Bob Dylan spielt im Hallenstadion. Und ich werde nicht dort sein. Obwohl es kaum einen Musiker gibt, den ich mehr verehre als ihn.
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30.10.2026, 07:00
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«I’m Not There» ist ein Bob-Dylan-Song, den man durchaus als sein Lebensmotto lesen kann. Dylan war nie dort, wo man ihn erwartete. Er entzog sich Vereinnahmungen, verweigerte sich Erwartungen und wehrte sich mit Händen und Füssen dagegen, vor fremde Karren gespannt zu werden: von der Vietnam-Protestbewegung ebenso wie von seinen Fans oder der Musikindustrie.
Vielleicht ist er gerade deshalb so alt geworden. Und natürlich war er auch nicht dort, als ihm der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde.
Nie dort, wo man ihn erwartete
Auch heute ist Dylan wieder dort, wo ihn niemand erwartet hätte: mit 85 Jahren im Zürcher Hallenstadion. Er sitzt hinter dem Keyboard, weil sein Rücken ihm das Gitarrenspiel kaum mehr erlaubt.
Er spielt, was er spielen will, und vor allem so, wie er es spielen will. Er wird seine Songs krächzen, keuchen und zerlegen, rau und brüchig wie auf seinem letzten grossen Album «Rough and Rowdy Ways». Hinter ihm eine hervorragende Band, vor ihm ein erwartungsvolles Publikum. Ich werde nicht dort sein.
Der Musiker, der zufällig Bob Dylan ist
Nicht, weil ich Dylan nicht mehr hören möchte. Sondern weil ich keine Country-Band hören möchte, die bluesige Versionen von Bob-Dylan-Songs spielt, angeführt von einem alten Bluesmusiker, der zufällig Bob Dylan ist.
Ich möchte mir Dylan anders bewahren. Als den Künstler, der lange vor meiner Geburt die Musikwelt praktisch im Alleingang auf den Kopf stellte. Der Mitte der 1960er-Jahre innerhalb eines Jahres drei Alben veröffentlichte, die bis heute als Meilensteine gelten: «Bringing It All Back Home», «Highway 61 Revisited» und «Blonde on Blonde».
Die halbe Welt auf den Fersen
Dylan war damals 24 Jahre alt, und die halbe Welt war ihm auf den Fersen. Die Songs flossen nur so aus ihm heraus, getragen von jugendlicher Kühnheit, überschäumender Kreativität und dem Drang, der Welt etwas mitzuteilen.
Heute möchte er der Welt nichts mehr mitteilen. Er möchte einfach weiterspielen. Das ist sein gutes Recht.
Überlebensgrosse Figur
Als die US-Amerikaner auf dem Mond landeten, hatte Dylan bereits neun Alben veröffentlicht. Er hatte die Folk-Bewegung gross gemacht und ihr kurz darauf den Rücken gekehrt. Mit elektrischer Gitarre und Rockband ebnete er den Weg für die Rolling Stones, Jimi Hendrix und viele andere grosse Namen.
Es wirkt sonderbar, sich vorzustellen, dass Bob Dylan im Jahr 2026 eine reale Person ist, die morgens frühstückt, Zeitung liest und abends noch immer Konzerte gibt. Dass eine derart überlebensgrosse Figur noch immer auf Tournee geht, hat etwas Groteskes.
Späte Liebe
Ich selbst war bereits über 30, als ich Dylan für mich entdeckte. Lange erschien mir sein Werk zu gewaltig, um einen Einstieg zu finden. Im DRS‑3‑Büro neben mir sass Martin Schäfer, einer der grössten Dylan-Kenner der Schweiz. Eines Tages fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, wo ich beginnen sollte.
Schäfer empfahl mir «Blonde on Blonde», «Highway 61 Revisited», «Bringing It All Back Home» und «Blood on the Tracks». Inzwischen sind einige weitere Alben hinzugekommen. Eines davon werde ich auflegen, wenn Bob Dylan am Sonntagabend die Bühne des Hallenstadions betritt.
SRF 3, 29.10.2026, 15:10 Uhr; rama
Source: SRF · Dominic Dillier
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