Auftakt zur Skisaison: Lucas Pinheiro Braathen sagt Marco Odermatt den Kampf an – und der reagiert ganz gelassen

Der Nidwaldner geht wieder einmal als grosser Favorit ins Rennen um den Gesamtweltcup. Aber es könnte diese Saison enger zugehen als auch schon.

24.10.2026, 05.30 Uhr

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Peilt den sechsten Erfolg in Folge im Gesamtweltcup an: Marco Odermatt.

Peilt den sechsten Erfolg in Folge im Gesamtweltcup an: Marco Odermatt.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Eigentlich steht der Skisport ja für Spannung, er verkörpert sie regelrecht, weil oft Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage entscheiden, sich in einer Kurve alles ändern kann.

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Aber im Männerzirkus hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Vorhersehbarkeit eingestellt. Skifahrer aus aller Herren Ländern rasen einen Winter lang die Pisten herunter, in vier Disziplinen. Aber am Ende, wenn abgerechnet wird, steht immer der Gleiche zuoberst: Marco Odermatt, der Schweizer Rennfahrer. Fünf Mal in Folge hat er den Gesamtweltcup nun schon für sich entschieden. Das ist vor ihm nur einem gelungen, Marcel Hirscher, der sogar acht Erfolge in Serie feierte.

Am Wochenende beginnt die neue Weltcupsaison, mit den Riesenslaloms in Sölden, so, wie das Tradition hat. Und mit Odermatt, 29 Jahre alt, als grossem Favoriten auf den Gesamtweltcup, so, wie das Tradition hat.

Doch wenn es in den letzten Jahren zuweilen einige Phantasie brauchte, um jemanden zu finden, der dem Schweizer nur schon das Leben schwer machen könnte, dann braucht es davon heuer etwas weniger.

«Der Gesamtweltcup ist immer noch das Grösste»

Und vielleicht wird das überhaupt die letzte Saison, vor der die Konturen so klar sind: Hier Odermatt, der Favorit. Und da der ganze Rest, die «Meute», wie Helmut Krug, der Trainer des Schweizers, das gerne formuliert.

Es ist ein etwas martialisches Bild, aus der Jägersprache entlehnt, in der die Meute die Jagdhunde sind, die die Beute hetzen sollen. Aber schon passend, weil es ja so ist: Odermatt ist der Gejagte, seit vielen Jahren jetzt schon.

Als es am Freitagabend im Schweizer Teamhotel darum geht, ob der Kampf um den Gesamtweltcup spannender werde, da sagt Odermatt, dass er das nicht hoffe. Und er unterstreicht, welche Bedeutung er dem Gewinn der grossen Kristallkugel immer noch beimisst. «Es ist natürlich immer noch das Grösste in unserem Sport, auch wenn man sie schon fünf Mal geholt hat.»

Weil Odermatt über die Jahre oft so selbstverständlich gewonnen hat, werden seine Siege auch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zur Kenntnis genommen. Bei anderen ist es so, dass über Siege gestaunt wird. Bei Odermatt ist es umgekehrt.

Der Nidwaldner liess schon öfter durchblicken, dass er sich schwer damit tut. Es ist ein Kampf mit Geistern, die er selbst gerufen hat. In den fünf Jahren, in denen er den Gesamtweltcup gewonnen hat, betrug Odermatts Vorsprung 467 Punkte, dann 702, 874, 605 – und zuletzt noch 568.

Die Zahlenreihe versinnbildlicht, wie sehr Odermatt die Konkurrenz in den letzten Jahren dominiert hat. Der Wettbewerb um die wichtigste Krone im Skisport war de facto keiner mehr. Zur Erinnerung: Für einen Sieg gibt es im Skiweltcup hundert Punkte. Zwischen Odermatt und seinen Konkurrenten lagen in den letzten Jahren also stets fast fünf oder noch deutlich mehr Siege. Oder, mit anderen Worten: Welten.

Aber die Zahlen zeigen auch, dass die Konkurrenz Odermatt nähergekommen ist. Und es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich der Trend auch diesen Winter fortsetzt.

Weil sich in den letzten Jahren sein Fokus vom Riesenslalom auf die Speed-Disziplinen verlagert hat, hat Odermatt seine einstige Dominanz in der Kerndisziplin eingebüsst. Im Speed wiederum hat Franjo von Allmen die Anlagen, ihn in der kommenden Saison noch stärker zu bedrängen. Der Berner Oberländer soll im Sommer, das hört man aus dem Schweizer Lager, seine Konstanz verbessert haben. Das dürfte ihm helfen, Odermatt nicht nur in einzelnen Rennen zu besiegen, sondern auch im Kampf um die Kristallkugeln näherzukommen.

Und dann ist da noch Lucas Pinheiro Braathen, der Mann, der in Norwegen aufwuchs, aber mittlerweile für Brasilien fährt, das Land seiner Mutter. Die letzte Saison hat er als Gesamtzweiter abgeschlossen. Jetzt beansprucht er die Rolle des Herausforderers.

Als er die NZZ in Sölden zum Gespräch trifft, bekräftigt der 26-Jährige, dass er den Gesamtweltcup ins Visier nimmt. «Es ist Zeit», sagt er. Eine unüblich forsche Kampfansage, auf die Odermatt gelassen reagiert. Eine «logische Ansage» sei das nach Pinheiro Braathens zweitem Gesamtrang im Vorjahr, findet er.

Dieser hat dem Schweizer im letzten Rennen des vergangenen Winters eine schmerzhafte Niederlage zugefügt, als er ihm beim Weltcupfinal in Hafjell den Sieg im Riesenslalom-Weltcup abjagte. Aber Pinheiro Braathen weiss, dass es nicht reicht, Odermatt im Riesenslalom zu ärgern und in seiner zweiten Spezialdisziplin, dem Slalom, viele Punkte zu sammeln. Er braucht wie der Schweizer mit der Abfahrt eine dritte Disziplin. Deshalb hat er sich in der Vorbereitung auf die neue Saison verstärkt dem Super-G-Training gewidmet.

Pinheiro Braathen geht ins Risiko

Es ist ein Experiment, das die Chance auf zusätzliche Punkte bringt, aber auch die Gefahr birgt, dass der Brasilianer an den Speed-Wochenenden viel Zeit und Kraft lässt. Und beides ihm dann fehlt, um im hochkompetitiven Slalomfeld um Siege mitzufahren. Dort sind heuer dreizehn Rennen angesetzt. In der Abfahrt sind es nur zehn. Ein Vorteil für Pinheiro Braathen, eigentlich.

Marco Büchel, der ehemalige liechtensteinische Rennfahrer, der für das ZDF den Weltcupzirkus als Experte begleitet, sagt es so: «Pinheiro Braathen muss sich gut überlegen, ob er sich den Aufwand für den Super-G antut. Denn eigentlich liegt der Schlüssel für die Disziplin in der Abfahrt.»

Büchel sieht die Gefahr, dass es Pinheiro Braathen wie einst Loïc Meillard ergeht, dem Schweizer, der ebenfalls ein exzellenter Techniker ist. Der Romand versuchte jahrelang mit einigem Aufwand, aber wenig Ertrag, im Super-G zusätzliche Punkte einzufahren. Dieses Jahr will er vorderhand auf die Disziplin verzichten. Odermatt zählt ihn dennoch zum Kreis seiner Konkurrenten um den Gesamtweltcup, wie Pinheiro Braathen, Marco Schwarz und den Norweger Atle Lie McGrath.

Wenn Trainer Helmut Krug über die «Meute» spricht, die Odermatt auf den Fersen ist, dann meint auch er zuallererst Pinheiro Braathen, er ist für ihn «der Gefährlichste», wie er das sagt, und «voll im Saft».

Krug, der Odermatt seit vielen Jahren begleitet, sagt, dass der sich «schon zu wehren weiss». Aber er weist auch darauf hin, wie viel Substanz es koste, immer vorauszumarschieren, überhaupt: Odermatt zu sein, der so viele Rennen fahre und von dem immer alle etwas wollten.

Das ist sowieso die Frage, die sich mit Blick auf Odermatt mit jedem Jahr etwas mehr stellt: wie lange er das Tempo, das er sich jetzt schon so lange anschlägt, noch gehen kann.

Gerade ist der Schweizer 29 Jahre alt geworden. Er spricht immer wieder darüber, dass das reich befrachtete Programm ihm zusetzt und er insbesondere beim Riesenslalom dereinst kürzer treten wird. Diese Saison kommt das noch zu früh, wegen der Heim-WM in Crans-Montana.

Doch danach scheint vieles möglich. Auch, dass er in der Frühphase der Saison bis und mit Adelboden nur noch zwei, drei Riesenslaloms bestreitet, um später seine Kräfte für die Speed-Klassiker in Wengen und Kitzbühel sowie für Grossanlässe wie WM und Olympia zu bündeln.

Und wenn das passiert, wird das Rennen um den Gesamtweltcup, um es mit Marco Büchel zu sagen, «ganz eng».

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominic Wirth

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