Über unseren Köpfen spielte sich in den vergangenen Tagen ein ungewöhnliches Manöver ab. Der russische Militärsatellit Kosmos 2612 näherte sich dem finnischen Satelliten Iceye-X36, der die Ukraine mit Satellitenbildern versorgt. Dieser «Orbit-Stalker» bewegte sich gezielt immer näher an den westlichen Radarsatelliten heran.

Zeitweise trennten die beiden nur wenige hundert Meter. Obwohl dies nach ausreichend Abstand klingen mag, waren die beiden Raumfahrzeuge so nahe beieinander, dass Radardaten sie mitunter nur noch als ein einziges Objekt statt als zwei separate Satelliten erfassten.

Machtspiele im Orbit

«Das ist besorgniserregend», sagt Clémence Poirier, Forscherin für Cybersicherheit im Weltraum am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Da der Satellit Daten für die Ukraine liefere, werde dies als feindliches Manöver betrachtet. Was Russland damit genau bezwecken wollte, bleibt unklar.

Möglicherweise versuchte Moskau, Informationen über die Technologie des westlichen Satelliten zu sammeln, ihn abzuhören, sein Signal zu stören oder den finnischen Satelliten dazu zu bringen, die Kommunikation mit der Erde einzustellen. Denkbar ist auch, dass die Operationen von Iceye-X36 vorübergehend beeinträchtigt werden sollten.

Legende: Im Ukraine-Krieg spielen Angriffsdrohnen mit Verbindung zum Starlink-Kommunikationssystem eine wichtige Rolle. Keystone/EPA/MARIA SENOVILLA

«Staaten bereiten sich auf einen Krieg im All vor», warnt die ETH‑Weltraum­sicherheits­expertin. Vor wenigen Wochen haben die USA offiziell bekannt gegeben, dass sie über Waffen im Orbit verfügen. Grossbritannien zog nach und räumte ein, ebenfalls Waffen im Weltraum stationiert zu haben, so Poirier. Verschiedene Länder entwickeln ihre Counterspace-Fähigkeiten weiter, um sich auf feindliche Angriffe vorzubereiten. Frankreich plant beispielsweise, kleine Patrouillensatelliten um grössere Militärsatelliten herum zu stationieren.

Und Russland, China, die USA sowie Indien verfügen laut Poirier über Anti-Satelliten-Raketen, die von der Erde aus ins All gestartet werden können. Alle vier Länder haben diese Fähigkeiten bereits demonstriert, indem sie eigene Satelliten im Orbit zerstörten und dabei grosse Mengen an Weltraumschrott erzeugten.

Ein Grossteil der heute im All kreisenden Trümmer geht beispielsweise auf den chinesischen Anti-Satelliten-Test von 2007 und auf den damaligen Zusammenprall eines abgeschalteten, russischen Satelliten mit einem US-Kommunikationssatelliten im Jahr 2009 zurück.

Militärischer Zweig von Starlink

Satelliten sind für die moderne Kriegsführung unverzichtbar geworden und dienen gewissermassen als digitales Rückgrat des Schlachtfelds. Sie liefern nicht nur Aufklärungsbilder, sondern ermöglichen auch Kommunikation und Navigation, die für die Steuerung von Drohnen essenziell sind. Wie strategisch wichtig diese Dienste sind, zeigte sich, als die ukrainischen Streitkräfte von Mitte Oktober bis vor Kurzem mit Einschränkungen von Elon Musks Starshield-Netzwerk konfrontiert waren.

Die Ukraine nutzt sowohl den zivilen Dienst Starlink als auch dessen militärisches Gegenstück Starshield. Als Letzteres vorübergehend die Geschwindigkeiten beschränkte, verloren schnelle Abfang- und Angriffsdrohnen ihre Verbindung. Die Beschränkung wurde inzwischen wieder aufgehoben und der Dienst wiederhergestellt.

Wie abhängig wir alle von weltraumgestützter Infrastruktur sind, zeigte sich bereits zu Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022, als das Satellitennetzwerk des US-Unternehmens Viasat angegriffen wurde. In ganz Europa fielen 30'000 Modems aus, Windturbinen in Deutschland konnten nicht mehr aus der Ferne gesteuert werden. Die betroffenen Modems mussten vollständig ersetzt werden. Die Operation beeinträchtigte die Fähigkeit der ukrainischen Streitkräfte, ihre Reaktion auf die Invasion zu koordinieren.

Zunahme der Cyberbedrohungen

«Für die Weltraumgemeinschaft war das ein Pearl-Harbor-Moment», sagt Poirier. Der Vorfall habe als Weckruf gedient und einen grundlegenden Wandel beim Thema Cybersicherheit im Weltraum ausgelöst. Elektronische und Cyberoperationen gegen Weltraumsysteme haben in den vergangenen Jahren zugenommen.

Im Jahr 2025 identifizierte die ETH Zürich insgesamt 407 Cybervorfälle gegen den Weltraumsektor, von denen viele mit bewaffneten Konflikten und Krisensituationen in Zusammenhang standen. Umgerechnet bedeutet dies einen Angriff pro Tag auf den Weltraumsektor. Gerade für Europa stellt sich deshalb die Frage, wie es seine eigenen Systeme besser schützen kann.

Legende: Start der europäischen Trägerrakete Ariane 6 von Europas Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana mit 36 Amazon-Leo-Satelliten an Bord: Diese wurden präzise in einer niedrigen Erdumlaufbahn (LEO) in einer Höhe von rund 465 km ausgesetzt. ESA

Europa liegt zwar oft hinter den USA, China und Russland zurück, verfügt aber über beachtliche Kompetenzen im All. «Es hat mit Ariane 6 einen autonomen Zugang zum All, betreibt militärische Kommunikationssatelliten und hat mit Copernicus und Galileo eigene Systeme für Erdbeobachtung und Navigation aufgebaut», sagt Poirier.

Europas Antwort auf Starlink

Mit IRIS² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) baut Europa derzeit seine eigene Version von Starlink auf, auch wenn die Konstellation voraussichtlich nicht vor 2030 in Betrieb gehen wird. Denn das Projekt wurde durch die komplexen Entscheidungsstrukturen Europas und die Vielzahl der beteiligten Akteure gebremst. Poirier ist jedoch überzeugt, dass es erfolgreich sein wird. «Es wird funktionieren. Es dauert nur länger und kostet mehr als erwartet.»

Das geplante Satellitennetzwerk soll sichere Kommunikationsdienste für Regierungen, Streitkräfte und Betreiber kritischer Infrastrukturen bereitstellen und gleichzeitig Europas Abhängigkeit von aussereuropäischen Anbietern verringern. Das System IRIS² soll aus 330 Satelliten im niedrigen Erdorbit (LEO) und 18 Satelliten im mittleren Erdorbit (MEO) bestehen. Weitere 66 Satelliten sind speziell zur Stärkung von Verteidigungs-, Sicherheits- und Notfalldiensten vorgesehen.

Legende: LEO-, MEO- und GEO-Satelliten bewegen sich in unterschiedlichen Höhen und unterscheiden sich in Reichweite, Übertragungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit. Illustration SRF

Bis IRIS² vermutlich frühestens im Jahr 2030 in Betrieb geht, kann Europa weiterhin auf bestehende eigene Systeme wie OneWeb von Eutelsat zurückgreifen. Dieses ist deutlich kleiner als das gigantische Satellitensystem von SpaceX und verfügt aktuell über mehr als 600 aktive Satelliten im niedrigen Erdorbit in 1200 Kilometern Höhe.

Starlink habe also kein Monopol, sagt Poirier. Dennoch nehme Musks Unternehmen eine dominante Stellung auf dem Markt für Satellitenkommunikation und Trägerraketen ein. «Auch Russland hat Starlink in der Ukraine zeitweise genutzt, indem es Nutzermodems auf dem Schlachtfeld erbeutete oder diese auf dem Gebrauchtmarkt beschaffte», ergänzt sie. SpaceX habe aber darauf mit einer Whitelist reagiert, die den Zugang dann nur noch auf autorisierte Nutzer und Geräte beschränkte.

IRIS² – ein reines EU-Projekt

Doch was bedeutet das für die Schweiz? «Sie wird keinen Zugang zu den Fähigkeiten von IRIS² haben, da sie kein EU-Mitgliedstaat ist», sagt Poirier. Wie bereits beim Galileo-System könnten Schweizer Unternehmen jedoch spezialisierte Komponenten wie etwa Atomuhren liefern. Doch bisher sei dafür noch nichts fest ausgemacht.

Und ein eigenes Projekt lancieren? Der Aufbau einer eigenen Schweizer Mega-Konstellation im niedrigen Erdorbit würde finanziell wenig Sinn ergeben, erklärt Poirier. «Die Entwicklung von einem oder ein paar wenigen geostationären Satelliten für die Kommunikation wäre dagegen eine realistischere Option.»

Doch selbst für Staaten und Unternehmen, die sich ehrgeizige Satellitenprojekte leisten können, wird eine weitere Herausforderung immer deutlicher: Wie kommen die vielen Satelliten überhaupt ins All? Denn die verfügbaren Startkapazitäten können mit der wachsenden Nachfrage nach Mega-Konstellationen kaum Schritt halten. Amazons Kuiper-Netzwerk hat sich bereits Startplätze auf Europas Rakete Ariane 6 gesichert. Chinas Qianfan-Konstellation, die langfristig 15'000 Satelliten ins All bringen will und bereits über 250 gestartet hat, kämpft dagegen derzeit mit einem Mangel an Startkapazitäten.

Der Transport ist der grosse Engpass.

In den kommenden Jahren könnte sich dieses Problem noch verschärfen. So hat SpaceX angekündigt, die Falcon 9 langfristig durch das Starship-System der nächsten Generation zu ersetzen. Für Betreiber, die stark auf Starts mit der Falcon-Rakete angewiesen sind, schafft dies Unsicherheit. «Der Transport ist der grosse Engpass», sagt Poirier.

Die Nachfrage für den Zugang zum Weltraum steigt momentan rasant. Doch der Ausbau der Raketenproduktion erfordert massive Investitionen, langwierige regulatorische Verfahren und neue Produktionsanlagen. Lieferprobleme bei kritischen Raketenkomponenten haben den Sektor in den vergangenen fünf Jahren zusätzlich belastet.

Bald 100’000 Satelliten im All

Der Weltraum wird in Zukunft noch stärker genutzt. Schon heute gehören mehr als 11'000 der rund 14'000 aktiven Satelliten im All zu Starlink von Elon Musk. Doch SpaceX will noch weiter expandieren und ist damit nicht allein: Auch China, Europa, Russland und private Konkurrenten treiben den Aufbau eigener Mega-Konstellationen voran. Die Europäische Weltraumorganisation ESA geht davon aus, dass bis 2030 bis zu 100’000 Satelliten die Erde umkreisen könnten.

Legende: Spektakel am Himmel: Die Aufnahme zeigt die wachsende Zahl von Satelliten im Erdorbit. Sie entstand aus der Überlagerung von 30 Minuten Langzeitbelichtungen. Die meisten Lichtspuren stammen von Satelliten und diejenige in der Mitte von einem Meteor. imago images/Imagebroker

Der Wettlauf ins All ist damit in eine neue Phase eingetreten. Doch die wachsende Satellitenflotte erhöht auch die Risiken. Mit jedem zusätzlichen Satelliten steigt das Risiko von Kollisionen und Weltraumschrott. Bereits heute kreisen Millionen von Trümmerteilen im Orbit. Und laut Poirier genügt schon ein Objekt von einem Zentimeter Grösse, um einen mehrere Tonnen schweren Satelliten zu zerstören.

Gleichzeitig verschwimmt die Grenze zwischen zivilen und militärischen Anwendungen. Viele der eingesetzten Technologien sind sogenannte Dual-Use-Systeme. Ein Roboterarm, der heute zum Beispiel Weltraumschrott einsammelt, könne morgen auch dazu dienen, einen anderen Satelliten aus seiner Umlaufbahn zu drängen. Und im Weltall, sagt Poirier, gebe es keine Verkehrsregeln wie etwa für Autos auf Strassen oder Flugzeuge im Luftraum.

Source: SRF · Barbara Reye

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