Böe erfasst Kreuzfahrtschiff: Millionen-Schaden und Ermittlungen nach Kollision in Bremerhaven
Am Sonntagabend kollidierte die «Mein Schiff 3» beim Auslaufen in Bremerhaven während Sturmböen mit zwei Containerschiffen. Verletzt wurde niemand, doch der Schaden ist gross. Nun ermittelt die Polizei gegen den Kapitän.
27.10.2026, 16.00 Uhr
4 Leseminuten
Die Mein Schiff 3 ging im Juni 2014 von Hamburg aus auf Jungfernfahrt.
Imago
Wie schnell ein grosses Schiff im Hafenmanöver bei Sturmböen aus der Spur geraten kann, zeigt der Zwischenfall vom 25. Oktober in Bremerhaven. Die gut 290 Meter lange «Mein Schiff 3» lief gegen 17:30 Uhr aus, um eine auf 20 Tage angesetzte Kreuzfahrt rund um die Kanarischen Inseln anzutreten. An Bord waren 2428 Gäste und 922 Besatzungsmitglieder.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das Besondere am Ablegemanöver in Bremerhaven ist die Stromkaje. Dabei handelt es sich um eine fast fünf Kilometer lange Ufermauer an der Weser, die als eines der weltweit längsten zusammenhängenden Bauwerke für den Containerumschlag dient. Ablegende Schiffe werden stets von kleineren Schlepperbooten begleitet. Mindestens zwei davon waren auch im Einsatz, um die «Mein Schiff 3» beim Manöver zu unterstützen.
Im Hafengebiet herrschte zu diesem Zeitpunkt stürmisches Wetter mit Windstärken um 40 km/h und Sturmböen mit bis zu 95 km/h. Wie Augenzeugenvideos belegen, geriet das Kreuzfahrtschiff im Hafenbecken mit dem Heckbereich nahe an zwei Containerschiffe, die mit der Stromkaje vertäut waren. Zu sehen ist, dass die Schlepper mit voller Kraft und Schub gegen die Seitenwand der «Mein Schiff 3» versuchten, den Kollisionskurs zu beeinflussen. Doch die Versuche scheiterten.
Das Video zeigt die Kollision der beiden Schiffe in Bremerhaven.
Das Kreuzfahrtschiff kollidierte seitlich mit einem Containerschiff und kurz darauf auch im vorderen Rumpfbereich mit einem zweiten. Der Wind drückte dabei kontinuierlich mit der Last von geschätzt rund 400 Tonnen gegen die Schiffsflanke. Die so beschleunigte Masse des Schiffes (etwa 50 000-Tonnen) erzeugte beim Kontakt mit den Containerschiffen enormen Druck.
Das erklärt den Umfang der Zerstörung: Alle drei Schiffe erlitten Schäden an den Seitenwänden. Schätzungen der Polizei gehen von einer Millionensumme aus. An der Mein Schiff 3 wurden Rettungsboote, dazugehörige Kräne sowie die Aussenhaut erheblich beschädigt. Beim grösseren der beiden Containerschiffe riss das Kreuzfahrtschiff die Backbordseite auf mehreren Metern Länge auf. Zudem wurden in diesem Bereich die Schienen deformiert, die das Be- und Entladen von Containern erleichtern. Das kleinere Containerschiff erlitt laut Angaben der Polizei lediglich einen leichten Schaden.
Newsletter «Weg & Ziel»
Fortbewegung damals, heute und in Zukunft: Historie, Neuheiten und Trends aus der Welt der Mobilität.
Es gab weder auf dem Kreuzfahrtschiff noch den beiden Containerschiffen Personenschäden oder Wassereinbrüche. Die «Mein Schiff 3» kehrte zum Pier zurück, die Passagiere blieben an Bord. Vorsorglich belegte die Polizei alle drei Schiffe mit einem Auslaufverbot.
Die Polizei leitete ein Ordnungswidrigkeitsverfahrens gegen den Kapitän des Kreuzfahrtschiffs ein. Wie eine Polizeisprecherin bestätigte, wird dabei geprüft, ob er gegen seine Sorgfaltspflicht verstossen habe. Für den Kapitän spricht, dass in Bremerhaven grundsätzlich keine Fahrverbote wegen Wind gelten.
Verantwortungskonflikt zwischen Kapitän und Lotse
Hilfe erhielt der Kapitän auf der Brücke des Kreuzfahrtschiffs vom Hafenlotsen. Üblicherweise geht dieser kurz vor dem Ablegen an Bord und steht dem Kapitän als orts- und schifffahrtskundiger Berater zur Seite. Er bedient jedoch nicht das Steuer. Hätte sich der Kapitän des Kreuzfahrtschiffs auf die Anweisungen des Hafenlotsen verlassen dürfen? Wie der Hafenkapitän der Bremerhaven Port Authority bestätigt, lag die alleinige Entscheidung und Verantwortung für das Ablegen beim Kapitän der «Mein Schiff 3».
Doch in der Praxis sind die Verantwortlichkeiten nicht immer so klar wie in den schriftlichen Regeln. Beispielsweise lief 2007 das Kreuzfahrtschiff «Sea Diamond» vor der griechischen Insel Santorini auf ein gut kartografiertes Riff auf und sank später. Die Untersuchung ergab unter anderem, dass sich die Schiffsführung zu sehr auf die lokalen Gewohnheiten und die Einschätzung des Lotsen verliess, anstatt die GPS-Daten und visuellen Warnungen des eigenen Radars kontinuierlich selbst zu prüfen.
Eine ähnliche Situation wäre auch im Fall der «Mein Schiff 3» denkbar. Wie Kapitän und Lotse interagierten, ist Gegenstand der laufenden Untersuchung. Doch die Verantwortung bleibt stets beim Kapitän.
Die wirtschaftlichen und operativen Folgen sind enorm
Auf den Eigner des Kreuzfahrtschiffs, die Hamburger Reederei TUI Cruises, kommen enorme Ausfallkosten zu. Die Kreuzfahrt zu den Kanarischen Inseln musste abgesagt werden. Das Schiff muss nun zur Reparatur in eine Werft gebracht werden. Die Passagiere erhalten eine vollständige Rückerstattung der Reisekosten und allenfalls die Tickets für die Abreise per Bahn.
Passagiere übten Kritik am Krisenmanagement und der Kommunikation der Reederei. Einige kritisierten gegenüber Medien, dass TUI Cruises und die Schiffsführung viel zu langsam und unzureichend Informationen zum Zwischenfall vermittelten. Zudem meinten einzelne Reisende, die Verantwortlichen hätten den Gästen bereits am Sonntagabend mitteilen müssen, dass die Kreuzfahrt aufgrund der Ausmasse des Unfalls möglicherweise abgesagt würde.
So verblieben die Passagiere die Nacht auf Montag an Bord. Sie wurden erst am Montagvormittag – also am Tag nach der Kollision – offiziell darüber informiert, dass das Schiff zur Reparatur in eine Werft gebracht würde und sie die Heimreise antreten sollten.
Die Kollision in Bremerhaven illustriert die geringen Sicherheitsmargen bei Hafenmanövern moderner Grosskreuzfahrtschiffe unter schwierigen Witterungsbedingungen. Da Hafenlotsen eine reine Beratungsfunktionen ausüben, liegt die rechtliche Verantwortung allein beim Kapitän. Erfassen zudem heftige Sturmböen die enorme seitliche Angriffsfläche eines solchen Schiffs, stossen selbst koordinierte Schleppermanöver rasch an ihre Grenzen.
Zugleich offenbart der Vorfall das beträchtliche wirtschaftliche Schadenspotenzial für Reedereien bei Havarien im Hafen: Ein punktueller Zwischenfall führt zu Auslaufverboten, Werftaufenthalten und Sachschäden in Millionenhöhe. Neben den direkten Reparaturkosten schlagen vor allem der Komplettausfall von Reisen und die Erstattung der Reisepreise für die Passagiere zu Buche. Hinzu kommt der Reputationsschaden, der im Fall der «Mein Schiff 3» durch die Vorwürfe an den Kapitän entsteht. Wie hoch der entstandene Schaden für TUI Cruises ist, wird sich erst Monate später beziffern lassen.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Herbie Schmidt
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira