Von Miami aus will der Wahlverlierer die brasilianische Opposition anführen. Doch selbst seine engsten Verbündeten gehen auf Distanz. Neue Enthüllungen über dubiose Finanzgeschäfte könnten den gesamten Bolsonaro-Clan in Bedrängnis bringen.

29.10.2026, 16.25 Uhr

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Flávio Bolsonaro (links) ist bei seinem Bruder Eduardo in den USA eingetroffen und posiert dort mit einer brasilianischen Flagge.

Flávio Bolsonaro (links) ist bei seinem Bruder Eduardo in den USA eingetroffen und posiert dort mit einer brasilianischen Flagge.

Eduardo Bolsonaro via Reuters

Flávio Bolsonaros neues Leben im amerikanischen Exil begann holprig. Kaum war der unterlegene Präsidentschaftskandidat nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Privatjet in Miami gelandet, erklärte er sich zum «wahren gewählten Präsidenten» Brasiliens. Wenig später korrigierte er sich: Nun bezeichnete er sich nur noch als «Führer Brasiliens».

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Auch sonst griff Bolsonaro zu grossen historischen Vergleichen. Er stellte sich in eine Reihe mit Charles de Gaulle, der 1940 nach London ging und von dort aus den Widerstand gegen die deutsche Besatzung Frankreichs organisierte. Bolsonaro sprach von Tyrannei, einem gestohlenen Wahlsieg und politischer Verfolgung. Beweise für Wahlbetrug legt er nicht vor. Von den USA aus will er nun den Widerstand gegen Präsident Lula anführen.

Der Kampf gegen Lula soll von Miami aus geführt werden

Sein jüngerer Bruder Eduardo, ein ehemaliger Abgeordneter, der seit mehr als einem Jahr ebenfalls im selbstgewählten Exil in den USA lebt, sorgt für die passende Kulisse. Flávios ersten öffentlichen Auftritt dort hat der Bruder für Donnerstag im «Freedom Tower» in Miami vorbereitet. «Das Gebäude diente einst als Anlaufstelle für Hunderttausende kubanische Flüchtlinge, die vor Fidel Castros kommunistischem Regime flohen», erklärte Eduardo Bolsonaro auf seinem Instagram-Kanal. «Es ist also genau der richtige Ort, um den Kampf gegen Lulas linkes Regime aufzunehmen.»

Doch Flávio Bolsonaros Versuch, von Miami aus die brasilianische Opposition anzuführen, stösst bereits bei seinen engsten Verbündeten in der Heimat auf Widerstand. «Weder unsere Partei noch ich können behaupten, dass es Wahlbetrug gegeben hat, weil es dafür keine Beweise gibt», erklärte Rogério Marinho. Der Senator ist Generalsekretär von Bolsonaros rechtskonservativem Partido Liberal (PL), amtiert als Oppositionsführer im Senat und hat Bolsonaros Wahlkampf geleitet.

Auch der wiedergewählte Gouverneur von São Paulo, Tarcísio de Freitas, drängt darauf, das Wahlergebnis zu respektieren und nach vorne zu schauen. Er galt lange als Favorit für die Präsidentschaftskandidatur der Rechten und in Umfragen als aussichtsreicher Herausforderer Lulas. Doch der inhaftierte Ex-Präsident Jair Bolsonaro bestand auf der Kandidatur seines Sohnes.

Sorge vor weiteren Enthüllungen

Flávios fast 60 Millionen Stimmen zeigen, wie stark das Bolsonaro-Lager weiterhin ist. Doch im Kongress wächst die Skepsis über seinen Konfrontationskurs. Die PL-Führung berief eine Krisensitzung ein, Politiker des konservativen Centrão bezeichneten seine Erklärung in Miami als «wahnhaft». Damit stellt sich für die brasilianische Rechte eine neue Frage: Wer soll sie künftig führen – und welche Rolle spielt dabei noch die Familie Bolsonaro?

Ein Grund für die wachsende Distanz könnte die Angst vor neuen Enthüllungen sein. Gegen Flávio Bolsonaro wird wegen verdächtiger Finanzgeschäfte ermittelt, auch seine Verbindungen zum Banco-Master-Skandal stehen im Fokus. Sollten weitere belastende Details ans Licht kommen, könnte das den gesamten Bolsonaro-Clan mitreissen. Für seine politischen Verbündeten wäre es riskant, sich jetzt noch enger an ihn zu binden.

Auch international schafft der Wahlverlierer mit seiner Flucht Probleme. US-Präsident Donald Trump ermöglichte ihm die Einreise und äusserte Zweifel am Wahlergebnis. Inzwischen gibt er sich jedoch auffallend zurückhaltend. Er wolle sich nicht einmischen, erklärte Trump am Mittwoch. Über Lula sagte er sogar: «Ich mag Lula. Ich komme sehr gut mit ihm aus.»

Offenbar will Trump die Beziehungen zu Brasilien nicht durch die Bolsonaro-Affäre belasten. Washington hat handfeste wirtschaftliche Interessen in der grössten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Die USA wollen Zugang zu Brasiliens riesigen Vorkommen an seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen, um ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Auch als Ölförderland gewinnt Brasilien an Bedeutung. Wie schon in Venezuela könnte Trump versuchen, die politischen Gegensätze beiseitezuschieben und zum Geschäftlichen überzugehen.

In Südamerika steht Bolsonaro zunehmend alleine da

Für Aussenminister Marco Rubio ist Lulas Wiederwahl hingegen ein Rückschlag. Rubio treibt den Ausbau des amerikanischen Einflusses in Lateinamerika voran und verbirgt seine Abneigung gegen Lula nicht. Doch seine Hoffnung auf eine von rechten Verbündeten regierte westliche Hemisphäre hat einen Dämpfer erhalten: Mit Brasilien, Mexiko und Kanada werden die drei grössten Volkswirtschaften des Doppelkontinents hinter den USA weiterhin von Trump-kritischen linken oder liberalen Regierungen geführt.

Selbst in Südamerika steht Flávio Bolsonaro zunehmend isoliert da. Fast alle Regierungen haben Lulas Wahlsieg anerkannt, darunter die rechten Präsidenten Chiles, Perus und Paraguays. Selbst Kolumbiens ultrarechter Präsident Abelardo de la Espriella, ein Verbündeter Bolsonaros, erklärte mit Blick auf Lula: «Wir haben grosse und tiefgreifende politische und ideologische Differenzen. Aber in einem Punkt sind wir uns einig: Brasilien und Kolumbien brauchen einander.»

Nur Argentiniens Präsident Javier Milei schert aus. Er verweigerte Lula die Gratulation und half offenbar sogar bei Bolsonaros Flucht. Sein engster Berater Santiago Caputo soll die Ausreise persönlich koordiniert haben. Bolsonaro dankte Milei für dessen «Mut, Gerechtigkeitssinn und Gesetzestreue».

Angespannte Beziehungen zwischen Brasília und Buenos Aires

Damit droht die ohnehin belastete Beziehung zwischen Buenos Aires und Brasilia weiteren Schaden zu nehmen. Doch Mileis Solidarität mit Bolsonaro dürfte vor allem innenpolitisch motiviert sein: Er ärgert so seine peronistischen Opponenten, die traditionellen Verbündeten Lulas. Wirtschaftlich hingegen kann sich Argentinien einen Bruch mit Brasilien, seinem wichtigsten Handelspartner, kaum leisten.

Für Lula könnte sich Bolsonaros Flucht dagegen als politischer Glücksfall erweisen. «Als man meinen Pass verlangte, habe ich ihn abgegeben», erinnerte der Präsident an seine eigene Verhaftung 2018. «Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich nicht zu fürchten.» Zugleich hat er seine Minister angewiesen, die Affäre nicht weiter anzuheizen. Er will Bolsonaro offenbar keine zusätzliche Bühne bieten, sich als Märtyrer aufzuspielen.

Stattdessen kann sich Lula seiner grössten Herausforderung widmen: dem Kongress, in dem die Linke nur eine Minderheit stellt. Doch die Spannungen im rechten Lager eröffnen dem Präsidenten neue Spielräume. Er kann versuchen, gemässigte Parteien zu gewinnen, denen Ministerposten und politischer Einfluss wichtiger sind als Bolsonaros Kampf aus dem Exil heraus.

So könnte der Wahlverlierer ausgerechnet seinem grössten Gegner das Regieren erleichtern.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Alexander Busch

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