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02.11.2026, 00:37

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Bob Dylan ist 85 und kommt nach Zürich – vielleicht zum letzten Mal. Er war schon immer besser darin, Erwartungen zu enttäuschen als zu erfüllen. Aber wann wird aus der Zumutung Magie? Fünf Vorurteile im Konzertcheck.

1. Die Hits? Fehlanzeige. Und wenn doch, erkennt man sie kaum.

«Like a Rolling Stone», «Blowin’ in the Wind», «All Along the Watchtower»: Die Hits fehlen. Fünf Musiker vor schwarzem Vorhang, ein paar Glühbirnen. Dylan watschelt mit Kapuze ans Klavier und legt los, als wäre das Publikum gar nicht da. Selbst «Tangled Up in Blue», der ewige Song im Dauerumbau, bleibt eine Silhouette. «It Ain’t Me, Babe» gerät zur Soft-Pop-Nummer. Einen ersten Lichtblick bietet ausgerechnet ein Cover: Bo Diddleys «I Can Tell».

Legende: Bereits 2025 in Minneapolis performte er mit Kapuze: Eine Marotte, die Dylans mystische Geisterhaftigkeit völlig «casual» auskostet oder doch nur ein Bad-Hair-Day? GettyImages/Gary Miller

Am Día de los Muertos lässt sich das Set auch als Totengedenken hören: Mit «I Can Tell» und seinen Songs «High Water (For Charley Patton)» und «Goodbye Jimmy Reed» verneigt sich Dylan vor drei musikalischen Ahnen.

2. Das ist eine Blues-Band, bei der zufällig Bob Dylan krächzt.

Heute nuschelt er eher, als dass er krächzt. Die Gitarrensoli von Mike Seal sind stark, die Band ist routiniert und bemüht, Dylan zu tragen.

Bassist und Langzeitgefährte Tony Garnier greift bisweilen daneben, als wisse er nicht, wohin Dylan ihn zieht. Vielleicht provoziert Dylan dieses Schlingern sogar. Er jagt die Magie des Unfertigen, ist ein Ur-Slacker, der lieber stolpert als sauber landet. Nur selten finden alle zusammen. Bei «Black Rider», einem dunklen Walzer aus dem Jenseits, gelingt es: Band und Dylan tragen einander. Der magischste Moment des Abends.

3. Das Handyverbot ist reine Schikane.

Beim Einlass verschwinden Smartphones in verriegelten Beuteln. Dylan setzte schon 2023 in Montreux auf handyfreie Konzerte. Schikane? Mitnichten. Kein Stau, kaum Umtriebe. Das Warten ohne Handy bringt Menschen ins Gespräch, vereinzelt werden sogar Bücher gezückt. Intensiver wird das Konzerterlebnis dadurch allerdings nicht.

Legende: Schon 2023 am Montreux Jazz Festival kamen die Smartphones der Dylan-Fans in den Yondr-Beutel. Im Hallenstadion sind heute «80 bis 100 Leute für die Umsetzung im Einsatz», so Hallenstadion CEO Philipp Musshafen. Keystone

4. Dylan ist gar nicht da – da sitzt nur ein Mann im Hoodie.

«Ich versuche eine anonyme Person zu sein», sagte Dylan einst. Heute treibt er das unter schwarzer Kapuze auf die Spitze. Totale Abschottung, wo andere Popstars um Aufmerksamkeit buhlen. Er schaukelt hinterm Klavier, in sich versunken. Kein Blickkontakt, keine Ansagen. Als spielte er im Proberaum statt im Hallenstadion. Bei «Million Miles» besingt er die Distanz selbst: «I'm still a million miles from you».

5. Ohne Dylan-Diplom versteht man hier nur Bahnhof.

Wer Dylan nicht kennt, fragt sich wohl, weshalb dieser nuschelnde Mann eine Halle füllt. Wer ihn kennt, weiss um den Reiz seiner ständigen Neuerfindung. Dylan ist keine Karaokemaschine, die Hits abspult. Nur bleibt der Reiz heute meist theoretisch. Erst beim zweitletzten Song, «Goodbye Jimmy Reed», dreht die Band auf. Der R&B-Stomper treibt vorwärts, die Halle erwacht. Endlich!

Dann «Every Grain of Sand»: ein Song, der fast auseinanderfällt. Das Konzert beginnt brüchig und endet brüchig. Dylan tritt vor das Klavier, das Publikum steht auf und applaudiert – vielleicht eher der Legende als der Show.

Wann wird aus der Zumutung Magie? Bei «Black Rider» blitzt sie kurz auf. Für ein ganzes Konzert reicht es nicht. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht die letzte Station seiner «Never Ending Tour» war.

SRF3; 29.10.2026; 15:20 Uhr

Source: SRF · Claudio Landolt

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