Bayern München erkauft ein Remis gegen Borussia Dortmund teuer – unverwundbar ist der Rekordchampion nicht
Ismael Saibari verletzt sich im Spitzenspiel der Bundesliga schwer. Die grosse Zahl der Verletzten könnte für die Münchner zum Problem werden.
01.11.2026, 00.24 Uhr
4 Leseminuten
AktualisiertHatte keine Freude: Harry Kane verschoss einen Elfmeter.
REUTERS
Kann eine Auszeichnung eine Bürde sein? Diese Frage dürften sich nicht wenige Fans des FC Bayern gestellt haben, als Harry Kane im Spitzenspiel der Bundesliga in München gegen den BVB-Goalie Gregor Kobel zum Elfmeter antrat. Kane, ein Schütze mit nahezu implantierter Treffergarantie, tat, was er sonst in solchen Situationen immer tut: Er trippelte zum Elfmeterpunkt, stoppte kurz – und traf dann aber unerwartet die Querlatte.
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Ein Ereignis von Seltenheitswert
Ohne Treffer blieb der Engländer an diesem Abend, der Anfang der Woche mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet worden war. Vor Lamine Yamal und Kylian Mbappé, aber auch vor Rodri, dem besten Spieler der Weltmeisterschaft. Die Argumente, die die Juroren lieferten, bestanden vor allem in seiner Zuverlässigkeit, dieser sensationellen Quote, mit der er trifft. Insofern ist das Spitzenspiel ein bemerkenswertes Ereignis, das es zu notieren gilt. Ein Bundesligaspiel ohne Treffer von Kane hat Seltenheitswert.
Dabei war alles auf einen grossen Auftritt Kanes zugeschnitten. Als sein Name mit der Nummer neun auf der Anzeigetafel erschien, war der Hintergrund nicht wie gewöhnlich rot, sondern golden unterlegt. Viele Fans hatten sich bei bitterkalten Temperaturen in goldene Folie gehüllt.
Nun ist ein 2:2 in einem Spitzenspiel alles andere als ein Beinbruch. Beide Mannschaften stehen punktgleich an der Tabellenspitze, kein Konkurrent konnte sich absetzen, was Niko Kovac, den Trainer der Dortmunder, erfreute. Er hatte einen seriösen Auftritt seiner Mannschaft gesehen. Punkte zu holen sei in München keine Selbstverständlichkeit, er könne mit dem Ergebnis gut leben. Besonders habe ihm die Art und Weise imponiert, wie sich das Team präsentiert habe: Es habe sich «gezeigt, welche Mentalität die Mannschaft besitzt, welche Energie».
Die Bayern zahlen einen hohen Preis
Obwohl die Mannschaft noch in der Entwicklung sei, traue er ihr zu, im Verlauf der Saison noch eine gute Rolle zu spielen. Vom Titel wolle er, anders als der Innenverteidiger Nico Schlotterbeck, der den BVB als stark unterschätzt wähnt, nicht sprechen. Das wäre auch ein wenig vermessen, denn die Bayern waren am Samstag nicht in Gefahr zu bringen; an ihrem Favoritenstatus rüttelt der Punktgewinn der Dortmunder nicht.
Und doch dürfte es sich um einen Nachmittag handeln, der aus bayerischer Perspektive lange nachhallen wird. Denn die Bayern haben einen hohen Tribut zu entrichten – drei ihrer Stützen mussten das Feld verletzt verlassen. «Ein teures Unentschieden» – so fasste Sportvorstand Max Eberl zusammen, was über das blosse Ergebnis hinauswies. Das Malheur begann in der 26. Minute. Da tauchte Ismael Saibari allein vor dem Dortmunder Goalie Gregor Kobel auf. Saibari hatte sich den Ball etwas zu weit vorgelegt, Kobel konnte parieren und war geistesgegenwärtig genug, um den Abpraller zu neutralisieren.
Vor Saibari war er am Ball; dieser stolperte über Kobels Arme und kam daraufhin nicht mehr auf die Beine. Minutenlang blieb er auf dem Feld liegen, ehe er, von zwei Sanitätern gestützt, den Rasen verlassen konnte. Ein Communiqué der Bayern gab es zwar nicht, doch dass er mit dem rechten Bein gar nicht auftreten konnte, sprach dafür, dass es sich um keine triviale Verletzung handelt. Aaron Danks, der den erkrankten Coach Vincent Kompany vertrat, wollte keine Prognose abgeben, doch der Eindruck sei ernst.
Auch Gnabry und Olise angeschlagen
Auch Serge Gnabry musste das Feld verlassen, mit Oberschenkelproblemen. Nach einem Spurt signalisierte er, dass es nicht weitergeht. Nicht besser erging es Michael Olise zehn Minuten vor dem Ende der Begegnung. Im Vergleich zu seinen beiden Mannschaftskollegen wirkte er allerdings weniger schwer angeschlagen.
Zwar ist Ismael Saibari kein Stammspieler bei den Münchnern, doch sein Ausfall wiegt trotzdem schwer. Im Sommer, nach der WM, kam er von Ajax Amsterdam zu den Bayern, die ihn auch wegen seiner Vielseitigkeit verpflichtet haben. Ob auf den Aussenpositionen, auf der gestaltenden Position im Zentrum oder auch im Angriff: Ein Spieler wie Saibari ist in der Lage, auf hohem Niveau mitzuspielen, wenn sich durch Verletzungen Lücken auftun. Zumal er gut genug ist, sich mit ein wenig mehr Praxis einen Stammplatz zu erobern.
Sein Ausfall illustriert auch auf frappante Weise, dass die Tiefe im bayerischen Kader keineswegs unendlich ist. Zumal die Bayern ihn als möglichen Stellvertreter von Jamal Musiala verpflichtet haben dürften, der wegen epileptischer Absencen in der Saisonvorbereitung zweimal auf dem Feld zusammengebrochen war.
Musiala stand gegen Dortmund nicht im Kader, es wäre verwegen, die Saison mit ihm zu planen. Am schwersten aber wiegt wohl die Erkrankung von Trainer Vincent Kompany, der vor dem vergangenen Wochenende zusammengebrochen war, während er das Training der U23 beobachtete. Eine Hirnhautreizung wurde im Spital diagnostiziert, womöglich als Folge einer Viruserkrankung, die den Belgier schon einige Tage zuvor beschäftigte. Inzwischen hat er das Krankenhaus verlassen und wird daheim gepflegt. An eine allzu schnelle Rückkehr auf die Trainerbank ist allerdings nicht zu denken.
Zwar lässt sich trefflich darüber spekulieren, ob die Bayern den Match mit Kompany anders angegangen wären. Praktisch aber hat sich sein Stellvertreter Danks wenig vorzuwerfen. Die gut eingestellte Borussia wäre mit einer knappen Niederlage äusserst schlecht bedient gewesen, das Remis entsprach den Kräfteverhältnissen, auch wenn die Bayern mehr Torchancen hatten. Ihnen mangelte es an der Souveränität, die ein Spitzenteam für gewöhnlich auszeichnet.
Den Bayern drohen die Play-offs
Für den Auftritt der Bayern am Dienstag bei Atlético Madrid sind dies nicht die besten Voraussetzungen, auch wenn Danks als Vertreter Kompanys grosse Vorfreude auf dieses Match bekundet. Bloss hängt vom Ergebnis bereits eine Menge ab: die direkte Qualifikation der Bayern für die Runde der besten 16 Teams. Gelingt dies nicht, müssten sie den Achtelfinal über die Play-offs in Hin- und Rückspiel zu erreichen versuchen. Nicht nur eine Unwägbarkeit mehr, sondern auch eine zusätzliche Belastung, erst recht angesichts der vielen Verletzungen.
Source: Neue Zürcher Zeitung · Stefan Osterhaus
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