Bildstrecke
Johnny Miller fotografiert Orte, an denen Arm auf Reich trifft. Seine Bilder machen Grenzen sichtbar, die man nur aus der Vogelperspektive sieht.
29.10.2026, 11.30 Uhr
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Die Favela Santa Marta liegt oberhalb von Botafogo, einem wohlhabenden Quartier im Süden von Rio de Janeiro. Von oben erkennt man die Siedlung an den dicht gedrängten Bauten. Der Hügel Dona Marta wird immer mehr von Baufläche erobert.
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Die scharfe Grenze zwischen bebauter und grüner Fläche ist kein Zufall: 2009 liess die Regierung des Gliedstaats Rio de Janeiro am Rand von Santa Marta eine Betonmauer errichten, als erste von mehreren rund um Favelas. Offiziell ging es um den Schutz des verbliebenen Regenwalds auf dem Hügel. Bewohner und Stadtforscher sehen in der Mauer aber eher einen Schutzwall für die Reichen gegen die Armen. Wachsen kann Santa Marta seit der Errichtung der Mauer nur noch nach innen und in die Höhe.
Im Stadtteil Tondo in Manila reicht die Siedlung Isla Puting Bato bis an das grösste Containerterminal der Philippinen. Ihre Häuser stehen auf Pfählen über dem Wasser und wirken winzig neben den bunten Frachtcontainern.
Das stark verschmutzte Wasser und immer wieder ausbrechende Grossbrände gefährden die Menschen am Rand der Hafenanlage. Im November 2024 zerstörte ein Feuer rund tausend Häuser. Die Stadtregierung erwog daraufhin, Bewohner umzusiedeln.
Gut zehn Kilometer südöstlich des Hafens stehen die Hochhäuser von Bonifacio Global City (BGC) in der Stadt Taguig. Daneben liegt South Cembo, ein dicht bebautes Quartier, das bis 2023 zur Nachbarstadt Makati gehörte.
Drei Jahrzehnte lang stritten die beiden Städte vor Gericht um das Gebiet. 2023 ordnete das Oberste Gericht der Philippinen es endgültig Taguig zu. Seither gehören zehn Quartiere mit über 300 000 Einwohnern, darunter South Cembo, zu Taguig. Für viele hatte das spürbare Folgen: Ihre Gesundheitskarte aus dem reicheren Makati ist nicht mehr gültig. Viele Gesundheitsinstitutionen mussten daraufhin schliessen.
Ein offener Kanal zieht sich durch Karachi, die grösste Stadt Pakistans. Solche Nullahs sollen Regenwasser Richtung Arabisches Meer leiten, führen aber auch viel Abwasser und Abfall. Auf beiden Seiten reicht die niedrige, dichte Bebauung bis an die Böschung.
2020 ordnete das Oberste Gericht Pakistans an, die Ufer der Kanäle freizuräumen. Innerhalb eines Jahres rissen die Behörden an zwei Kanälen rund 6600 Häuser ab. Über 66 000 Menschen waren betroffen. Einen Umsiedlungsplan habe es nicht gegeben, kritisierten Uno-Experten.
An den südöstlichen Hängen Bogotás schiebt sich das Arbeiterviertel Arboleda Sur den Hang hinauf. Dicht an dicht stehen die Häuser mit ihren bunten Blechdächern. Sie stehen im starken Kontrast zum kahlen, terrassierten Boden daneben.
Wie viele andere Viertel am Rande Bogotás ist Arboleda Sur Parzelle um Parzelle entstanden, erbaut von den Bewohnern selbst. Mindestens ein Fünftel der bebauten Fläche Bogotás ist so gewachsen. Die Stadt erkennt solche Quartiere Schritt für Schritt an. Sobald das passiert ist, werden Leitungen, Strassen und Gehwege gebaut. Für einen Teil von Arboleda Sur steht dieser Prozess noch aus: 2024 legte das Planungsamt einen Antrag auf Legalisierung ad acta, weil die Antragsteller gewisse Auflagen nicht fristgerecht erfüllt hatten.
Am Mithi River in Mumbai liegen die Gegensätze auf engstem Raum beisammen: Die Wohnblöcke im Grünen gehören zum Bandra Kurla Complex, einem der wichtigsten Geschäftsviertel der Stadt, mit Bürotürmen und Konsulaten, darunter jenem der USA. Entlang des Flusskorridors, der durch das Geschäftsviertel verläuft, reihen sich ebenso Eigenbausiedlungen.
Das Geschäftsviertel steht auf aufgeschüttetem Land: Ab den 1970er Jahren liess die Planungsbehörde Teile der Flussauen und des Mangrovenwalds zuschütten. Nach einer Flut im Juli 2005, die in Mumbai Hunderte Menschen tötete, machten Gutachter diese Aufschüttung mitverantwortlich für das Unglück. Daraufhin wurden viele Hütten am Ufer abgerissen. Die Bürotürme blieben.
Dharavi wirkt wie eine endlose Fläche aus Blechdächern. Auf rund 240 Hektaren leben in diesem Viertel Mumbais je nach Schätzung 400 000 bis eine Million Menschen. In Tausenden kleinen Werkstätten wird Plastik rezykliert, Leder verarbeitet, getöpfert und genäht. Der Jahresumsatz Dharavis wird auf rund eine Milliarde Dollar geschätzt.
Dharavi soll vollständig neu entwickelt werden. Im Oktober 2026 begann der Bau erster Ersatzwohnungen. Eine Gratiswohnung im Quartier bekommt, wer unter anderem nachweisen kann, dass er vor dem Jahr 2000 bereits in einer Wohnung im Erdgeschoss gewohnt hat. Für andere Bewohner sind Unterkünfte ausserhalb Dharavis vorgesehen. Schätzungen aus dem Jahr 2024 gehen davon aus, dass bis zu 700 000 Menschen deshalb wegziehen müssten. Zu den geplanten Umsiedlungsstandorten gehören Flächen auf der Mülldeponie Deonar, deren Räumung und Sanierung noch nicht abgeschlossen ist.
Im Osten Jakartas grenzt ein Kampung, ein städtisches Wohnquartier, an den Jakarta Golf Club. Dieser wurde 1872 von britischen Expats gegründet.
2020 erklärte der Gouverneur von Jakarta den rund 36 Hektaren grossen Golfplatz per Dekret zum Kulturerbe. Die Kampungs der Stadt dagegen werden immer wieder geräumt. Zwischen 2015 und 2017 zählte die Rechtshilfeorganisation LBH Jakarta 416 Zwangsräumungen, über 15 000 Familien waren betroffen. Auch heute wird noch geräumt.
Die Third Mainland Bridge verbindet Lagos Island über die Lagune mit dem nigerianischen Festland. Die Siedlung Makoko erstreckt sich unter der Brücke hindurch. Sie entstand im 19. Jahrhundert als Fischerdorf und wird oft «Venedig Afrikas» genannt, weil ein Teil des Ortes auf Pfählen über dem Wasser steht. Wie viele Menschen hier leben, weiss niemand genau, Schätzungen reichen von 80 000 bis über 300 000.
Zwischen Siedlung und Brücke verläuft eine Hochspannungsleitung. Kurz vor Weihnachten 2025 begannen die Behörden, die Häuser darunter abzureissen. Laut den Bewohnern ist ein Schutzstreifen von 30 Metern vereinbart gewesen. Die Bagger seien aber über 100 Meter weit in die Siedlung vorgedrungen. Tausende verloren ihr Zuhause. Die Regierung beruft sich auf grössere Sicherheitsabstände und betont, sie räume nicht ganz Makoko. Das Bild von Johnny Miller entstand 2023, rund zwei Jahre vor dem Abriss.
Zur Person
PD
Johnny Miller, Fotograf
Der Amerikaner Johnny Miller begann 2016 in Kapstadt, die Spuren der Apartheid von oben zu fotografieren. Daraus entstand das Langzeitprojekt «Unequal Scenes», das er seither auf weitere Städte in Afrika, Asien und Amerika ausgeweitet hat. Seine Bilder wurden international veröffentlicht und ausgestellt. Miller ist Senior Atlantic Fellow for Social and Economic Equity an der London School of Economics.
Source: Neue Zürcher Zeitung · Fotografinnen und Fotografen, Dario Veréb
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