banner in den Klubfarben. Auf schwarzem Hintergrund waren weisse Umrisse dreier prägender Vereinsfiguren zu sehen, die jeweils für eiserne Führungsstärke standen: Éric Cantona, Roy Keane und Bryan Robson. Darunter prangte in roter Schrift das Wort «Standards» – Massstäbe. An solchen Persönlichkeiten mangelt es Manchester United derzeit auf sämtlichen Hierarchieebenen, von den Spielern bis zu den Eigentümern.
Statt sich die Botschaft zu Herzen zu nehmen, liessen die Klubverantwortlichen das Banner rasch abhängen. Ratcliffe wird seiner Verantwortung kaum gerecht. Der 74-Jährige vermittelt den Eindruck, als hätte er die Krise nicht kommen sehen. In Manchester halten er und sein bei den Fans ebenfalls unbeliebtes Management – allen voran der Geschäftsführer Omar Berrada und der technische Direktor Jason Wilcox, die beide eine Vergangenheit bei den Erzrivalen Manchester City und Leeds United haben – am überforderten Trainernovizen Michael Carrick fest. Die Gründe liegen auf der Hand: Es mangelt an Alternativen, die Finanzen sind angespannt, und noch immer besteht die Hoffnung, das bittere Eingeständnis, aus den eigenen Fehlern nichts gelernt zu haben, vermeiden zu können.
Öffentliche Kritik des Captains
Denn die Situation erinnert frappierend an jene vor zwei Jahren. Damals liess sich Ratcliffe vom FA-Cup-Sieg dazu verleiten, den bereits abgeschriebenen Erik ten Hag entgegen den ursprünglichen Planungen im Amt zu bestätigen und sogar dessen Vertrag zu verlängern. Ein halbes Jahr später trennte sich United dennoch von ihm. Diesmal gab die starke Rückrunde den Ausschlag: Carrick, der mit United als Spieler fünf Meisterschaften und einmal die Champions League gewonnen hatte, führte das Team interimistisch auf Platz drei und wurde daraufhin zum Chefcoach befördert.
Dabei profitierte er jedoch massgeblich von den Strukturen, die sein Vorgänger Rúben Amorim geschaffen hatte. Der Portugiese hatte die verwöhnten Spieler mit strenger Disziplin geführt. Carrick hingegen setzte auf eine Wohlfühlkultur. Das erstaunt umso mehr, als er als Spieler selbst die kompromisslose Leistungskultur unter Alex Ferguson erlebt hatte.
Seine Führungsschwäche hat ihn einen erheblichen Teil seiner Autorität gekostet. Vor einer Woche kritisierte Captain Bruno Fernandes öffentlich den Konterfussball seines Trainers. Die Mannschaft müsse deutlich «mutiger» auftreten, forderte der Mittelfeldspieler. Die Pointe: Carricks Vorgänger Amorim hatte gerade für einen aktiven Stil gestanden.
Es gibt aber erhebliche Zweifel, ob die Spieler derzeit überhaupt in der Lage wären, ein laufintensives Spiel aufzuziehen. Möglicherweise fehlt ihnen dafür schlicht die nötige Fitness. «Man muss nicht unbedingt pressen, um Spiele zu gewinnen», entgegnete Carrick – ausgerechnet in einer Zeit, in der Pressing und Gegenpressing den Spitzenfussball bestimmen.
Die Aussage fügte sich in eine Reihe nichtssagender Erklärungen, die anmuteten, als wolle der 45-Jährige jede Angriffsfläche vermeiden. Als er Fernandes im folgenden Spiel gegen Bournemouth 90 Minuten auf die Bank verbannte, verwies er allen Ernstes auf «rein fussballerische Gründe». Bereits zuvor hatte Innenverteidiger Lisandro Martínez die Transferpolitik des Klubs attackiert und dabei ausdrücklich den «technischen Direktor» Wilcox erwähnt.
Vor dieser Spielzeit hatte United die Mittelfeldspieler Youri Tielemans, Carlos Baleba und Andrey Santos für 160 Millionen Franken verpflichtet. Doch Martínez dürfte es bei seiner Konfrontation nicht allein um weitere Zuzüge gegangen sein, sondern auch um eigene Interessen. Sein Vertrag läuft nach dieser Saison aus, wobei United über die Option verfügen soll, diesen einseitig um ein Jahr zu verlängern. Martínez könnte versuchen, dieses Szenario zu verhindern. Die Angelegenheit fällt selbstredend in den Entscheidungsbereich von Wilcox.
Angesichts all dessen ist in der englischen Fussballöffentlichkeit von einem «Bürgerkrieg» bei Manchester United die Rede. Die Fans pfeifen die Spieler gnadenlos aus, von der Vereinsführung halten sie ohnehin nichts. Am liebsten wäre ihnen, die Besitzer würden ihre Anteile verkaufen. Gemeint sind die Glazers – und inzwischen auch Jim Ratcliffe.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Sven Haist
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