Bei der Route du Rhum hat der französische Segler Jean Le Cam ein Rendez-vous mit der Vergangenheit
Nach zwanzig Jahren nimmt Jean Le Cam wieder am Atlantikrennen teil. Diesmal mit einer Fahrtenrennjacht alter Schule. Er freut sich auf «echte Seemannschaft».
Walter Rüegsegger29.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Jean Le Cam segelt die Route du Rhum 2026 auf der restaurierten «Alegria», einer Swan 59 aus dem Jahr 1986, die er in jahrelanger Arbeit restauriert hat.
PD
Jean Le Cam ist der bekannteste Hochseesegler Frankreichs. Er wurde von Staatspräsident Macron im Élysée-Palast empfangen, und er ist Mitglied der Légion d’Honneur. Sechsmal nahm er an der Solo-Weltumsegelung Vendée Globe teil; in der Nähe von Kap Hoorn wurde er aus höchster Seenot gerettet, und er war selber Lebensretter eines Seglers, dessen Rennboot untergegangen war. Von den Franzosen wird Le Cam liebevoll «Le Roi Jean» genannt. Er hat die Imoca-Klasse geprägt wie kaum ein anderer Segler.
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Jetzt nimmt er zum dritten Mal an der Route du Rhum teil, dem Atlantikrennen von Saint-Malo nach Guadeloupe, auf einer Segeljacht, die vierzig Jahre alt ist.
Die Faszination des Rennens gründet im Reglement: In völlig unterschiedlichen Booten treffen zahlreiche Solosegler aufeinander, jeder versucht auf seine Weise, den Atlantik zu bezwingen. Diese Vielfalt der Bootskonzepte macht das Rennen spektakulär und spannend. Die Schnellsten auf den modernen, über dreissig Meter langen Trimaranen brauchen für die rund 3500 Seemeilen von Frankreich in die Karibik weniger als eine Woche, die Langsamsten, auf älteren und klassischen Segeljachten aus den achtziger Jahren, sind zwischen 16 und 25 Tagen unterwegs. Dazwischen liegen die Klassen Ocean Fifty und Imoca (11 bis 12 Tage) und die Class 40 (zwei Wochen).
Der Star der Vintage-Mono-Klasse ist eine lebende Legende
Zwei weitere Klassen tragen den Zusatz «Vintage». Sie umfassen ältere Einrumpf- und Mehrrumpfboote, die «gute Jahrgänge» repräsentieren – in Anlehnung an die Herkunft des Wortes aus dem Rebbau. Es sind also Boote aus Zeiten, als noch grosse, bunte Spinnaker gesetzt wurden und vorwiegend von Hand gesteuert wurde. Den Organisatoren geht es dabei um den Erhalt eines Kulturerbes; sie wollen das Verschwinden dieser einstigen Regattaboote verhindern.
Der absolute Star der Klasse Vintage Mono ist die lebende Segellegende Jean Le Cam. Er segelt auf der restaurierten «Alegria», einer Swan 59 aus dem Jahr 1986, die er in jahrelanger Arbeit restauriert hat. Es ist die logische Folge für Le Cam nach seinem Ausstieg aus der Imoca-Klasse, den der 67-jährige Segler nach seiner sechsten Vendée Globe bekanntgab. 2024 war Le Cam bewusst mit einer neuen Imoca-Jacht ohne Foils angetreten. Gegen die schnellen Foiler war er aber chancenlos und landete auf dem zwanzigsten Platz, seinem schlechtesten Ergebnis in diesem Nonstop-Rennen rund um die Welt.
Mit der Frage, ob man wirklich immer schneller werden müsse, stellte er den Sinn und die ursprüngliche Identität des Wettbewerbs als sportliches Abenteuer infrage. Die technologische Entwicklung führe dazu, dass der Kreis der ernsthaften Anwärter immer kleiner und der finanzielle Aufwand immer grösser werde. Mit diesem Protest beendete der Bretone seine Karriere als Imoca-Segler.
Le Cam sagt, es sei mehr als vierzig Jahre her, dass er auf einem Fahrtenrennboot gesegelt sei. Jetzt werde er wieder lernen, «was wir vor einigen Jahren verloren haben». Modernste Imoca-Rennjachten seien hochgradig automatisiert und auf Ergonomie getrimmt, während das Segeln auf einer vierzig Jahre alten Swan wieder echte Seemannschaft und manuelle Arbeit erfordere. Es sei ein schweres Boot, das nicht unbedingt einfach vor dem Wind zu segeln sei.
Jean Le Cam, wie er leibt und lebt: am Steuer eines Segelbootes.
PD
Seit vielen Jahren liebt das Publikum seinen Seehelden mit dem krausen Haarschopf und dem verschmitzten Lächeln. Le Cam ist ein Einzelgänger, gleichzeitig aber auch zugänglich, manchmal rau und kurz angebunden, dann wieder herzlich und mit einem schalkhaften Humor. In der Segelszene ist er als grosser Mentor bekannt. So hat er der jungen Violette Dorange vor der letzten Vendée Globe seine alte Imoca zur Verfügung gestellt und ihr bei der Rennvorbereitung geholfen. Auch den behinderten Segler Damien Seguin hat Le Cam unterstützt.
Erst ein Segler gewann die Route du Rhum zweimal
Eine Atlantiküberquerung (Transat) im November stellt eine Herausforderung für Mensch und Schiff dar. Im Spätherbst ziehen häufig kräftige Sturmtiefs über den Nordatlantik. Zwei Segler haben bisher ihr Leben verloren (1978 und 1986), bei der siebten Ausgabe dieses Klassikers erreichten von 18 Trimaranen nur 3 das Ziel, 2014 ereigneten sich zahlreiche Mastbrüche. Auch Le Cam musste bei seiner ersten Teilnahme 2002 nach einem Zusammenstoss mit dem gekenterten Trimaran von Franck Cammas im dichten nächtlichen Nebel aufgeben. Vier Jahre später wurde er in der Imoca-Klasse Zweiter.
Bisher hat nur ein einziger Segler die Route du Rhum zweimal als Gesamtsieger beendet: der Schweizer Laurent Bourgnon 1994 und 1998. Dieses Kunststück könnte Charles Caudrelier mit seinem neuen Riesentrimaran wiederholen – vor vier Jahren hatte er die neue Rekordzeit von unter sieben Tagen aufgestellt. Auch der Name Bourgnon könnte wieder in einer der Siegerlisten auftauchen. Der 24-jährige Basile, Sohn des vor elf Jahren bei einem Tauchunfall verunglückten Laurent, gehört in der Klasse Ocean Fifty zu den Topfavoriten. Er feierte in diesem Sommer mit seinem fünfzehn Meter langen Trimaran seine beiden ersten Offshore-Siege.
Ob die Route du Rhum 2026 für Le Cam seine letzte grosse Einhandregatta sein wird, lässt der Segler offen. Er weist Spekulationen, er wolle es ruhig angehen lassen und nur eine Kaffeefahrt unternehmen, entschieden von sich. Dieses Rennen sei für ihn keine «Spazierfahrt», sondern, so wie es seinem Naturell entspreche, ein Wettkampf, es handle sich um ein Rennprojekt. Aber die Regatta solle ihm auch «Freude» machen und «eine schöne Geschichte mit Eleganz» ermöglichen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Walter Rüegsegger
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