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Für viele Menschen im deutschsprachigen Raum ist es ein Paukenschlag: Die feministische Zeitschrift «Emma» wird nach 50 Jahren eingestellt. Martina Thiele, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, hat die Zeitschrift «Emma» während Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht. Im Gespräch über «Emma» und Verlegerin Alice Schwarzer beleuchtet sie das Ende der Publikation.

Martina Thiele

Professorin für Medienwissenschaft

Martina Thiele ist eine deutsche Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie ist Professorin für Medienwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Foto: Sabina Paries/photocouture

SRF: Frau Thiele, was dachten Sie als Erstes, als Sie hörten, dass die «Emma» eingestellt wird?

Martina Thiele: Mit der Einstellung von «Emma» verlieren wir ein weiteres Stück publizistische Vielfalt. Und als Feministin muss ich sagen: Wir brauchen auch diese Stimme. Sie hat viel erreicht. Andererseits: Ich kann es verstehen. Und: Alles hat seine Zeit.

Sie sagen, «Emma» braucht es auf jeden Fall noch. Was genau braucht es?

Es braucht feministische Stimmen und «Emma» könnte eine davon sein. Ich sehe aber, dass wir inzwischen mehr Vielfalt in der feministischen Debatte haben, die sich auch in verschiedenen Publikationen und verschiedenen Kanälen widerspiegeln sollte. Es passiert natürlich auch sehr viel über Social Media – und das klassische Printprodukt, nicht nur die «Emma», hat es in den letzten Jahren schwer, sich zu finanzieren. Ich kann es verstehen und finde es gleichzeitig bedauerlich, dass eine Stimme weniger dann auf dem Markt der Öffentlichkeit zu finden ist.

Legende: Alice Schwarzer zum 30. Geburtstag der «Emma» im Jahr 2006. Die Zeitschrift hatte ihre wirtschaftliche und auflagenstärkste Hochphase in den späten 1970er- und 1980er-Jahren. REUTERS/Tobias Schwarz

1977, als die erste «Emma» herauskam, war die Welt noch eine ganz andere. Was hat die Zeitschrift in den Jahrzehnten ihres Bestehens erreicht?

Die «Emma» war wirklich wichtig. Gerade zu dieser Zeit, weil sie das Organ des Feminismus war. Sie war Kristallisationspunkt und hat weitgehend auch den feministischen Kampf gegen patriarchale Strukturen, gegen Pornografie organisiert. Und sie hatte entsprechend viele Leserinnen und auch einige Leser.

In den 70er- und 80er-Jahren war ‹Emma› das entscheidende Organ.

Diese Glanzzeit, diese Hochzeit, ist inzwischen überschritten. Aber in der Zeit in den 70er- und 80er-Jahren, als die feministische Bewegung, die zweite Frauenbewegung, sehr viele Menschen hinter sich vereinen konnte, war sie das entscheidende Organ.

Inwiefern unterscheidet sich der Feminismus der 70er-Jahre vom heutigen Feminismus?

Wir sprechen zum Beispiel heute von queer-feministischen Gender Studies. Man merkt schon: Das, was früher Frauenbewegung war und wo man auch ohne Zweifel wusste, was eine Frau ist – das ist heute in der Diskussion und in der Dekonstruktion. Alice Schwarzer steht für die klassische Frauenbewegung, in gewisser Weise auch für Heteronormativität, für Zweigeschlechtlichkeit, für den Kampf gegen das Patriarchat.

Alice Schwarzer ist diese traditionelle, zweigeschlechtlich denkende Feministin.

Sie hat sich sehr deutlich abgegrenzt von den jüngeren feministischen, queer-feministischen Bewegungen und auch von Debatten über Transsexualität. Man hat ihr Transphobie vorgeworfen – das hat sie natürlich immer vehement abgewiesen. Aber sie ist diese traditionelle, zweigeschlechtlich denkende Feministin.

Alice Schwarzer ist 83, sie war die prägende Person dieses Blattes. Sie sagte, sie möge nicht mehr und eine neue Chefredakteurin habe sich nicht finden lassen. Können Sie sich vorstellen, warum?

«Emma» und Alice Schwarzer muss man in einem Atemzug nennen. Sie ist «Emma». Es hat 2008 einen Versuch gegeben, mit Lisa Ortgies eine neue Chefredakteurin zu etablieren. Das ging nicht lange gut. Überhaupt sehr viele Mitarbeiterinnen haben dann das Handtuch geworfen. Aus meiner Sicht ist es konsequent zu sagen: «Wir beenden das jetzt.» Oder: «Ich beende es.»

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Radio SRF 2 Kultur, Rendez-vous, 21.10.2026, 12:30 Uhr. ;  prii/gert

Source: SRF · 21.10.2026, 16:42

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