Aus dem Käfig zu den Olympischen Spielen: Der brutale Kampfsport MMA will sein Image loswerden

Mit entschärften Regeln will ein neuer Verband Mixed Martial Arts olympiatauglich machen. An den Asienspielen ging es so bereits um Medaillen. Doch verliert der Sport dabei seine Seele?

Felix Lill, Nagoya21.10.2026, 17.38 Uhr

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Charles Oliveira (rechts) gegen Max Holloway: Solche brutalen Käfigkämpfe prägen das Image von MMA.

Charles Oliveira (rechts) gegen Max Holloway: Solche brutalen Käfigkämpfe prägen das Image von MMA.

Chris Unger / Zuffa LLC / Getty

Oft spritzt Blut, Knochen brechen, TV-Kommentatoren jubeln über die wilden Kämpfer. Mixed Martial Arts, kurz MMA, gilt als Sport, in dem rohe Gewalt Trumpf ist. Dass die Kämpfe oft in einem Käfig stattfinden, erweckt erst recht den Eindruck, dass die Athleten eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen.

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Doch MMA kann auch ganz anders aussehen. Im September feierte die Sportart bei den Asienspielen – dem Sport-Grossanlass mit olympischem Charakter – im japanischen Nagoya ihr Debüt als Medaillendisziplin. In der Sporthalle ist von den gewohnten Bildern wenig zu sehen: kein Käfig, kein Blut, keine Ellbogenschläge. «Ich halte ‹Gewalt› für keinen passenden Begriff für Mixed Martial Arts», sagt Galastein Tan, während er gebannt die Kämpfe verfolgt.

Der gebürtige Singapurer ist der Generaldirektor der Federation of International Mixed Martial Arts (FIMMA). Mit dem erst Ende 2025 gegründeten Verband verfolgt Tan ein ehrgeiziges Ziel, an dem andere bisher gescheitert sind: Er will MMA so schnell wie möglich zu einer olympischen Disziplin machen.

Das brutale Image ist nicht leicht abzuschütteln

Galastein Tan ist überzeugt, dass das, was sich da vor seinen Augen abspielt, früher oder später auch unter den fünf Ringen ausgetragen wird: «Die Athleten zeigen im Kampf ganz verschiedene Techniken. Die Spannung und die Faszination sind vorhanden, die Fans sind begeistert», sagt der Mann im Anzug. «Und ich glaube, genau danach suchen doch auch die Olympischen Spiele, oder? Nach Sportarten, die zukunftsfähig sind.»

Galastein Tan, Generaldirektor der FIMMA

Galastein Tan, Generaldirektor der FIMMA

Getty

Dass MMA olympisch werden soll, dürfte viele überraschen. Schliesslich betont das Internationale Olympische Komitee (IOC) Werte wie Fairness und Gewaltfreiheit. Und das brutale Image von MMA ist massgeblich durch die in Sachen Vermarktung erfolgreichste MMA-Liga der Welt, die Ultimate Fighting Championship (UFC), geprägt. Erst vergangenen Sommer machte die UFC auch jenseits ihrer Fans Schlagzeilen, als sie von US-Präsident Donald Trump – einem bekennenden MMA-Fan – zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeit der USA einige Kämpfe im Käfig auf dem Rasen des Weissen Hauses in Washington DC steigen liess.

Bei den Kampfsportarten im olympischen Programm gehöre immer ein gewisses Verletzungsrisiko dazu, sagt Tan. «Deshalb haben wir uns darauf konzentriert, ein Regelwerk einzuführen, das diese Risiken minimiert oder verringert.»

Auch der US-Präsident ist ein MMA-Fan: Hier im Gespräch mit dem Brasilianer Paulo Costa nach einem Sieg in Miami.

Auch der US-Präsident ist ein MMA-Fan: Hier im Gespräch mit dem Brasilianer Paulo Costa nach einem Sieg in Miami.

Carmen Mandato / Getty

Das Debüt an den Asienspielen ist für Tan ein Zwischenerfolg. Und fragt man die teilnehmenden Athleten, ist das Feedback positiv: «Ich finde es besser so, wie es hier ist. So kann man viel mehr Kämpfe machen», sagt der Filipino Jean Claude Saclag.

Saclag ist ein schmaler, drahtiger Mann, spricht nach seinem gewonnenen Kampf leise, fast schüchtern. Dem Klischee eines MMA-Draufgängers entspricht er nicht. Vermisst er bei den strengeren Regeln nicht etwas vom herkömmlichen MMA? Saclag schüttelt den Kopf: «Klar, da sind Ellbogen- und Kniestösse zum Kopf erlaubt. Aber deshalb kämpft man auch nur ein einziges Mal, muss sich dann wochenlang erholen. Nach einem Kampf ist da erstmal Schluss.» Andere Athleten äussern sich ähnlich.

Verliert MMA mit strengeren Regeln seine Seele?

Und was ist mit den Fans? Geht bei der Reglementierung von MMA vielleicht die Seele des rohen Kampfes verloren? «Mit alldem, was die Kämpfe und das dazugehörige Training mit sich bringen, ist MMA eine sehr gute Metapher für das Leben», sagt Seamus Dolan, ein Fan aus New York. «Es gibt unzählige Techniken, mit denen man es im Ring versuchen kann, aber nicht alle funktionieren gut. Genau wie im echten Leben.»

Dass es deshalb ein Problem wäre, wenn sich MMA für eine Anerkennung als olympischer Sport nun strengeren Regeln unterzieht, findet der Amerikaner nicht: «Olympisches Boxen unterscheidet sich auch ziemlich vom üblichen Boxen. Da beschwert sich auch niemand», sagt er. Dass MMA durch die strengeren Regeln seine bisherigen Fans verliert, ist keineswegs ausgemacht. Ob der Sport damit auch seine Kritiker überzeugen kann, ist eine andere Frage.

MMA ohne Käfig: Behruz Khurshedzoda (in Rot) kämpft bei den Asienspielen in Nagoya gegen Kadyrbek Shinbayev. Der Sport setzt dort auf entschärfte Regeln.

MMA ohne Käfig: Behruz Khurshedzoda (in Rot) kämpft bei den Asienspielen in Nagoya gegen Kadyrbek Shinbayev. Der Sport setzt dort auf entschärfte Regeln.

Zhe Ji / Getty

Motockney Nuquee, ein Kampfsport-Fan aus Tokio, hat nicht die höchste Meinung von MMA – und das werde sich auch nicht so schnell ändern: «Fans feiern das Ganze ja als Spektakel gewalttätiger Impulse, bei denen es nicht um sportliche Fairness geht, nur um primitive Gewalt.» In vielen Kampfsportarten mache man sich die Kraft von Adrenalin zunutze und steuere es zu den eigenen Gunsten. «Aber bei MMA sieht es so aus, als würden die Kämpfer von ihrem Adrenalin gesteuert.»

Es ist ein Urteil, dem Galastein Tan widerspricht. Bei den Asian Games betont er, wie sich alle Kämpfer vor und nach dem Kampf verbeugen. Tatsächlich waren solche Gesten in Nagoya überall zu beobachten. «Das ist etwas, was wir im Einklang mit den Olympischen Spielen machen», sagt Tan: «Werte und Respekt spielen dabei eine grosse Rolle. Respekt vor dem Gegner, vor den Fans, vor dem Verband. Daher sind Verbeugungen fester Bestandteil.» Beim Sport gehe es schliesslich darum, Menschen zusammenzubringen.

Wobei das allein für die Aufnahme ins Olympiaprogramm nicht ausreichen wird. Schon weil es mehrere Verbände gibt, die sich als MMA-Weltverband sehen, müsste das IOC erst einmal einen einzigen als solchen anerkennen. Für die Spiele 2028 in Los Angeles steht das Programm bereits fest. Und für Brisbane 2032 kommen laut IOC nur Disziplinen infrage, deren Weltverbände anerkannt sind und die bereits 2020, 2024 oder 2028 olympisch waren beziehungsweise sein werden, wie ein IOC-Sprecher gegenüber der Deutschen Welle erklärte.

MMA hat grosse Konkurrenz bei der Aufnahme als olympische Disziplin. Unter anderem Teqball, eine mit dem Fussball gespielte Tischtennisvariante, E-Sports oder Wakeboarding. Auch gegen einige Kampfsportarten muss sich MMA durchsetzen, darunter Kickboxen, Muay Thai und Wushu.

Galastein Tan gibt sich trotzdem kämpferisch: «Wir sind ein populärer Sport. Und wollen olympisch werden, so schnell es nur geht.»

Diego Lopes feiert seinen Sieg bei einem UFC-Kampf vor dem Weissen Haus in Washington. Doch begeistert MMA die Fans auch mit weniger brutalen Regeln?

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Ed Mulholland / Zuffa LLC / Getty

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Felix Lill, Nagoya

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