Bei Rieter tritt der Sanierer nach unvollendeter Arbeit ab
Thomas Oetterli hat es trotz Doppelmandat nicht geschafft, den Textilmaschinenhersteller in die Gewinnzone zurückzuführen. Er hinterlässt seinem Nachfolger einen Schuldenberg und mit Barmag eine fragwürdige Akquisition.
28.10.2026, 17.29 Uhr
4 Leseminuten
Bei Rieter knorzt es seit Jahren. Dem Textilmaschinenhersteller fehlt es an Aufträgen. Zudem kämpft er mit Preisdruck.
Ga¨etan Bally / Keystone
Der Winterthurer Traditionskonzern Rieter hat einen gewaltigen Aderlass hinter sich. Gegenüber Ende 2022 habe man die Belegschaft um 40 Prozent reduziert, rechnete Thomas Oetterli, der abtretende Verwaltungsratspräsident und CEO des Textilmaschinenherstellers, am Mittwoch vor.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Rieter baute damit weltweit über 2200 Stellen ab. Dies entspricht der grössten Restrukturierung einer Schweizer Industriefirma seit Jahren. «Ich bin nicht stolz darauf», sagte Oetterli, «aber es war ein notwendiger Schritt.»
Chef mit grossem Handlungsspielraum
Oetterli war im März 2023 als CEO zu Rieter gestossen. Ein Jahr später übernahm er auch das Präsidium im Verwaltungsrat. Das Doppelmandat verschaffte ihm einen grossen Handlungsspielraum.
Der Manager kam als Sanierer zum Textilmaschinenhersteller. «Das Unternehmen wies damals hohe Umsätze aus, war ertragsmässig aber in schlechter Form», sagt er. Nun tritt Oetterli, der vor seinem Wechsel zu Rieter die gesamte berufliche Karriere beim Lifthersteller Schindler durchlaufen hatte, ab, ohne einen Turnaround bewirkt zu haben.
Thomas Oetterli, abtretender Präsident und CEO von Rieter.
PD
Zweiter Verlust in Folge erwartet
Im Gegenteil: Rieter dürfte 2026 zum zweiten Mal in Folge einen Verlust ausweisen. Wie am Mittwoch im Rahmen der Publikation der Umsatzzahlen zu den ersten drei Geschäftsquartalen bekanntwurde, rechnet das Management auf Stufe Betriebsergebnis (Ebit) mit einer Umsatzrendite von minus 2 bis 0 Prozent. Bisher hatte es eine Marge von 0 bis 3 Prozent in Aussicht gestellt.
Oliver Streuli, der Finanzchef, begründete das Zurückkrebsen mit dem anhaltenden Margendruck, der Rieter primär im Geschäft mit Spinnereimaschinen zu schaffen macht. Belastend sei zudem, dass die Markterholung in der Verkaufsregion Europa, Naher Osten und Afrika langsamer als erwartet verlaufe.
Wegen der schwachen Nachfrage reduzierte der Konzern auch seine Umsatzprognose: Der Konzernerlös soll neu lediglich am unteren Ende der bis anhin kommunizierten Bandbreite von 1,3 bis 1,5 Milliarden Franken zu liegen kommen.
Teurer Zukauf im Kunstfaser-Bereich
Die dürftigen Aussichten zeigen: Auch die Diversifikation in das Geschäft mit Maschinen für die Produktion von Kunstfasern hat noch nicht zur erhofften Besserung geführt. Rieter hatte Anfang Februar zum Preis von mehr als 700 Millionen Franken den Anbieter Barmag vom einstigen Industriekonglomerat OC Oerlikon übernommen. Die Akquisition machte eine Kapitalerhöhung nötig und erhöhte die Nettoverschuldung per Mitte dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr von 226 auf 673 Millionen Franken.
Thomas Oetterli ist nach wie vor der Überzeugung, Rieter habe sich dank der Übernahme Zugang zu einem Markt mit einem strukturell höheren Wachstumspotenzial verschafft. Doch fehlt es auch den Geschäften bei Kunstfasern zurzeit an Dynamik. Rieter leidet darunter, dass im einst boomenden amerikanischen Absatzmarkt Spannteppiche nicht mehr gleich gefragt sind wie früher. «Viele amerikanische Haushalte wünschen sich inzwischen ebenfalls Böden aus Parkett», sagte Oetterli.
Weitere Restrukturierung an deutschen Standorten
Wegen der gedrückten Nachfrage sieht sich das Unternehmen neu auch im Kunstfaser-Bereich zu Kostensenkungsmassnahmen gezwungen. Im Oktober starteten Gespräche mit den Gewerkschaften an den beiden deutschen Produktionsstandorten Remscheid und Neumünster .
Die Massnahmen gesellen sich zur teilweisen Verlagerung der Produktion im ebenfalls deutschen Werk in Heinsberg. Dieses gehört zum angestammten Geschäft der Spinnereimaschinen. Die betroffenen Aktivitäten werden nach China transferiert. Auch in der dritten Geschäftssparte, der Herstellung von Komponenten, sind Verlagerungen von Europa nach Asien im Gang.
Es sei unumgänglich, dass Rieter noch stärker als bisher in China und in Indien seine Maschinen montiere, sagt Oetterli. Von dort stamme der Grossteil der Nachfrage. Zudem sei man zu europäischen Kosten nicht mehr wettbewerbsfähig.
Wie viele andere europäische Maschinenhersteller spürt Rieter zunehmend die Konkurrenz durch aufstrebende asiatische Anbieter. Dank niedrigeren Arbeitskosten können sich diese oft tiefere Preise erlauben.
Preisdruck ist im Textilmaschinengeschäft ein Dauerthema. In Winterthur hofft man gleichwohl, einen gewissen technologischen Vorsprung auf die asiatische Konkurrenz bewahren zu können. Die Branche habe in Europa viel Know-how aufgebaut, auf das man weiterhin zurückgreifen wolle, sagte Oetterli.
Neuer CEO mit langjähriger Branchenerfahrung
Der abtretende CEO wird seinen Nachfolger Daniel Lippuner laut eigenen Angaben bei der Einführung intensiv begleiten. Lippuner, der am 1. November antritt, bringt langjährige Führungserfahrung aus dem Textilmaschinengeschäft mit.
Oetterli, der auch als Verwaltungsratspräsident zurücktritt, will zugleich Rieter als Investor eng verbunden bleiben. Er habe eine substanzielle Beteiligung aufgebaut, verriet er im Gespräch mit den Analysten. Doch wird auch er sich wohl noch eine Weile bis zur erhofften Erholung des stark gedrückten Aktienkurses gedulden müssen.
«Für höhere Notierungen wäre unseres Erachtens zyklischer Rückenwind erforderlich», so halten Analytiker der Zürcher Kantonalbank fest. Doch dieser sei gegenwärtig «nur flau» spürbar. Die Marktbeobachter weisen zudem darauf hin, dass zusätzliche Aufträge mit Kundenzahlungen nötig wären, um das hohe Schuldenniveau zu senken.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira