Bayern-Trainer Kompany: Wenn der Arbeitseifer plötzlich zum Risiko wird
Kompany wurde nach einem Zusammenbruch am Freitag ins Spital gebracht. Dem Klub wird er mehrere Wochen lang fehlen.
25.10.2026, 16.03 Uhr
5 Leseminuten
AktualisiertFällt nach einem Zusammenbruch wohl für mehrere Wochen aus: der FC-Bayern-Trainer Vincent Kompany.
Matthias Schrader / AP
Ein ungewöhnliches Bild wird sich den Zuschauern am Sonntagabend im Bundesliga-Spitzenkampf bieten: Bayern München gegen den SC Freiburg, der Zweite gegen den Dritten, doch nicht mit Vincent Kompany auf der Trainerbank, sondern mit dem Engländer Aaron Danks.
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Der Grund für das Fernbleiben des Trainers versetzt nicht nur den Verein, sondern auch den Anhang in helle Aufregung: Kompany war am Freitag in die Notaufnahme des Spitals gebracht worden. Er hatte das Training der Profimannschaft beendet und war dann zusammengebrochen, als er dem Training der U23 zuschaute.
Schon Anfang der Woche hatte er pausiert
Das Ereignis erscheint umso besorgniserregender, da Kompany schon Anfang der Woche zwei Tage pausiert hatte. Das Abschlusstraining vor dem Match gegen Arsenal leitete er nicht. Er habe sich «einen ziemlich saftigen Virus» eingefangen, doch es sei ihm schwergefallen, zu pausieren. «Als Trainer will man immer alles tun und alles machen.» Er habe nicht auf seinen Körper gehört, aber der habe ihm dann gesagt: «Jetzt hör mal auf!» Am Mittwochabend beim 2:2 gegen Arsenal stand er dann wieder an der Seitenlinie, doch der Coach war kaum auf den Beinen und verbrachte die meiste Zeit sitzend auf der Trainerbank, wie schon am Wochenende zuvor beim 6:1 gegen RB Leipzig.
Für den sonst so elanvollen Belgier war dies ein ungewohntes Bild. Kompany hatte nicht einmal die Musse oder Energie, sich mit den Sticheleien des deutschen Bundestrainers Jürgen Klopp auseinanderzusetzen, der nach dem Match anmerkte, er habe nicht verstanden, was Kompanys Team da treibe. «Dazu sage ich nichts», lautete die knappe Antwort. Allerdings veröffentlichte «Bild» am Samstag ein äusserst interessantes Detail: Kompany habe Klopp bei dessen Besuch in München die Taktik der Bayern ausführlich dargelegt. Ein Detail, das geeignet ist, einer Provokation die Dimension eines Affronts zu verleihen. Kompanys erkennbare Verstimmung wäre vor diesem Hintergrund nur allzu verständlich.
Am Samstagvormittag informierte der Bayern-Sportvorstand Max Eberl. Die gute Nachricht laute, dass Kompanys Zustand stabil sei. Er könne Besuch empfangen und Eberl habe mit ihm gesprochen. Die Münchner Boulevardpresse führte auf ihren Websites einen Ticker, der akribisch vermerkte, wer in der Nähe des Spitals gesichtet wurde. Uli Hoeness, der Bayern-Patron, sei mit einer Tüte des Feinkostrestaurants Käfer gesichtet worden.
Eberl beschwört Familiengeist
Eberl nutzte die Gelegenheit, um Bayern München als besonders fürsorglichen Arbeitgeber darzustellen: «Das ist Bayern München. Es ist nicht nur Wortklauberei, von Familie zu sprechen, wir sind es tatsächlich. Das stärkt uns, als Familie zusammenzustehen und da durchzugehen.»
Der allseits beliebte Coach werde alle Zeit bekommen. «Wir fangen nicht an, irgendwelche Zeitkorridore aufzubauen. Wir müssen herausfinden, was es ist, und dann geht es darum, was die Recoveryzeit bedeutet. Wir werden nicht von Tagen reden, sondern von Wochen.» Damit wurde deutlich, dass es sich um einen ernstzunehmenden Vorfall handelt. Mediziner fürchten bei nicht auskurierten Infektionen, dass der Herzmuskel zu Schaden kommen könne. Vorsorglich wird deshalb oft zur Pause geraten. «Wenn die leisesten Zeichen deines Körpers nicht gehört werden, dann schreit er irgendwann. Und das tut er leider jetzt», sagte Eberl.
Kompany wird noch einige Tage zur Beobachtung im Spital verbringen müssen. Es geht darum, die Ursache zu ermitteln. Ins Detail gehen wollte Eberl nicht, er sei schliesslich kein Mediziner. Dennoch informierte er bemerkenswert offen. Möglicherweise waren sogar Details dabei, die Kompany selbst nicht gefallen hätten.
Denn es ging auch um die Arbeitsethik, die Vincent Kompany nach Ansicht von Beobachtern auszeichnet. Gegenüber seinen Spielern gehe er vorbildlich voran: Er komme frühmorgens und gehe erst spät am Abend. Bis spät in die Nacht hinein beschäftige er sich mit der Analyse von Gegnern. Daraus ergibt sich nicht nur das Bild eines Mannes, der seine Aufgabe ernst nimmt. Er zeichnet sich durch eine Leidenschaft und Akribie aus, wie sie in diesem Geschäft selbst an der Spitze nicht alltäglich sind.
Der «Spiegel» deutet die Ereignisse psychologisch: Der Anspruch, im Leben voranzukommen und besser zu sein als die Konkurrenz, habe Kompany stets angetrieben. Geprägt worden sei er dabei auch von seinem Vater, der als Flüchtling nach Belgien kam, Ingenieur wurde und schliesslich sogar Politiker.
Ein Sonderfall sei Kompany, sagen Beobachter, auch in diesem extremen Beruf. Denn ihn zeichne noch etwas anderes aus als die fachliche Qualität und der unerschütterliche Arbeitseifer. Es sei eine Gelassenheit, wie sie in diesem Geschäft selten anzutreffen sei, verbunden mit einer Freundlichkeit, die nicht aufgesetzt wirke. Selbst Fussballfreunde, die mit dem FC Bayern sonst wenig anfangen können, gestehen gerne zu, dass Kompany eine ausgesprochen sympathische Figur sei. Nicht nur den eigenen Anhang, sondern teilweise sogar die Fans des Gegners für sich einzunehmen – das ist etwas, was zuvor nicht einmal Jupp Heynckes oder Carlo Ancelotti gelungen war.
Fachlich versiert, einnehmend, integer: Ein solcher Mann ist für den FC Bayern von unschätzbarem Wert. Und diesen gilt es, so Eberl, zu pflegen, erst recht in einer solch heiklen Situation. Aber dem Manager sei eben auch bewusst, dass es nicht einfach ist, einen solchen Mann von der Arbeit abzuhalten: «Wenn ein Trainer sagt, er fühlt sich bereit, etwas zu tun, dann können wir es ihm nicht verbieten. Wir haben ihn schon zwei Tage vor dem Arsenal-Spiel zurückgehalten, weil wir von dem Virus wussten.» Kompany aber habe sich erholt präsentiert. «Dann ist es schwierig, ihn zurückzuhalten.»
Das Pflichtbewusstsein könnte zum Problem werden
In der Tat führt das Pflichtbewusstsein in ein Dilemma: Wie soll sich ein Klub in einer solchen Situation verhalten, wenn er vielleicht ahnt, dass der Trainer aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft heraus handelt, dabei aber womöglich seiner eigenen Gesundheit schadet? Eberl stellt dies unumwunden als Problem dar: «Das wird die grösste Aufgabe sein, ihn auch ein Stück weit vor sich selbst zu schützen.»
Der Co-Trainer Aaron Danks, der Kompany einstweilen vertritt, erklärte, dass er Kompany ebenfalls aufgesucht habe und dass es bei seinem Besuch nicht um Fussball gegangen sei, sondern allein um das Befinden des Patienten. Es ist ein erster Schritt hin zur Schonung. Die Frage ist allerdings, wie Kompany mit den Grenzen umgehen wird, die ihm sein Körper nun aufgezeigt hat.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Stefan Osterhaus
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