Auterion-Mitgründer Sartori: «Die deutsche Drohnenbranche hat uns links und rechts überholt»

Kevin Sartori zog es einst ins Silicon Valley, dann half er mit, Auterion aus der Taufe zu heben. Eine Firma, deren Technologie auch von der Ukraine im Krieg verwendet wird. Heute berät der Tessiner Schweizer Startups – und legt sich für die Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes ins Zeug.

31.10.2026, 21.45 Uhr

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«Wir sind zu stark abhängig vom Ausland»: Kevin Sartori will, dass Zukunftstechnologien in der Schweiz entwickelt und produziert werden.

«Wir sind zu stark abhängig vom Ausland»: Kevin Sartori will, dass Zukunftstechnologien in der Schweiz entwickelt und produziert werden.

Karin Hofer / NZZ

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Frage: Herr Sartori, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Drohnen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder sehen, auf denen Drohnen in der Ukraine richtiggehend Menschen jagen?

Antwort: Diese Aufnahmen überraschen mich leider nicht. Es kann Angst machen, zu sehen, was Technologie vermag und dass man ihr ausgesetzt ist. Aber es ist eben auch wichtig zu verstehen, dass es Menschen sind, die hinter der Technologie stehen und dafür auch die Verantwortung tragen.

Frage: Sorgen Sie sich auch mit Blick auf die Geopolitik? Es sind Russland und China, die massiv in Drohnen investieren.

Antwort: Absolut. Wir sollten die USA in dieser Aufzählung nicht vergessen. Die technologische Abhängigkeit von den Amerikanern ist immens. Es ist beängstigend, wie schnell die Technologie voranschreitet. Manche Waffensysteme werden im Wochentakt weiterentwickelt.

Frage: Wohin geht die Reise?

Antwort: An einen Ort, an dem es immer schwieriger wird, die Technologie zu kontrollieren. Die Staaten und Gesellschaften müssen sich gut überlegen, welche Standards und Werte sie durchsetzen wollen. Das ist wichtig. Aber wichtig ist auch, die Technik zu verstehen, um sich dagegen verteidigen zu können. Einfach die Augen davor zu verschliessen, ist unmöglich.

Frage: Hätten Sie als Student gedacht, dass Sie sich einmal mit solch dystopischen Fragen beschäftigen würden?

Antwort: So weit dachte ich nicht. Klar war mir aber schon, dass es in diesen Forschungsbereichen Berührungspunkte mit Unternehmen geben könnte, die Rüstungsgüter herstellen. Ich musste mich entscheiden, wie nahe ich solchen Kunden kommen wollte. Ein Entscheid, den viele Unternehmer treffen müssen. Ich rate den über fünfzig Firmen, die ich coache, diese Wahl ganz bewusst zu treffen.

Frage: Die Firma Auterion, die Sie mitbegründet haben, hat diesen Entscheid auch gefällt. Ihre Technologie steckt in den ukrainischen Drohnen, die tagtäglich im Kampf gegen Russland zum Einsatz kommen und Soldaten töten. Damit sind Sie einverstanden?

Antwort: Auf das heutige Geschäft von Auterion kann ich nicht eingehen, ich bin seit 2021 nicht mehr aktiv dabei. Aber es ist eine ernste Frage. Alle in der Industrie sehen, was in der Ukraine passiert. Nochmals: Der Einsatz von Technologie kann Menschenleben kosten. Aber es sind auch Menschen, die sie einsetzen. Darum braucht es klare Regeln.

Frage: Sie helfen noch immer mit, extrem potente Technik zu entwickeln. Was, wenn solche Technologie in die falschen Hände gerät?

Antwort: Ja, das ist ein reales Risiko. Aber dafür gibt es klare Kriterien und Bewilligungen.

Frage: Aber was wäre denn für Sie die Hürde? An welche Länder soll die Schweiz solche Technologien weitergeben?

Antwort: Das regeln unsere Gesetze. Für mich darf solche Technologie nur an Länder gehen, die unsere Werte teilen. Für mich persönlich müssen es Länder sein, welche Pressefreiheit haben. Länder, die demokratisch sind und die Menschenrechte achten.

Frage: In der Ukraine setzen beide Kriegsparteien Drohnensysteme ein, die autonom, gesteuert von künstlicher Intelligenz, ihre Ziele auswählen. Das gibt Ihnen nicht zu denken?

Antwort: Der Fortschritt ist gewaltig. Armeen dürften in Zukunft noch stärker auf den Einsatz von KI setzen. Aber auch bei autonomen Systemen entscheiden Menschen, ob sie eingesetzt werden oder nicht, ob die Drohnen losgeschickt werden oder nicht.

Frage: Sie schlafen also gut?

Antwort: Sagen wir es so: Die Frage, die mich in der Nacht wach hält, auch als Vater, ist eine andere. Ich glaube, dass wir in der Schweiz nicht bereit sind, kurz- und mittelfristig unsere Sicherheit zu gewährleisten, dass wir zu stark abhängig vom Ausland sind.

Frage: Umso schmerzhafter ist es da, wenn Firmen wie Auterion das Land verlassen. War dieser Schritt alternativlos?

Antwort: Für Auterion kann ich nicht sprechen. Bei solchen Entscheiden kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Die Nähe zu den wichtigsten Kunden ist ein Element, der Zugang zum Kapital ist ebenfalls wichtig. Aber ja, auch die gesetzliche Regulierung spielt eine Rolle. Mein Engagement bei den Firmen, die ich berate, zielt heute darauf, Wegzüge zu verhindern, damit das Wissen und die Wertschöpfung hier bleiben. Denn der Abgang an Talenten und Firmen in den letzten Jahren war substanziell. Die Schäden, die durch diese Abwanderung bei unserer Wirtschaft und unserer Sicherheit entstehen, sind bedeutend.

Frage: Man kann die Firmen nicht zwingen, im Land zu bleiben.

Antwort: Nein, aber das Umfeld können wir beeinflussen. Dazu gehört auch die Revision des Kriegsmaterialgesetzes. Sie ist ein wichtiger Schritt, reicht allein aber nicht. Wir sind im Begriff, uns von unseren europäischen Partnern, die mit uns zusammenarbeiten wollen, abzuschneiden. Es droht eine Abschottung, die in beide Richtungen wirkt: Wer nichts anbietet, der bekommt auch nicht alles, was er selber braucht, gerade im Sicherheitsbereich.

Frage: Aber was passiert konkret, wenn die Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes im November an der Urne scheitert?

Antwort: Eine Ablehnung wäre ein schwerer Rückschlag. Viele sind sich nicht bewusst, wie viel Vertrauen die Schweiz verloren hat, als sie 2022 die Weitergabe von Gepard-Munition an die Ukraine untersagt hat. Ein Nein zu einer Lockerung der Exportregeln würde all die Vorurteile gegen unser Land nochmals verstärken.

Der Tech-Unternehmer Sartori: «Wenn ich richtig viel Geld verdienen wollte, müsste ich bei einem amerikanischen Grosskonzern anheuern.»

Der Tech-Unternehmer Sartori: «Wenn ich richtig viel Geld verdienen wollte, müsste ich bei einem amerikanischen Grosskonzern anheuern.»

Karin Hofer / NZZ

Frage: Die Techfirmen, die Sie beraten, sind kaum alle im Rüstungsbereich tätig. Wären sie wirklich direkt betroffen?

Antwort: Nicht im streng rechtlichen Sinn. Aber solche Signale wirken sich breit aus. Auch auf Betriebe, die kein Kriegsmaterial produzieren, sondern Technologie, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden kann, sogenannte Dual-Use-Güter. Empfangsgeräte für GPS-Signale sind ein mögliches Beispiel. Super Technologie, die man auch problemlos exportieren darf. Aber es ist eine Frage der Wahrnehmung. Wenn da auch nur der kleinste Zweifel besteht, dass ein Produzent aus der Schweiz einmal nicht liefern könnte, ist man raus. Das habe ich oft erlebt.

Frage: Und dann droht der Abgang weiterer Firmen?

Antwort: Der Zugang zum europäischen Markt ist schon heute extrem schwierig. «China-free and Swiss-free» ist eine Haltung, die leider sehr verbreitet ist bei Herstellern von komplexen Systemen. Setzen wir da nicht an, stellt sich für viele Betriebe die Frage eines Wegzugs mit neuer Dringlichkeit. Doch der Schaden bemisst sich nicht allein daran, wie viele Firmen die Schweiz hinter sich lassen.

Frage: Welche weniger sichtbaren Folgen meinen Sie?

Antwort: Nehmen Sie die Drohnen. Die Schweiz ist hier seit Jahren technologisch führend. Und doch hat uns die deutsche Drohnenbranche links und rechts überholt.

Frage: Obwohl die Schweizer Apparate besser sind?

Antwort: Es setzt sich eben nicht immer die bessere Technologie durch. Gerade bei Startups ist es entscheidend, wie schnell eine Firma an Kapital und Aufträge kommt. Dann kann sie das technologisch bessere Schweizer Startup kaufen.

Kevin Sartori

Der Tessiner studierte Maschinenbau und Robotik an der ETH Zürich und hat ein MBA-Studium an der University of California in Berkeley absolviert. Nach Jahren im Silicon Valley gründete Sartori in der Schweiz die Firma Auterion mit, die Software für Drohnen entwickelt und heute als weltweit führend gilt. Er verliess das Unternehmen 2021. Drei Jahre später verlegte Auterion seinen Hauptsitz in die USA, nicht zuletzt aufgrund der strengen Exportregeln der Schweiz. Heute berät Sartori Schweizer Techfirmen, die unter anderem in den Bereichen KI, Robotik und in der Quantentechnologie tätig sind.

Frage: Sie haben von der Enttäuschung gesprochen, welche die Schweiz verursacht hat, als sie die Weitergabe von Kriegsmaterial an die Ukraine verbot. Aber das vorliegende Kriegsmaterialgesetz ändert daran gar nichts. Und doch werben Sie entschlossen für ein Ja Ende November?

Antwort: Diese Frustration kann ich verstehen. Das Neutralitätsrecht lässt das nicht zu, und daran ändert die Vorlage nichts. Aber ich bin Ingenieur. Wenn eine Lösung eine Verbesserung ermöglicht, dann wähle ich diese Lösung, auch wenn sie nicht alle Probleme löst.

Frage: Ist Ihre Abstimmungsempfehlung nicht auch dadurch motiviert, dass Sie Geld verdienen, wenn diese Firmen mehr exportieren?

Antwort: Ich bin ein Coach für diese Firmen und bekomme nicht mehr Aufträge, wenn sie mehr exportieren. Wenn ich richtig viel Geld verdienen wollte, müsste ich bei einem amerikanischen Grosskonzern anheuern. Ich bin aus dem Silicon Valley zurückgekommen, um zu zeigen, dass man von der Schweiz aus weltweit erfolgreiche Technologiefirmen aufbauen kann. Darum geht es mir bis heute.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Marti, Georg Humbel

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