«Bismillah, c’est les ténèbres» – wie ein sinnfreier Spruch zum Slogan des französischen Protests wurde

Er ist überall, auf Plakaten, in Chats, gerufen auf der Strasse. Auf Deutsch heisst der Protestruf der jungen Franzosen «Im Namen Gottes, es ist die Finsternis». Ein semantischer Unsinn. Was nur hat die Polizei damit zu tun und was die Meme-Kultur?

23.10.2026, 17.05 Uhr

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«Im Namen Gottes, es ist die Finsternis»: Die Polizei wollte sich wohl bei der Jugend anbiedern und machte einen sinnfreien Spruch zum Protestruf der Schülerdemonstration in Frankreich.

«Im Namen Gottes, es ist die Finsternis»: Die Polizei wollte sich wohl bei der Jugend anbiedern und machte einen sinnfreien Spruch zum Protestruf der Schülerdemonstration in Frankreich.

Stéphane Mahé / Reuters

Selbst Greta Thunberg, die schwedische Klimaaktivistin und radikale Palästina-Unterstützerin, versucht sich im Französischen. «Bismillah, c’est les ténèbres», sagt sie in eine Kamera. Ihre französischen Mitstreiter lachen dabei. Das Video, das die drei drehen lassen, sammelt in den sozialen Netzwerken im Nu Tausende von Likes. «Bismillah»? «Ténèbres»? Was bitte haben eine religiöse Formel im Islam und ein etwas abgehobener literarischer Begriff in einem Satz zu suchen?

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Die Antwort ist: nichts. Eigentlich. Der Spruch, den die französischen Demonstranten seit Tagen auf Plakate schreiben und in ihren Chats verwenden, den sie auf Tiktok rufen und auf der Strasse, ist – semantisch gesehen – totaler Unsinn. Und doch hat er sich als Slogan der Protestbewegung in Frankreich etabliert.

Stossgebet und Strassenslang

Wörtlich übersetzt heisst die Parole: «Im Namen Gottes, es ist die Finsternis.» «Bismillah» ist arabisch und wird im Islam vor jeder als gut empfundenen alltäglichen Handlung ausgesprochen: vor dem Essen und Trinken, vor dem Verlassen und dem Betreten des Hauses, beim Anziehen, aber auch vor Prüfungen, einer Reise, einem Gebet.

Im Oktober tauchte das Stossgebetwörtchen in einem privaten Chat der Messenger-App Snapchat auf. Der Ausdruck gehört mittlerweile – wie etwa auch «inschallah» – zum Strassenslang der Jugend, nicht nur in Frankreich. Die Schüler und Studenten organisieren ihren Protest für eine bessere Bildung in den sozialen Netzwerken, in solchen Chats laufen Tausende von Nachrichten ein.

Ihre Anliegen aber wurden am vergangenen Wochenende von Hunderten Randalierern gekapert, die in einer Zerstörungswut Häuser, Geschäfte und Autos demolierten, diese teilweise in Brand steckten und sich Strassenschlachten mit der Polizei lieferten. Die Bevölkerung reagierte schockiert, die Regierung in Paris geriet unter Druck, auch wenn der französische Präsident Emmanuel Macron zu diesem Zeitpunkt auf Reisen in die Golfstaaten ging.

«Bismillah», rufen da die Jugendlichen weiter und planen, auch an diesem Wochenende durch die Strassen Frankreichs zu ziehen. Zu ihnen wollen sich all die gesellen, die gegen steigende Lebenshaltungskosten demonstrieren und letztlich gegen alles, was sie an der Regierung und auch sonst im Leben stört. Der schwarze Block dürfte auch wieder mit dabei sein. Die Armee solle die Polizei entlasten, heisst es aus Paris. Die Behörden überprüfen auch soziale Netzwerke.

Die Jugendlichen vermuten, dass der Satz – mittlerweile ist der Slogan auch nach Italien und Belgien übergeschwappt – ursprünglich auf einen verdeckten Ermittler zurückgeht. Sie halten ihn für einen Versuch, ihre Gruppen zu infiltrieren. Wer die Nachricht verfasste, ist bis jetzt allerdings unklar.

Unter dem Snapchat-Account «Mamadou30K» war vor wenigen Wochen eine Bitte aufgetaucht: «Salut! Bismillah c’est les ténèbres. C’est quand le blocus wallah mon frangin? On vas tout casser. Met moi dans le groupe blocus Aichek.» Dazu drei algerische Flaggen-Emojis. Zu Deutsch: «Hi! Im Namen Gottes, es ist die Finsternis. Wann steigt die Blockade, ich schwör, Bro? Wir schlagen alles kaputt. Nimm mich in die Blockade-Gruppe auf. Bitte, danke.»

Mit WC-Bürsten auf die Strasse

Die Nachricht klang nicht gerade nach einem echten Schüler. Sie klang vielmehr nach jemandem, der wie ein echter Schüler klingen sollte. Nach einem aus irgendeiner französischen Banlieue. Die Signalwörter springen sofort ins Auge: die arabischen «bismillah» und «wallah», ebenfalls das maghrebinisch-arabische «aichek», das sowohl als «bitte» als auch als «danke» gebraucht wird. Auch «frangin» (Bruder) aus der französischen Jugendsprache findet sich darin.

Um den Text noch unbeholfener zu machen, benutzt der User statt des korrekten «va» (wird) das fehlerhafte «vas» (wirst). Auch die Einzahl «c’est» passt – grammatikalisch gesehen – nicht zur Mehrzahl «les ténèbres», wobei die gesprochene französische Alltagssprache bei ähnlichen Konstruktionen ohnehin längst auf Singular setzt. Der Plural klänge hier recht gestelzt und in den Augen der Jugend voll «Boomer, ey».

Doch die Anbiederung ging daneben, weil die jungen Demonstranten sie sofort als solche verstanden. Die Bitte klang übertrieben und war durchsetzt von rassistischen Stereotypen über die Jugend aus französischen Vorstädten. In den Augen der Polizei ist ein Protestierender offenbar ein arabischstämmiger Krawallmacher.

Die Reaktion der Jugendlichen: Spott. Die so auffällig präsentierte Stigmatisierung verwandelten sie in Satire. Schon war der Slogan überall, als Meme im Internet und auf Schildern auf der Strasse.

Auf Nonsens und Ironie setzten bereits die Dadaisten, als sie mitten im Ersten Weltkrieg das Sinnlose zur logischen Antwort auf den Wahn der Welt erklärten. Es war eine bewusste ästhetische Provokation durch Absurdität. Doch auch in der heutigen Zeit nutzen Demonstranten vermeintlich Absurdes, um auf den Ernst ihrer Anliegen zu verweisen. «Ich habe ein Schild», schrieben etwa die Demonstranten der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die 2011 in Amerika für eine stärkere Kontrolle der Banken durch den Staat auf die Strasse gingen.

Russlands Unzufriedene protestierten 2021 mit Klobürsten für Meinungsfreiheit und gegen Putin. Ihr Idol, der mittlerweile in einer Strafkolonie umgekommene Alexei Nawalny, hatte damals einen Film über einen luxuriösen Palast gedreht, der dem russischen Präsidenten gehört haben soll. Dort fanden sich Badezimmer mit WC-Bürsten für umgerechnet knapp 1000 Franken das Stück. Für die Demonstranten quer durchs Land waren die Bürsten das Symbol für die Korruption und die Verschwendungssucht ihrer Führung.

Die vermeintliche Sinnlosigkeit nutzen viele Protestierende, um den Staat zu verspotten. Das ist auch bei «bismillah» und «Finsternis» nicht anders.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Inna Hartwich

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