Die mutmassliche Tötung in Tuggen rückt die Gruppe wieder in den Fokus – dabei ist sie seit Jahrzehnten hier aktiv.
30.10.2026, 11:58
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Der Schweizer Ableger von «Blood and Honour» hat offenbar eine grössere Bedeutung, also bisher angenommen. Das ergibt sich aus Ermittlungsakten, die SRF vorliegen. Sie stammen aus deutschen Strafverfahren gegen Verdächtige, die in den 2010er-Jahren aktiv waren. Deutsche und Schweizer Kader finden offenbar, es brauche wieder mehr Schwung.
Der Plan: Konzerte in Unterwasser im Toggenburg. Was in der Schweiz für Schock sorgte, folgte einer Strategie, wie sich heute aus den Akten ergibt. Das Projekt hiess «Reunion28» – die Ziffern stehen für die Buchstaben B und H im Alphabet, «Blood and Honour».
Musik sei zentral, sagt der Rechtsextremismusforscher Alexander Ritzmann vom «Counter Extremism Project» CEP. Aber: «Blood and Honour» ist weit mehr als ein rechtsextremer Musikveranstalter. «Das ist eine Neonaziorganisation, die versucht zu wachsen, zu rekrutieren und ihre Ideologie zu verbreiten.» Gewaltaufrufe und teilweise Gewalt gehörten dazu.
Verantwortliche in der Schweiz haben «entscheidenden Einfluss»
Das Ausweichen in die Schweiz ist bereits zuvor ein bewusster Schachzug, wie die Akten zeigen: «Die im benachbarten Ausland somit bereits bestehenden Strukturen konnten nach dem Verbot der Organisation in Deutschland genutzt werden, um Teile ihrer Aktivitäten nach Österreich, Ungarn und in die Schweiz zu verlagern», schreiben die Ermittler.
«Sie fanden eine Reihe von Führungspersonen in der Schweiz. Mehrmals sagten Verdächtigte aus, man müsse Legitimation aus der Schweiz» erhalten. Dies laut den Akten in «innerdeutschen Entscheidungen», bei Problemen zum «Wiederaufbau der Division» sowie beim Vertrieb von CDs. Verantwortliche aus bzw. in der Schweiz hätten «entscheidenden Einfluss». Sie würden auch bei der Besetzung von «Sektionsleiterämtern» mitentscheiden.
Die Spuren führen an den Oberen Zürichsee – rund um Tuggen – ins Zürcher Oberland, aber auch ins Wallis. Das bestätigt die freie Journalistin Anna Bursian von Flimmer Media, die die rechtsextreme Szene seit Jahren beobachtet.
Nach einem Konzert der deutschen Band «Krawallbrüder» kam es im Eventlokal «The Bandits» in Tuggen (SZ) zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen. Dabei kam ein 27-jähriger Deutscher ums Leben.
Als mutmasslicher Auslöser des Streits gilt das Zeigen des Hitlergrusses durch mehrere Beteiligte. Als Tatverdächtiger befindet sich mittlerweile ein 42-jähriger Schweizer in Untersuchungshaft, der dem rechtsextremen Netzwerk «Blood and Honour» angehören soll, während die Staatsanwaltschaft die genauen Hintergründe weiter ermittelt.
Dass Personen mit «Blood and Honour Zürich»-Shirt auftreten würden, heisse, sie seien anerkannte Mitglieder. «Solche Kleider hat man nicht einfach so, die kriegt man überreicht – wer sie ohne Erlaubnis trägt, kriegt echt Probleme», so Bursian. B&H sei stark hierarchisch aufgebaut.
Rechtsextreme «Active Clubs» und «Blood and Honour» boxen zusammen
Das Netzwerk dürfte noch heute aktiv sein – darauf gab es zuletzt mehrere Hinweise: Etwa Personen am Rand einer Demonstration in Luzern im Mai.
Und im Telegram-Kanal eines «Active Clubs»: Diese rechtsextremen Gruppen gibt es in der Schweiz erst seit jüngster Zeit. Fotos vom 24. August zeigen erneut, wie schon im Frühling, eine «Blood and Honour»-Fahne – nun entstanden an einem gemeinsamen Boxnachmittag, wie es dazu heisst.
Thusis GR, 3.5.2026
Rund 150 Personen versammelten sich in einer örtlichen Eventhalle zu einem von «Blood and Honour» organisierten Neonazi-Konzert anlässlich Adolf Hitlers Geburtstag.
Unterwasser SG, 15.10.2016
Rund 5000 Neonazis reisten zum bisher grössten Schweizer Rechtsrock-Konzert ins Toggenburg, das Organisatoren aus dem «Blood and Honour»-Umfeld als «Rocktoberfest» getarnt hatten. Von der kurzfristig in die Schweiz verlegten Grossveranstaltung völlig überrumpelt, erstatteten Behörden und Organisationen anschliessend Strafanzeigen wegen Rassendiskriminierung.
Neuenburg NE, 24.6.2011
Bei einer durch die «Artam Brotherhood» und die «Union Nationaliste & Identitaire Romandie» initiierten Sonnwendfeier versammelten sich mehrere Dutzend Rechtsextreme. Auf Fotos posierten Teilnehmer mit Szenekleidung von «Blood and Honour» und zeigten gemeinschaftlich den Hitlergruss.
Birr AG, 3.6.2007
Aus einem fahrenden Auto heraus wurden sieben Schüsse auf eine Asylbewerberunterkunft abgefeuert, die bereits Monate zuvor Ziel eines Molotow-Anschlags geworden war. Wenig später verhöhnte ein anonymer Nutzer im Internetforum von «Blood and Honour Schweiz» die Betroffenen mit rassistischen Beleidigungen.
10vor10, 29.10.2026, 21:50 Uhr; noes
Source: SRF · Christoph Leisibach und Daniel Glaus
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