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Eine Geschichte über eine klaffende Wunde, unzureichende Ermittlungen – und über Menschen, die nie aufgegeben haben, nach dem verschwundenen Meisterwerk zu suchen.
29.10.2026, 11.45 Uhr
27 Leseminuten
Es regnet in jener Nacht in Palermo. Wie stark, darüber gehen die Meinungen auseinander. Und auch darüber, ob es sich um die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1969 handelte oder um eine Nacht in den Tagen davor. Der Anfang dieser Geschichte ist unklar – wie so vieles in diesem Fall. Wir haben über ein Jahr lang Gerichtsakten studiert, Berichte von Ermittlern und parlamentarischen Kommissionen und Aussagen von Kronzeugen. Wir haben mit Betroffenen vor Ort gesprochen, mit Polizisten, Staatsanwältinnen, Kunstexperten und mit Personen im Umfeld potenzieller Käufer. Trotzdem bleibt auch diese Nacherzählung der Ereignisse Stückwerk.
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Fest steht, dass vor 57 Jahren mitten im historischen Zentrum der sizilianischen Hauptstadt einer der spektakulärsten Diebstähle der Kunstgeschichte stattfindet.
Die Strassen sind leer, als die jungen Männer im Dunkeln aus ihrem Kleinlaster steigen. Sie brauchen nicht lange, um ins Oratorio di San Lorenzo einzudringen. Das Eingangstor der kleinen Kirche in der Via Immacolatella ist zwar von innen verriegelt, aber die zwei grossen Fenster zur Strasse hin schliessen nicht mehr richtig, seit sie bei den Bombenangriffen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden sind. Auch eine Alarmanlage gibt es keine. Das wissen die Einbrecher, sie haben die Umgebung in den Tagen davor ausspioniert.
Mit einem langen Messer brechen sie eines der Fenster auf und klettern in das Gebetshaus. Es ist ein architektonisches Kleinod voller barocker Stuckaturen und Statuen, doch die jungen Männer interessiert in dieser Nacht nur eines: das Gemälde, das über dem Altar hängt. Es ist 2,7 auf 2 Meter gross, ein gewaltiges Werk.
Es zeigt die Geburt Christi, auf Italienisch die «Natività», in Anwesenheit der Heiligen Laurentius und Franziskus. Michelangelo Merisi, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Caravaggio, hat es um 1600 gemalt.
Die mutmasslich sechs Einbrecher, die Angaben darüber gehen ebenfalls auseinander, stossen die Kerzenleuchter und andere Kultgegenstände um, die ihnen im Weg sind. Nur das Kruzifix, das vor dem Gemälde steht, legen sie sorgfältig auf Kirchenstühle.
Zwei der Männer klettern mithilfe einer Leiter auf den Altar und schneiden die Leinwand aus dem Rahmen. Dann wickeln sie diese zum Schutz in einen Teppich, den sie in der Sakristei finden, und klettern mit ihrer Beute durchs Fenster zurück auf die Strasse. Sie laden das gerollte Kunstwerk in ihren Kleinlastwagen, einen Fiat 642, und verschwinden mit ihm in der Dunkelheit.
Seit dieser Nacht ist das Bild verschwunden – und sein Schicksal bewegt die Gemüter in Italien bis zum heutigen Tag: Grosse Schriftsteller wie Leonardo Sciascia und Andrea Camilleri haben über den Fall geschrieben, Filmemacher haben ihn verewigt und Kunsthistoriker und Politiker über ihn debattiert.
Seit 2005 steht die «Natività» auf der FBI-Liste der zehn meistgesuchten Kunstwerke der Welt.
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Das «Giornale di Sicilia» berichtete auf der Frontseite über den Raub des Gemäldes, dessen Wert auf eine Milliarde Lire geschätzt wurde. Danach hing jahrzehntelang der leere Rahmen über dem Altar.
Die Carabinieri und die Staatsanwaltschaft in Palermo verfolgen jahrzehntelang immer neue Spuren. Dabei erhärtet sich der Verdacht, dass das Bild über die Schweiz aus dem Land geschmuggelt wurde.
Doch wo ist die «Natività» heute? Befindet sie sich noch immer in der Schweiz – in einem Zollfreilager oder im Caveau (Tresorraum) einer Bank? Wurde sie weiterverkauft an einen skrupellosen amerikanischen, russischen oder chinesischen Sammler? Oder wurde sie gar zerstört?
Wir haben vier Menschen getroffen, die einen grossen Teil ihres Lebens damit verbracht haben, nach dem geraubten Caravaggio zu suchen oder seine Geschichte zu erforschen. Sie alle haben ihre eigene Theorie darüber, was mit dem Meisterwerk passiert ist.
Libero La Torre wurde 1969 als junger Carabiniere nach Palermo geschickt, um zu ermitteln. In mehreren Undercover-Aktionen versuchte er vergeblich, das Bild zurückzuholen. Mittlerweile ist der Römer 84 Jahre alt und in Pension, doch der Fall lässt ihn nicht los.
Auch der Tessiner Polizist Bruno Ongaro suchte nach der «Natività». Der 76-Jährige ist überzeugt, dass sich das Bild noch immer in der Schweiz befindet. Bis in die 1990er Jahre hinein wurden im grossen Stil Kunstwerke und archäologische Ausgrabungsstücke aus Italien in die Schweiz geschmuggelt.
Der Kunsthistoriker Michele Cuppone ist erst nach dem Verschwinden des Bildes geboren. Er hat es nie mit eigenen Augen gesehen – und doch jahrelang erforscht. Dem 48 Jahre alten Caravaggio-Experten ist es in detektivischer Kleinarbeit gelungen, die Entstehung der «Natività» zu datieren.
Die 61-jährige Staatsanwältin Marzia Sabella aus Palermo befragte in ihrer langen Karriere unzählige inhaftierte und reumütige Mafiosi – auch jenen, dessen Aussage 2018 eine Wende in den Ermittlungen zum Raub der «Natività» bringt.
Erste Spuren
In jener Nacht im Oktober 1969 will keiner der Anwohner etwas von dem Kunstraub gehört oder gesehen haben; zumindest geben sie das so gegenüber der Polizei zu Protokoll.
Erst am Sonntagmorgen merkt die Hauswartin Maria Gelfo, dass der Caravaggio verschwunden ist. Sie lebt zusammen mit ihrer Tochter und ihrer ledigen Schwester in einer kleinen Wohnung direkt neben dem Oratorium. Im Stockwerk darüber wohnt der Pfarrer, Don Rocco Benedetto. Einen Moment lang steht die Hauswartin wie gelähmt vor dem leeren Rahmen über dem Altar, dann alarmiert sie Don Rocco.
Dieser hatte das Unheil vorhergesehen. Wenige Monate zuvor strahlte der staatliche Fernsehsender Rai einen Bericht über die Schätze in der kleinen Kirche aus. Der Pfarrer versuchte, die Aufnahmen zu verhindern, aus Angst, sie könnten das Interesse von Kriminellen wecken. Der für die Kunstdenkmäler in der Stadt zuständige Beamte gab jedoch grünes Licht. Bis dahin wusste kaum jemand von der «Natività». Maria Gelfo sperrte das Oratorium nur gelegentlich für Kunstliebhaber auf. Caravaggio war damals noch kein Superstar.
Doch nun ist die «Natività» verschwunden.
Don Rocco erstattet Anzeige, Polizisten suchen nach Spuren im Oratorium. Sie stellen fest, dass die Diebe keine anderen wertvollen Gegenstände mitgenommen haben. Sie scheinen einen klaren Auftrag gehabt zu haben. Auffällig ist auch, mit welcher Präzision sie gearbeitet haben. Von der «Natività» ist nicht der kleinste Fetzen Leinwand übrig.
Das riesige Gemälde hing hoch über dem Altar. Es war kein leichtes Unterfangen, es so sauber aus dem Rahmen zu schneiden. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass professionelle Kunstdiebe am Werk waren.
Am folgenden Tag berichten die Lokalzeitungen über den spektakulären Raub. Das «Giornale di Sicilia» titelt: «Caravaggio im Wert von einer Milliarde in Palermo gestohlen». Eine Milliarde Lire entspricht inflationsbereinigt heute sieben bis zehn Millionen Euro. Verdächtigt wird die Mafia.
In den 1960er Jahren macht sich die Cosa Nostra in der sizilianischen Hauptstadt breit. Die intensive Bautätigkeit und der wachsende internationale Heroinhandel sind lukrative Geschäftsfelder für die Mafia. Sie monopolisiert das Bau- und Transportwesen. Gewinne aus dem Geschäft mit Drogen investiert sie direkt in städtische Immobilienprojekte. Viele kunsthistorisch wertvolle Palazzi lässt sie abreissen, an ihrer Stelle werden billige Betonbauten hochgezogen.
Ende der 1960er Jahre machte sich die Mafia im Immobiliensektor breit. Überall in Palermo wurden historische Palazzi abgerissen und billige neue Betonbauten hochgezogen.
Enzo Brai / Mondadori / Getty
Männer warten in einer Strasse in Palermo, um als Arbeitskräfte angeheuert zu werden.
Rudolf Dietrich / Ullstein / Getty
Clans kontrollieren die Quartiere. Für den kulturellen Reichtum der Stadt haben sie wenig Verständnis. Interessant ist für sie nur, was sich in Geld verwandeln lässt. Aus den ungesicherten Kirchen und öffentlichen Bauten werden in jenen Jahren viele bedeutende Kunstwerke gestohlen.
Kunstdiebstähle, aber auch illegale Ausgrabungen werden in vielen Regionen Italiens in diesen Jahren zum Problem. Im Mai 1969 wird deshalb eine Carabinieri-Spezialeinheit zum Schutz des kulturellen Erbes gegründet. Sie soll den rasant wachsenden illegalen Export von archäologischen Fundstücken und Kunstwerken bekämpfen. Heute ist das Comando Carabinieri per la Tutela del Patrimonio Culturale (CTPC) eine der erfolgreichsten Institutionen im Aufspüren von Raubkunst weltweit. Es zählt über 350 Ermittler. 1969 sind es siebzehn. Die «Natività» wird zu ihrem ersten grossen Fall.
Ein Lager des Comando Carabinieri per la Tutela del Patrimonio Culturale in Rom, in dem wiedergefundene Kunstwerke aufbewahrt werden. Bild aus dem Jahr 2013.
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Libero La Torre ist Mitte zwanzig und arbeitet für die neu gegründete Einheit. Kurz nach dem Raub des Caravaggio reist der junge Carabiniere mit seinem Vorgesetzten nach Palermo, um den Fall zu untersuchen. Sein Chef erstellt dort am 30. Oktober ein Protokoll. Es ist das erste offizielle Dokument über den Kunstraub, das erhalten ist, der frühere Polizeirapport ist verschwunden.
Als wir La Torre über ein halbes Jahrhundert später in Rom treffen, ist er längst in Pension, ein eleganter alter Herr im Anzug mit Einstecktuch. Er redet über den Fall, als wäre es gestern gewesen, er scheint sich an kleinste Details zu erinnern. Kein Fall lag ihm so am Herzen wie der Caravaggio – kein Fall war so frustrierend.
Der Carabiniere Libero La Torre
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Für La Torres Chef, einen erfahrenen Maresciallo, ist sofort klar: Es handelt sich um einen Auftragsdiebstahl. Die Spur führt die Ermittler Richtung Norden. Der Maresciallo schreibt in dem Bericht: Die «Natività» sei kein Einzelfall, sie müsse als «Teil eines ausgeklügelten Systems mit ausländischen Käufern, kontinentaleuropäischen Vermittlern und sizilianischen Vollstreckern» gesehen werden.
Das Wort Mafia taucht in dem Protokoll nicht auf. Der Maresciallo beschreibt darin aber ganz eindeutig die Strukturen der organisierten Kriminalität in Sizilien, die es mächtigen Hintermännern ermöglichen, zu rauben und zu morden, ohne dass die Ermittler an sie herankommen.
Heute wissen wir, dass der erste Instinkt von La Torres Chef richtig war. Der Käufer dürfte ein Ausländer gewesen sein, und die Mafia war involviert.
Die Diebe sind junge Kriminelle, die in diesen Jahren alles Mögliche rauben. Mehrere von ihnen werden sich später Clans anschliessen. Ob sie in jener regnerischen Nacht im Oktober 1969 auf eigene Faust handeln oder im Auftrag eines Hintermannes, ist umstritten.
Die Carabinieri del Comando Tutela Patrimonio Culturale eröffnen eine Akte, die sogenannte «Pratica 799». Sie vernehmen Leute aus dem Viertel, hören sich bei Informanten in Palermo um. Sie werden mit unzähligen Theorien konfrontiert, einige davon klingen glaubwürdig, andere weniger, wieder andere scheinen ganz der Phantasie entsprungen. Einige Gerüchte werden wohl ganz bewusst gestreut, um die Polizisten abzulenken. Die Ermittler gehen in den folgenden Jahren diversen Spuren nach – ohne Erfolg.
Der Pfarrer, Don Rocco, bekommt in den Monaten nach dem Diebstahl mehrere Anrufe. Unbekannte bieten ihm an, er könne die «Natività» für zwölf Millionen Lire zurückkaufen. Der Geistliche will verhandeln, vonseiten der Kulturbehörden kommt aber der Befehl: Keine Verhandlungen mit der Cosa Nostra! Damit würde man falsche Anreize schaffen.
Schon früh führen erste Spuren in die Schweiz. Die Ermittler gehen Hinweisen auf einen Kunsthändler aus der Gegend von Lugano nach, der sich für das Werk interessiert haben und für einen Augenschein nach Sizilien gereist sein soll. Die Carabinieri nehmen Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza ins Visier, einen der aktivsten und kaufkräftigsten Kunstsammler jener Jahre im Tessin.
Der Schweizer Industrielle baut damals seine mittlerweile weltberühmte Kollektion in der Villa Favorita in Lugano-Castagnola aus. Wiederholt erwirbt er dabei über Zwischenhändler Meisterwerke alter italienischer Maler – was die Ermittler in ihrer Vermutung bestätigt, auf einer heissen Spur zu sein. Doch mangels konkreter Beweise wird diese schliesslich aufgegeben.
Die Villa Favorita in Lugano-Castagnola 1965. Ihr Besitzer, Heinrich von Thyssen, erbte von seinem Vater ein Industrieimperium und eine wertvolle Kunstsammlung, die er stark ausbaute.
Hulton Archive / Getty
Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza und seine fünfte Ehefrau Carmen Cervera vor der Villa Favorita 1987. Der Kunstsammler wurde verdächtigt, den Caravaggio gekauft zu haben, konkrete Beweise dafür fand die Polizei aber nicht, und die Spur wurde deshalb aufgegeben.
Karl Mathis / Keystone
Auch Libero La Torre trifft in den ersten Monaten auf einen Mittelsmann, der ihm sagt, es gebe eine Möglichkeit, den Caravaggio zu kaufen. Dieser will ihm eine Person vorstellen, die weiss, wo das Gemälde ist: einen einflussreichen Mann aus dem Umfeld der Mafia, einen ihrer Kassiere. Der Mittelsmann ermahnt den jungen Carabiniere: «Du darfst den Namen niemals aussprechen. Er wird dich und deine Liebsten sonst umbringen.»
La Torre lässt sich nicht einschüchtern. Er ist überzeugt, dass dies die Chance ist, den Caravaggio zurückzubekommen. Wenn das Bild erst einmal im Caveau einer Schweizer Bank verschwunden ist, werden die Carabinieri es nicht mehr so leicht finden. Die Schweiz ist in diesen Jahren eine berüchtigte Drehscheibe für geraubte Kunst.
La Torre findet einen befreundeten Unternehmer, der bereit ist, ihm Geld für den Rückkauf des Bildes zur Verfügung zu stellen. Sein Chef stellt sich jedoch dagegen, er will keine Deals mit der Mafia machen. Der Kontakt bricht ab.
Immer wieder ermittelt Libero La Torre Anfang der 1970er Jahre undercover, um das verschwundene Bild zu finden. Er gibt sich als Kunsthändler aus, verkehrt im Kasino von Campione d’Italia und auf Jachten vor Monaco. Noch einmal wird ihm der Caravaggio «zum Kauf» angeboten. Er fährt nach Como, mit einem Koffer mit 50 Millionen Lire im Auto. Der Plan ist folgender: Zwei Kollegen sollen mit dem Geld im Hotel warten, La Torre soll das Bild begutachten und den beiden dann das Signal für die Geldübergabe geben. Diesmal wollen sie das Bild nicht wirklich kaufen. Sie wollen den Kriminellen eine Falle stellen und sie bei der Übergabe verhaften. La Torres Vorgesetzter ist nun ein anderer, auch er hat aber Bedenken. Die Aktion ist ihm zu riskant. Er will das Leben seiner Männer nicht für ein Bild riskieren.
«Ich war sehr enttäuscht», sagt La Torre. «Ich war mir sicher, dass wir es schaffen würden.»
Die Öffentlichkeit verliert bald das Interesse an dem Fall. Das ist auch damit zu erklären, dass Caravaggio in den 1970er Jahren bei weitem nicht so bekannt ist wie heute.
Caravaggio – ein Genie und ein Krimineller
Michelangelo Merisi wurde 1571 in Mailand als Sohn eines Maurermeisters geboren. Er nannte sich später Caravaggio nach dem Geburtsort seiner Eltern in der Lombardei, wo er sich gerne aufhielt. Mit dreizehn begann er eine Lehre bei einem Maler in Mailand, mit zwanzig zog er nach Rom. Dort erkannte der einflussreiche Kardinal Francesco Maria Del Monte sein Talent und nahm ihn in seinen Haushalt im Palazzo Madama auf. Die ersten Auftraggeber von Caravaggio waren Adelige und andere reiche private Sammler, später kamen Ordensgemeinschaften und Kirchen hinzu.
Porträt von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, aus dem 17. Jahrhundert.
Heritage Images / Hulton / Getty
Michele Cuppone begann sich während des Studiums in Rom für den Frühbarock-Maler zu interessieren und ist heute ein bekannter Caravaggio-Experte. Der 48-jährige Kunsthistoriker hat ein Buch über die Entstehungsgeschichte der «Natività» und deren spektakulären Raub geschrieben. Wir treffen ihn mehrmals in Rom, für ihn gibt es nichts Schöneres und Interessanteres als die Werke von Caravaggio. Sein Traum wäre, in seinem Leben alle einmal zu sehen. Doch leider hängen manche in Museen am anderen Ende der Welt, und viele sind verschwunden. Wie die «Natività», die Cuppone für eines der schönsten Bilder von Caravaggio hält.
Der Kunsthistoriker Michele Cuppone
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Michele Cuppone hat unter anderem Dokumente eines Notars gefunden, die belegen, dass Caravaggio die «Natività» nicht wie lange vermutet in Sizilien malte, sondern in seiner frühen Römer Zeit – und zwar im Jahr 1600. Es war das erste Altarbild von Caravaggio. Der Künstler bekam dafür 200 Scudi von der Laienbruderschaft, die es in Auftrag gab. Das entsprach damals knapp einem Jahreseinkommen eines Universitätsprofessors.
Caravaggio verdiente mit seiner Kunst also gutes Geld, trotzdem war er immer wieder verschuldet. Er gab viel aus für Kleider, Alkohol, Prostituierte. Er hatte eine schwierige Persönlichkeit, war stolz, geriet schnell in Rage, wurde mehrmals wegen bewaffneter Auseinandersetzungen verhaftet.
«Er war gleichzeitig ein Genie und ein Krimineller», sagt Cuppone.
1606 verletzte Caravaggio einen Rivalen mit einem Schwerthieb tödlich. Er wurde wegen Mordes verurteilt und aus Rom verbannt. Erst flüchtete er nach Neapel, das damals unter spanischer Herrschaft stand. Von dort zog er nach Malta und dann nach Sizilien. Als ihn der Kirchenstaat 1610 begnadigte, machte er sich mit seinen jüngsten Werken per Schiff auf den Weg zurück nach Rom. Unterwegs wurde er schwer krank und starb im Alter von 38 Jahren.
Als Künstler war Michelangelo Merisi ein Revolutionär. Er malte Licht auf eine ganz neue Art. Seine Figuren scheinen von einem göttlichen Strahl beleuchtet, alles um sie herum verschwindet in der Dunkelheit. Sein Stil wurde von vielen Künstlern imitiert. Nach ein paar Jahrzehnten ging er aber vergessen und zählte jahrhundertelang nicht mehr zu den grossen Meistern.
Eines der bekanntesten Gemälde von Caravaggio: Judith und Holofernes. Der Künstler malte es 1599, in seiner Römer Phase. Die «Natività» entstand im Jahr danach.
De Agostini / Getty
Laut Michele Cuppone sind rund siebzig Werke von Caravaggio erhalten oder zumindest auf Fotografien verewigt. Am bekanntesten waren schon immer jene Werke, die in Kirchen und Palästen in Rom hingen. Das Altarbild in Palermo sahen selbst viele Caravaggio-Liebhaber nie im Original. Sie kennen es höchstens von Zeichnungen oder einigen wenigen verblichenen Fotografien. Auch deshalb sorgte der Raub der «Natività» 1969 wohl für keine grosse Aufmerksamkeit.
Libero La Torre und seine Carabinieri-Einheit folgen jahrelang immer neuen Spuren. Sie stossen dabei auf zahlreiche andere Kunstwerke, nehmen Schmuggler fest und Händler, die gestohlene Waren weiterverkaufen. Die Suche nach der «Natività» endet aber immer wieder im Nichts. Und irgendwann konzentrieren sich die Ermittler auf andere Fälle, auf neuere Fälle, die bessere Chancen haben, gelöst zu werden.
Libero La Torre wird die «Natività» aber nie loslassen. Er wird sein Leben lang nach ihr suchen. Manchmal auch auf eigene Kosten während der Ferien. Er begleitet einen Mafia-Anwalt undercover nach New York, Venezuela und Brasilien, um dort Bosse zu treffen, die Palermo 1969 kontrollierten und später aus Sizilien flüchteten. Keiner von ihnen kann La Torre sagen, wo das Bild ist. Alle Spuren verlieren sich stets im Grenzgebiet zur Schweiz. «Die Bühnen, auf denen dieses Theater spielte, waren Campione d’Italia, Como, Lugano, Locarno», sagt La Torre.
Die Schweiz als Umschlagplatz
Für die Carabinieri beginnt das Problem an der Schweizer Grenze: An Verdächtige dort kommen sie kaum heran – nicht einmal mit der Unterstützung von Schweizer Kollegen wie Bruno Ongaro. Der mittlerweile pensionierte Tessiner Polizist jagte zwischen 1980 und 2013 Kunsträuber im Grenzkanton und arbeitete dabei eng mit den Carabinieri zusammen. Bis heute ist er mit einigen von ihnen in Kontakt, bis heute verfolgt er Fälle, an denen er gearbeitet hatte.
Der Caravaggio war auch für ihn etwas Besonderes. Kein Fall hat ihm so viele schlaflose Nächte beschert, kein Fall hat ihm seine Machtlosigkeit deutlicher vor Augen geführt.
Der Tessiner Polizist Bruno Ongaro.
Wir treffen Bruno Ongaro in der Kantine einer Polizeigewerkschaft in Lugano. Jeder kennt ihn hier, die jungen Kollegen scheinen ihn zu schätzen, sie machen halt an seinem Tisch, fragen ihn um Rat.
«Kunstwerke wie die ‹Natività› von Caravaggio verschwinden nicht in einem Keller. Sie werden in Zollfreilagern oder Banktresoren versteckt», sagt der pensionierte Kantonspolizist. «Um dort an sie heranzukommen, braucht es einen richterlichen Durchsuchungsbefehl. Die Tatsache, dass jemand gestohlene Kunst importiert hat, reicht dafür nicht aus. Man muss beweisen können, dass das Werk X im Banktresor X der Person X liegt. Das schafft man fast nie.»
Während es mit der Lockerung des Bankgeheimnisses für Kriminelle inzwischen deutlich schwieriger ist, Schwarzgeld auf Schweizer Konten zu deponieren, bleibt Raubkunst in Caveaus weitgehend unantastbar.
Das grösste Zollfreilager der Schweiz befindet sich in Genf. Es wird auch als das «grösste Kunstmuseum der Welt» bezeichnet. Laut Schätzungen werden dort über 1,2 Millionen Kunstwerke aufbewahrt – mehrere Picassos, Gemälde alter Meister und wohl auch Nazi-Raubkunst und gestohlene Meisterwerke.
Wer Kunst im Tresor einer Bank oder in einem Zollfreilager in der Schweiz deponiert, muss diese heute zwar deklarieren. In der Praxis machen die meisten Besitzer aber nur vage Angaben. Sie schreiben etwa: «Gemälde aus dem 17. Jahrhundert». Sie deklarieren nicht, um welches Werk es sich handelt und woher es stammt.
Das Zollfreilager in Cadenazzo im Tessin 1972.
Paul Foschini / Photopress-Archiv / Keystone
Hinzu kommt, dass zwischen dem Dieb und dem Endkäufer viele Zwischenhändler stehen. «Bei Ermittlungen muss man einer langen Kette von Gliedern nachgehen, und man kommt kaum je bis zum letzten. Denn irgendwann stösst man auf einen Toten. Dann bricht die Kette ab», erklärt Ongaro.
Im Schweizer Gesetz gelten Kunst- und Kulturgüter als gewöhnliche Gegenstände. Bei Sachdelikten geht es um die Verhaftung der Verantwortlichen, nicht um die Rettung der gestohlenen Ware. Mit dem Tod eines mutmasslichen Täters endet deshalb auch das Delikt. Das sei frustrierend, sagt Ongaro, weil man so nicht an die Spitze der Pyramide herankomme.
Bruno Ongaro ist überzeugt: Die Mafia hat die «Natività» an einen Kunstsammler in der Schweiz verkauft. Entweder steht das Bild noch immer im Caveau einer Schweizer Bank, oder es wurde an einen reichen Amerikaner, Russen oder Araber weiterverkauft und hängt nun irgendwo in der Welt in einem privaten «Museum».
«Es ist krank, ein solches Meisterwerk zu stehlen, das man weder weiterverkaufen noch ausstellen kann. Diese Leute fühlen sich mächtig, wenn sie etwas besitzen, das sonst niemand sehen kann. Und sie hatten in der Schweiz lange leichtes Spiel.»
Von den 1960er bis in die 1990er Jahre wird im grossen Stil Raubkunst aus Italien in die Schweiz geschmuggelt und von dort in die USA und andere Länder weiterverkauft. Damals gilt in der Schweiz eine Verjährungsfrist von fünf Jahren. Wer gestohlene Kunst gutgläubig kauft, besitzt diese fünf Jahre später ganz legal.
Lastwagen voller antiker Ausgrabungsstücke, Statuen, Gemälde und Kruzifixe werden damals über die grüne Grenze ins nördliche Nachbarland gefahren. Sie landen in Antiquariaten und Galerien in Lugano oder Ascona, werden dann weiterverkauft an Kunsthändler in Basel oder Zürich. Dann erwerben private Sammler sie. Und die Spuren sind verwischt.
Kontrolle an der Grenze in Ponte Chiasso 1951. Neben diesen offiziellen Grenzübergängen gibt es zwischen Italien und der Schweiz aber auch viele inoffizielle Wege über die grüne Grenze.
Photopress-Archiv / Keystone
Die vom Kanton Tessin umgebene italienische Exklave Campione war nicht nur wegen ihrer Kasinos und Spielhöllen berüchtigt. Sie wurde auch für kriminelle Aktivitäten genutzt. Die Carabinieri suchten hier aber vergeblich nach der gestohlenen «Natività».
Hermann Schmidli / Photopress-Archiv / Keystone
Manchmal kommt auch noch ein Museum ins Spiel. Der Sammler leiht ein illegal ins Land gebrachtes Ausgrabungsstück einem Antikenmuseum, dort wird es fünf Jahre im Lager aufbewahrt und dann zehn Jahre ausgestellt. Alle profitieren: Der Kunstsammler kann seine Raubkunst «waschen», das Museum bekommt gratis ein Ausstellungsobjekt.
In den 2000er Jahren gibt es im Schweizer Parlament mehrere Vorstösse, den Kunsthandel dem Geldwäschereigesetz zu unterstellen. Das würde bedeuten, dass auch die Herkunft von Kunstgegenständen nachgewiesen werden müsste. Doch alle Vorstösse werden abgelehnt. Die Lobby aus Museumsdirektoren, Galeristen und Kunstsammlern ist zu stark.
Gegen grossen Widerstand bringt Bundesrätin Ruth Dreifuss als Vorsteherin des Departements des Inneren das «Kulturgütertransfergesetz» auf den Weg, das 2005 in Kraft tritt. Unter anderem wird die Verjährungsfrist von fünf auf dreissig Jahre verlängert. Danach wird es schwieriger, in der Schweiz mit geraubter Kunst zu handeln. Das Gesetz gilt aber nicht rückwirkend, also nur für Kulturgüter, die nach 2005 eingeführt wurden.
Der Kampf gegen Kunstdiebe hat für die Behörden weiterhin keine Priorität. In allen Kantonen gibt es engagierte Beamte wie Bruno Ongaro, doch sie haben zu wenig Ressourcen und zu wenig Macht. In Ongaros Kommissariat in Lugano gibt es keine eigene Abteilung für Kunstraub. Er kümmert sich jahrzehntelang allein um diese Fälle. Bis heute ist die Polizei in diesem Bereich personell schwach aufgestellt – und zwar nicht nur im Tessin, sondern auch in anderen Kantonen.
Alle Gesprächspartner, die wir während unserer langen Recherche treffen, sind überzeugt, dass die «Natività» vorübergehend in der Schweiz war oder noch immer dort ist. Die Staatsanwaltschaft in Palermo hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit den Schweizer Behörden zusammengearbeitet. Wie konkret, kann oder will uns aber keiner sagen. Auf Schweizer Seite wiederum will keine höhere Stelle etwas über den Fall wissen. Das Bundesamt für Justiz, über das Rechtshilfeersuchen laufen, schreibt auf unsere Anfrage, man habe im Fall der «Natività» nie eines erhalten.
Wie kann das sein?
«Es gab so viele Spuren in die Schweiz», sagt Bruno Ongaro. Der Tessiner Polizist erinnert sich an eine Anfrage der Italiener in den 1980er Jahren. Sie erkundigten sich nach einer Person und wollten wissen, ob es möglich sei, dass diese etwas mit dem Raub der «Natività» zu tun habe. «Diese Person existierte aber nicht, es war der Name einer Treuhandgesellschaft. Das teilten wir den Italienern mit. Damit war die Sache erledigt.»
Der Tessiner wundert sich, dass nicht mehr unternommen wurde. An den Carabinieri liege es nicht, sagt er. Diese leisteten grossartige Arbeit.
Vielleicht scheiterten die Bemühungen an der italienischen Bürokratie, vielleicht auch an den hohen Hürden für Rechtshilfe in der Schweiz. Wenn Carabinieri eine Spur in die Schweiz verfolgen und Hilfe brauchen, muss die zuständige Staatsanwaltschaft einen Antrag ans Justizministerium in Rom stellen. Dieses wendet sich an das Justizdepartement in Bern, das den Antrag dann über die Bundesanwaltschaft an die zuständige Kantonspolizei weiterleitet.
In einem ersten Schritt wird eine informelle Anfrage gestellt. Die Italiener erkundigen sich zum Beispiel nach einem Verdächtigen, der ein gestohlenes Objekt besitzen und in der Schweiz leben soll. Existiert die Person tatsächlich, können die Italiener in einem zweiten Schritt ein offizielles Rechtshilfeersuchen stellen.
Im Fall der «Natività» gab es offenbar nur informelle Anfragen und gemeinsame Recherchen. Sie führten nicht weiter. Entweder hatten die italienischen Beamten den Rechtshilfeantrag verschlampt. Oder die Ermittler hatten zu wenig in der Hand für ein solches Verfahren.
Aussagen verhafteter Mafiosi
In den 1990er Jahren wächst das Interesse an Caravaggios Werken. Es werden mehrere grosse Ausstellungen organisiert und Bücher publiziert. Gleichzeitig intensivieren Italiens Polizei und Justiz nach den blutigen Attentaten auf die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino den Kampf gegen die sizilianische Mafia.
Bilder Getty
Die italienischen Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (links) und Paolo Borsellino (rechts) 1990 in Rom. Beide bezahlten ihren Feldzug gegen die sizilianische Mafia 1992 mit dem Leben. Falcone wurde bei einem Anschlag auf seinen Konvoi in der Nähe des Flughafens von Palermo getötet.
In den folgenden Jahren behaupten verschiedene sogenannte Pentiti (verhaftete Mafiosi, die mit der Justiz kollaborieren) in Verhören oder vor Gericht, das verschwundene Kunstwerk gesehen zu haben. Einer erzählt, es sei in einem Stall aufbewahrt, dort von Mäusen angefressen und deshalb verbrannt worden. Ein anderer will es an der Wand der Villa eines Bosses gesehen haben, in der Heroin raffiniert wurde. Ein anderer gibt zu Protokoll, das Bild sei an Zusammenkünften der obersten Führungsriege der Cosa Nostra als Trophäe ausgestellt worden. Einer bringt sogar das Gerücht in Umlauf, Totò Riina, der Anfang der 1980er Jahre zum obersten Boss aufstieg, habe das Kunstwerk als Bettvorleger benutzt.
In Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft von Palermo gehen die Carabinieri per la Tutela del Patrimonio Culturale all diesen Theorien nach. Keine von ihnen wird sie jedoch zu dem verschwundenen Meisterwerk führen. Die «Natività» bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
Und dann gibt es plötzlich eine neue Spur. 1996, während eines Prozesses gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti in Palermo, in dem es um dessen Beziehungen zur Cosa Nostra geht, erwähnt ein Kronzeuge das Altarbild. Er heisst Francesco Marino Mannoia und sagt aus, er habe als junger Mann zusammen mit Kumpanen die «Natività» aus dem Oratorium gestohlen.
Francesco Marino Mannoia arbeitet als Drogenraffinator für die sizilianische Mafia, als er 1985 verhaftet wird. Danach wird er zum Kronzeugen.
Enzo Brai / Mondadori / Getty
Zum Zeitpunkt des Raubes ist Mannoia ein Kleinkrimineller, der mit seiner Bande für die Mafia Aufträge ausführt. Später schliesst er sich den Clans an. Er arbeitet als Drogenraffinator für Totò Riina, als er 1985 verhaftet wird.
Im Prozess gegen Andreotti sagt Mannoia aus, der christlichdemokratische Politiker sei verrückt nach der «Natività» gewesen und habe den Diebstahl in Auftrag gegeben. Andreotti erwidert darauf: «Ich war nie verrückt nach Dingen, schon gar nicht nach Bildern.» Das Gericht stellt in seinem Urteil fest, dass der langjährige Ministerpräsident Beziehungen zur Mafia gepflegt habe, die entsprechenden Taten aber verjährt seien. Beweise dafür, dass er etwas mit dem Kunstraub zu tun hatte, werden sich keine finden.
Mannoias Anschuldigung aber scheucht die Ermittler wieder auf. Die am Diebstahl Beteiligten werden verhört. Sie geben zu Protokoll, dass sie das Bild in ihrem Kleintransporter in den Südosten von Palermo fuhren, es in die Wohnung eines Mitglieds der Bande schleppten und von dort am nächsten Tag in eine stillgelegte Eisfabrik.
Doch was passiert danach mit der «Natività»?
Die Verhöre stocken, bis Mannoia plötzlich gesteht, das Kunstwerk zerstört zu haben. Ein erster Verkaufsversuch sei gescheitert, und seine Bande habe es mit der Angst zu tun bekommen, sagt er aus. Sie hätten das Gemälde deshalb in einer Scheune in Stücke zerschnitten, mit Benzin übergossen und angezündet.
Diese Aussage 1996, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Verschwinden der «Natività», ändert alles. Wenn das Bild nicht mehr existiert, kann die Suche abgebrochen werden. Zumindest offiziell wird der Fall nicht weiterverfolgt.
War es das? Endet hier die Geschichte?
Wir wissen es nicht. Vielleicht ist sie auch ganz anders abgelaufen.
Das Parlament mischt sich ein
Die Politik spielt in dem Kriminalfall jahrzehntelang kaum eine Rolle. 2013 sorgt sie aber für eine neue Wende in der Geschichte: Die Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments beschliesst, den Fall neu aufzurollen. Die Kommission ist eines der prestigeträchtigsten parlamentarischen Gremien in Italien. Sie wurde 1963 gebildet und verfügt über ungewöhnliche Kompetenzen. Sie kann Zeugen vernehmen, Justiz- und Geheimdienstakten anfordern und sogar polizeiliche Ermittlungen anordnen.
Die Kommission bezeichnet den Raub der «Natività» als «schwere Wunde für das kulturelle Erbe». Man könne die Sache trotz erfolglosen Ermittlungen nicht einfach ruhen lassen. Die Suche nach dem Bild brauche «einen neuen Impuls».
Eine Mitarbeiterin der Kommission ist Marzia Sabella. Die heute 61-jährige Juristin hat in den 1990er Jahren ihre Sporen in der Staatsanwaltschaft von Palermo verdient – unmittelbar nach den blutigen Anschlägen auf die Mafia-Jäger Falcone und Borsellino. Nach 2001 ist sie mit der Leitung spektakulärer Mafia-Fälle betraut. Die Staatsanwältin weiss, wie man mit Bossen umgeht. In der Anti-Mafia-Kommission ist sie zuständig für die Anhörungen.
Die Staatsanwältin Marzia Sabella.
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Wir treffen Marzia Sabella in einem Strassencafé in Palermo. Sie erzählt, wie ihr während der Anhörungen ein Coup gelang. Sie befragte Gaetano Grado, einen Angehörigen eines Palermitaner Clans mit einer Vergangenheit als Auftragsmörder. Er wurde nach seiner Festnahme 1989 zum Kronzeugen, hatte sich aber noch nie zur «Natività» geäussert. Vor der Anti-Mafia-Kommission präsentiert er nun eine neue Version des Kunstdiebstahls. Laut dieser Version ist das Bild nicht einfach verschwunden – und auch nicht verbrannt worden.
Laut Grado passierte Folgendes: Die Medienberichte über den Kunstraub im Oktober 1969 wecken das Interesse von Gaetano Badalamenti, damals der Boss der Bosse der sizilianischen Mafia. Er beauftragt Gaetano Grado zwei Tage nach dem Raub damit, das Bild ausfindig zu machen. Grado ist damals ein von der Polizei gesuchter Mafioso, bewegt sich in Palermo aber relativ frei. Und ihm gelingt, was die Ermittler nicht schaffen: Er findet das Bild in wenigen Tagen.
Grado fordert die Diebe auf, die «Natività» der Cosa Nostra zu übergeben, und diesen bleibt nichts anderes übrig, als einzulenken. Mit dem Boss der Bosse wollen sie sich nicht anlegen. «Zur Anerkennung» bekommt die Bande fünf Millionen Lire. Im Vergleich zum geschätzten Wert von einer Milliarde ist das wenig. Wahrscheinlich sind sie aber gar nicht so unglücklich darüber, das Kunstwerk loszuwerden. Denn dessen Aufbewahrung erweist sich als schwierig, und die grosse Aufmerksamkeit macht den Verkauf komplizierter als erwartet.
Gaetano Grado lässt die «Natività» in einen Steinbruch bringen, in dem Waffen und Sprengstoff versteckt sind. Und von dort wird sie in die Villa von Gaetano Badalamenti in Cinisi, einem Ort in der Nähe des Flughafens von Palermo, transportiert.
Ein Schweizer Käufer
Don Tano, wie sie ihn nennen, hat kein Interesse an dem Bild, er will Geld damit verdienen. Laut seinem Handlanger Grado hat er Verbindungen zu einem renommierten Kunsthändler «schweizerischer Herkunft». Dieser kommt nach Cinisi, um die «Natività» zu begutachten. Der Boss der Bosse macht sich seinen Männern gegenüber später lustig über den alten Mann, der stundenlang staunend vor dem Caravaggio gesessen und vor lauter Rührung Tränen vergossen habe. Der Deal kommt zustande.
Der Kunsthändler sagt dem Boss damals, so ein Gemälde sei schwer zu verkaufen, er werde es wohl in vier Stücke schneiden und diese einzeln verkaufen. Badalamenti schickt die «Natività» laut Grado aber noch in einem Stück in die Schweiz, und zwar versteckt in einem grossen Früchtetransporter, so wie Mafiosi sonst auch Drogen und Waffen Richtung Norden schmuggeln.
Kurz darauf reist der Schweizer noch einmal nach Cinisi, um den geschuldeten Betrag zu überbringen. Grado weiss laut eigenen Angaben nicht, wie viel er für das Bild bezahlt, er trifft den alten Mann bei dieser Gelegenheit aber im Haus von Badalamenti. Das Schicksal der «Natività» ist demnach innerhalb von wenigen Monaten besiegelt. Bereits 1970 befindet es sich in der Schweiz.
Grado erhält für seine Dienste von Badalamenti 50 000 Franken in bar.
So weit die Version von Gaetano Grado vor der Parlamentskommission. Dass die Clans aus Palermo in den Verkauf des Bildes involviert waren, haben schon andere Kronzeugen über die Jahrzehnte ausgesagt, ohne jedoch genügend Details zu kennen. Mit Grado ändert sich das. Er war direkt beteiligt.
Die Kommission beschliesst, jenen Mann noch einmal anzuhören, der 1996 gesagt hatte, er habe das Bild verbrannt: Francesco Marino Mannoia. Und dieser widerruft tatsächlich seine frühere Aussage. Seine Bande habe das Gemälde nicht zerstört, sagt er aus.
«Als Mannoia dies sagte, lief es uns allen kalt über den Rücken», erinnert sich Marzia Sabella. «Es war die grosse Wende.» Die Staatsanwältin hält die Aussage Mannoias für glaubwürdig. «Er hatte kein Motiv mehr, Unsinn zu erzählen.»
Der Grund dafür, dass Mannoia erzählt hatte, er habe den Caravaggio zerstört, scheint trivial. Zermürbt von den nicht enden wollenden Verhören, suchte er offenbar nach einem Ausweg. «Ich hatte keine Lust mehr, über all die Sachen zu reden. Deshalb sagte ich, ich hätte das Gemälde verbrannt», gibt er gegenüber der Kommission zu Protokoll.
Mannoia hatte 1996 also einfach etwas erzählt, um die Ermittler ruhigzustellen. Jetzt ist plötzlich alles anders. Die «Natività» ist nicht zerstört. Aber wo ist sie?
Eine Kopie ist kein Ersatz
Am 12. Dezember 2015 wird in einer Zeremonie in Anwesenheit von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella eine hochwertige Kopie des Meisterwerks von Caravaggio über den Altar im Oratorio di San Lorenzo in Palermo gehängt. Seither können Besucher die Geburt Christi wieder bestaunen, und viele von ihnen bemerken wohl nur, dass es sich nicht um das Original handelt, weil Informationsbroschüren über den Diebstahl aufliegen. Kunsthistoriker wie Michele Cuppone jedoch rümpfen die Nase – eine Kopie ist eben doch nur eine Kopie, so originalgetreu sie auch sein mag. Und auch für viele Palermitanerinnen und Palermitaner bleibt die Wunde offen, solange das Bild nicht auftaucht.
Am 30. Mai 2018 präsentiert die Anti-Mafia-Kommission die Resultate ihrer Untersuchung im Oratorium, aus dem die «Natività» 1969 geraubt wurde. Über dem Altar hängt seit 2015 eine Kopie des Meisterwerks.
Gianni Cipriano / Redux / Laif
Am 21. Februar 2018 verabschiedet die Anti-Mafia-Kommission ihren Bericht über den Fall. Dem Kunsthändler «schweizerischer Herkunft» kommt darin eine prominente Rolle zu. Er wird als «alter Mann» und «erfahrener Antiquar» bezeichnet. Die Kommission ist überzeugt, zu wissen, um wen es sich handelt. Sie hat Gaetano Grado Fotos von potenziellen Tätern vorgelegt, und er hat den Mann eindeutig identifiziert.
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wird der Antiquar in dem Bericht aber nicht namentlich genannt. Auch wir müssen ihn anonymisieren. Wir wollen ihn hier Herrn R. nennen.
Die Kommission ist überzeugt, dass er die Schlüsselfigur der Affäre ist und damit auch der Ausgangspunkt für die Suche nach der «Natività» oder nach einzelnen Teilen des Gemäldes.
Hat der alte Kunsthändler aus der Schweiz das Bild tatsächlich zerschnitten? Und war er zu einem Coup dieses Kalibers wirklich in der Lage?
Herr R. habe damals viele fragwürdige Geschäfte gemacht, erzählen Galeristen und Branchenkenner, mit denen wir sprechen. Er habe vor allem mit antiken Ausgrabungsstücken gehandelt. Manchmal sei er abends nach Italien gefahren, und wenn er in der Nacht zurückgekommen sei, sei sein Mercedes so schwer beladen gewesen, dass er vierzig Zentimeter niedriger gewesen sei. R. sei nicht auf barocke Kunst spezialisiert gewesen, habe aber sicher die Kanäle gehabt, um solche zu verkaufen.
Einige, die Herrn R. kannten, trauen ihm diese kriminelle Energie zu, andere sind skeptisch. Sie argumentieren, dass es in der Schweiz damals viele skrupellose Kunsthändler gab, die involviert gewesen sein könnten. Grado hatte den Antiquar nur einmal kurz im Haus von Badalamenti gesehen, war er wirklich in der Lage, ihn fünfzig Jahre später zweifelsfrei zu identifizieren?
Nach den aufsehenerregenden neuen Aussagen von Gaetano Grado und Francesco Mannoia wird das Verfahren wieder aufgenommen. Marzia Sabella, nunmehr wieder in der Staatsanwaltschaft von Palermo tätig, übernimmt das Dossier. Es kommt zu neuen Kontakten mit den Schweizer Behörden. Auf informeller Ebene werden einzelne Ermittlungsergebnisse geprüft: Namen, Jahrgänge, Daten. Genaueres will oder darf uns die Staatsanwältin über die neuen Nachforschungen nicht sagen. Und auch bei den Carabinieri ist darüber nichts in Erfahrung zu bringen.
Ein offizielles Rechtshilfeersuchen wird jedenfalls nicht gestellt. Denn in der Schweiz kann keine Untersuchung gegen den verstorbenen «R.» eingeleitet werden. Und auch gegen seine Erben kann nicht ermittelt werden. Dafür müsste man eindeutige Beweise dafür haben, dass einer von ihnen das Raubgut erhalten hat.
Man habe jeweils zwei Jahre Zeit, wenn man ein Dossier eröffne, sagt Sabella nur. Wenn dann keine neuen Erkenntnisse vorlägen, werde es wieder geschlossen. So lief das in diesem Fall jahrzehntelang. Dossiers wurden eröffnet – und wieder geschlossen.
Auch nach der Wiederaufnahme 2018 verlaufen die Ermittlungen letztlich im Sand. Die «Natività» bleibt verschwunden – wo und in welchem Zustand auch immer.
So endet diese Geschichte – vorläufig. Was ist davon zu halten? Was glauben unsere Gesprächspartner? Die Staatsanwältin, der Polizist, der Carabiniere, der Kunstexperte?
Libero La Torre ist bis heute davon überzeugt, dass der Mittelsmann, von dem er die «Natività» 1970 kaufen wollte, helfen könnte, das Bild zu finden. Aus Angst hat er dessen Namen nie ausgesprochen. Er würde gerne nach Sizilien reisen und den Mann treffen. Doch seine Kontaktversuche waren bisher erfolglos. «Ich will ihn davon überzeugen, vor seinem Tod etwas Grosses zu tun, den Caravaggio zurückzugeben, so als letzter Akt.» Damit könnte der Mann in die Geschichte eingehen – und auch La Torre ein bisschen. Auch seine Zeit läuft langsam davon.
Bruno Ongaro glaubt nicht, dass die «Natività» zerschnitten wurde, in seiner vierzigjährigen Karriere als Kunstfahnder ist so etwas nie vorgekommen. Solche Bilder würden im Auftrag von Leuten geraubt, die sich mit Kunst auskennten, und die würden sie nie zerteilen. Der pensionierte Tessiner Polizist ist überzeugt, dass die «Natività» auftauchen wird, wenn ihr Besitzer stirbt. Er hat immer wieder beobachtet, dass Erben gestohlene Werke zurückgeben. Meistens täten sie das anonym, weil sie den Ruf der Familie nicht gefährden wollten. «Aus meiner Sicht kann man nur abwarten, bis sich etwas tut.»
Michele Cuppone ist weniger optimistisch. Er habe nicht mehr viel Hoffnung, dass das Bild gefunden werde, sagt der Kunsthistoriker. Seit einem halben Jahrhundert gebe es keine materiellen Spuren mehr von dem Bild, wahrscheinlich sei es zerstört worden. «Je mehr Zeit vergeht, desto kleiner wird die Chance, dass es zum Vorschein kommt.» Trotz allem hofft Cuppone, dass er falsch liegt, denn nichts würde er lieber tun, als die «Natività» zu untersuchen und so neue Geheimnisse zu lüften.
Marzia Sabella hält das Ganze trotz allen Windungen letztlich für eine einfache Geschichte, eine «Storia semplice» – wie sie der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia in einem Roman beschrieben hat: als Geschichte eines Meisterwerks, das von kleinen Dieben gestohlen und von der Mafia ins Ausland verkauft wurde. Eigentlich banal – aber abgründig. «Wenn wir den Caravaggio finden würden, wäre das eine ‹rivincita›, eine Revanche», sagt die Staatsanwältin. Die Mafia habe Italien so viel genommen, die besten Leute seien von ihr beseitigt worden. Der Caravaggio, so Sabella, gehöre allen, er sei Weltkulturerbe. «Wir alle, auch die meistgesuchten Verbrecher, sterben früher oder später. Aber Caravaggio stirbt nicht.»
Polizisten in der Gasse, die zum Oratorio di San Lorenzo in Palermo führt.
Gianni Cipriano / Redux / Laif
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andrea Spalinger, Luzi Bernet
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