Ausstellung in Winterthur Kleine Dramen am Strassenrand: Helen Levitts Blick auf New York
Die Fotografin Helen Levitt fand auf New Yorks Strassen Geschichten, wo andere achtlos vorbeigingen.
26.10.2026, 09:26
Teilen
Ein wenig schummrig ist es im Fotomuseum Winterthur. Mit Rücksicht auf die empfindlichen Originalabzüge dürfen die Scheinwerfer nicht wirklich knallen. Man beugt sich also bei 70 Lux konzentriert über Fotos an der Wand und entdeckt: Heroisches, Erbärmliches, Lustiges und tief Trauriges. Das ganz grosse Drama eben.
Es war die Zeit, in der niemand eine Klimaanlage oder einen Fernseher besass. Das Leben spielte sich auf den Strassen ab. Sie sind vollgestopft und dreckig. Den Kindern ist das egal. Sie spielen Verstecken, Räuber und Gendarm, Königin und Ballerina. Helen Levitt fotografierte sie dabei.
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 2. Strassenszenen aus einer vergangenen Zeit. Kinder spielen im öffentlichen Raum, unüberwacht. Bildquelle: Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln.
-
Bild 2 von 2. Verwegene Abenteuer setzen sich für Helen Levitt in Szene. Die «Kleinen» dürfen auch mit, solange sie nicht stören. Bildquelle: Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln.
Ende der Bildergalerie
Zurück zum Anfang der Bildergalerie.
Für Helen Levitt sei New York ein Theater gewesen, sagt der US-amerikanische Fotohistoriker Joshua Chuang, der die Ausstellung mit Alessandra Nappo vom Fotomuseum Winterthur kuratiert hat. «Es gibt auf ihren Bildern Schauspieler, Närrinnen und Kämpfer. Sie hielt das wunderbare Leben fest, das täglich zu sehen ist, wenn man es nur beachtet.»
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 2. In den 1980er-Jahren entstehen viele Fotos in der Subway New Yorks. Bildquelle: Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln.
-
Bild 2 von 2. Dort fand Helen Levitt die Dynamik wieder, die sie 40 Jahre zuvor auf den Strassen beobachtete. Bildquelle: Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln.
Ende der Bildergalerie
Zurück zum Anfang der Bildergalerie.
Ob sie in den 1930er-Jahren Kinder fotografiert oder um 1980 Erwachsene in der U-Bahn, Levitt interessierte sich für die Physik des Urmenschlichen: Körper stossen auf andere Körper. Und dann passiert etwas.
Über 50 Jahre hielt die Fotografin das Leben in New York fest. Nach einer Begegnung mit Henri Cartier-Bresson beginnt sie, wie er, mit einer kleinen Leica zu fotografieren. Ihre Bilder werden früh wahrgenommen, bereits 1943 hat sie eine erste Einzelausstellung im MoMA.
In den späten 1940er-Jahren beginnt Helen Levitt, dokumentarische Filme zu drehen. Auch hier geht es um das Leben auf den Strassen. Die technologische Erneuerung des Farbfilms eröffnet ihr eine neue Welt: Sie beginnt 1959, in Farbe zu fotografieren. Und hält neben Begegnungen nun auch ganz alltägliche Farbereignisse auf den Strassen fest.
Die Retrospektive im Fotomuseum Winterthur entstand aus der Erforschung ihres Archivs und kann zum ersten Mal eine schlüssige Chronologie ihrer Arbeit präsentieren.
Das Erstaunliche ist: Helen Levitt konnte das alltägliche Drama beobachten, ohne selbst gross bemerkt zu werden. Und wenn sie doch bemerkt wurde, scheint es die Menschen nicht gross gestört zu haben. Nur ganz selten schaut jemand kritisch in die Kamera.
Das liegt wohl daran, dass Helen Levitt zu einer Zeit fotografierte, in der das Verhältnis zur Kamera unverkrampfter war als heute. «Viele dieser Bilder wären heute nicht mehr möglich», sagt Fotohistoriker Joshua Chuang. Zu bewusst ist den Menschen, wie sehr Bilder schaden können. Und dass sie ein Recht am eigenen Bild haben.
Die Fotos von Helen Levitt stammen ganz offensichtlich aus der Vergangenheit. Doch was die Fotografin darauf zeigt, ist gegenwärtig. Oder vielleicht besser: zeitlos.
«Helen Levitt – Die Strasse als Bühne» ist noch bis am 31. Januar 2027 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 23.10.2026, 17:10 Uhr
Source: SRF · Ellinor Landmann
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira