«Aufrecht» war die Partei der Corona-Skeptiker und Esoteriker. Jetzt ist sie fünf Jahre alt. Was ist aus ihr geworden?
Noch immer will die Bewegung weder links noch rechts sein. Noch immer hat sie keinen Erfolg.
03.11.2026, 18.43 Uhr
4 Leseminuten
Aufrecht Schweiz ging aus verschiedenen Organisationen hervor, die die Corona-Massnahmen kritisierten.
Michael Buholzer / Keystone
Ein Edelmetallhändler, ein grüner Bauer, der Aussendienstler eines Impfstoffherstellers, ein Naturheilpraktiker, eine SP-Kantonsrätin.
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Nicht der Anfang eines Witzes, sondern der politischen Bewegung Aufrecht, die im Herbst 2021 gegründet wurde. Damals wüteten noch das Coronavirus und der Abstimmungskampf zum Covid-Gesetz, wogegen nur eine Partei war: die SVP.
Auch als Bundesratspartei hat es die SVP geschafft, staatskritischen Menschen eine politische Heimat zu bieten. Unvergessen, wie der damalige SVP-Magistrat Ueli Maurer in jenem Herbst einmal im T-Shirt der Freiheitstrychler auftrat.
Doch selbst das reichte nicht, um die Massnahmenkritiker einzubinden. Wenige Stunden, nachdem 62 Prozent der Stimmbevölkerung das Covid-Gesetz angenommen hatten, tat sich das Dreamteam der Massnahmen- und Staatskritiker zusammen, um «Aufrecht» ins Leben zu rufen und an Wahlen teilzunehmen.
Die Bewegung warnte, die Schweiz habe aufgrund von Massenpropaganda «totalitäre Züge» angenommen. Sie reklamierte den gesunden Menschenverstand für sich und behauptete, sich von Extremismus abzugrenzen.
Ziemlich genau fünf Jahre ist das her. Heute ist klar: Die Partei ist nicht rechts der SVP vorbeigezogen. Sie ist eher: stehengeblieben.
Viele Kandidaturen
Dabei konnte Aufrecht zunächst die eine oder andere Erfolgsmeldung verkünden. Patrick Jetzer, zu Beginn Co-Präsident der Bewegung, schaffte es 2022 in den Gemeinderat von Dübendorf im Kanton Zürich.
Danach zog Jetzer in die Ostschweiz, wo er als Edelmetallhändler arbeitete. In seinem Online-Shop verkaufte er nicht nur Gold, sondern auch einen Corona-Faktencheck und Pfefferspray. Politisch versuchte Jetzer, über verschiedene Kandidaturen Einfluss zu nehmen. Er wollte in den Nationalrat, den Ständerat, den St. Galler Kantonsrat und den Gemeinderat in Neckertal. Gewählt wurde er nie.
Im April 2024 trat Jetzer als Präsident zurück. Er war müde und enttäuscht vom ausbleibenden Erfolg der Bewegung. Dem «St. Galler Tagblatt» sagte er: «Deutschland hat die AfD, Österreich die FPÖ. Doch die Schweizer Bevölkerung ist noch nicht so weit.»
Mut zur Lücke
Auf Jetzer folgte der Zürcher Remko Leimbach, der heute noch Präsident ist. Der langjährige Gastronom aus Kloten machte vor allem Schlagzeilen mit Veranstaltungen, die er bisweilen selbst moderierte. So traten unter anderem AfD-Politiker, Verschwörungstheoretiker oder der russische Botschafter bei von Leimbach mitorganisierten Events auf.
Zu Medienberichten über einen Anlass mit Abgeordneten der AfD, Mitgliedern der Jungen Tat sowie Neonazis im Dezember 2024 sagt Leimbach heute: «Ich bin nicht vor Ort gewesen.» Als Besitzer der Beiz habe er lediglich die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, er müsse ja auch Geld verdienen. «Und wenn Linke eine politische Diskussion bei mir organisiert hätten, dann hätte ich das auch zugelassen.» Er stellt klar: «Aufrecht hat überhaupt nichts mit der AfD zu tun.»
Leimbach wurde dieses Jahr in den Gemeinderat von Kloten gewählt. Er ärgert sich darüber, dass Aufrecht noch immer mit der Pandemie in Verbindung gebracht wird. «Von mir gibt’s kein Statement, dass sich niemand impfen lassen soll», sagt er. Vielmehr sei es der Bewegung darum gegangen, vor einem Impfzwang zu warnen. Heute giesst er das politische Programm in drei Worte: «Mut zur Freiheit!»
Wobei man auch sagen könnte: Mut zur Lücke. Die politischen Anliegen der Bewegung bleiben vage, wenngleich Leimbach immerhin aufzählt: «Ja zu mehr Freiheit und Eigenverantwortung, Nein zu mehr Staat, mehr Bürokratie und mehr Bevormundung.» Der Weg dorthin soll laut Leimbach nicht über rechts aussen führen. Die Bewegung, die in den sozialen Netzwerken vor allem rechten Parteien folgt, sei «weder links noch rechts».
Der diffuse Auftritt dürfte auch mit den vergleichsweise unprofessionellen Strukturen zu tun haben. Verschiedene Regionalsektionen darben. Jene in St. Gallen zum Beispiel wurde kürzlich aufgelöst, andere sind sehr klein oder praktisch inexistent. Nur rund 1000 Mitglieder zählt die Bewegung gegenwärtig. Leimbach sagt, er sei – obschon Präsident – «bewusst kein Vollblutpolitiker», Politik mache er deshalb «manchmal am Freitag von neun bis elf Uhr am Abend».
Kleine Wahlkreise als Problem
Gegenwärtig sind vier Aufrecht-Politiker in offiziellen politischen Ämtern tätig. Neben Leimbach im Kanton Zürich auch Wolfram Schlebusch als Gemeinderat von Dinhard und Claudia Günthart als Gemeinderätin von Dübendorf. Mit Robin Spiri hat Aufrecht immerhin einen Kantonsparlamentarier: Er sitzt im Grossen Rat von Thurgau.
Der Thurgauer Aufrecht-Kantonsrat Spiri sagt, er sei «extrem realpolitisch unterwegs» und sieht sich folglich nicht als Fundamentalopposition. Er betont die Bedeutung der Institutionen, wenngleich gelte: «Wir sind für einen schlanken Staat und wenig Bürokratie.» Und auch Spiri behauptet, «weder links noch rechts» zu sein. Wie als Beweis gibt er an, sich für Kinderzulagen und eine proportionale Vermögenssteuer eingesetzt zu haben – «klassisch linke Themen». Dank einer Listenverbindung mit der EDU sitzt er in der Geschäftsprüfungs- und der Finanzkommission. Auch im Kanton Zürich wollen Aufrecht und EDU für eine gemeinsame Liste zusammenspannen.
Für einen nationalen Aufwärtstrend dürfte aber selbst Spiris Wahl nicht sorgen. Patrick Emmenegger, Politologe an der Universität St. Gallen, betrachtet Aufrecht noch immer als «Einthemenpartei», die die Schwierigkeit habe, dass ihr Kernanliegen – also die Pandemie – zunehmend in den Hintergrund rücke. Auch sei für solche Kleinstparteien die hiesige Wahlkreisorganisation ein Problem. Will heissen: Weil die Wahlkreise vergleichsweise klein sind, bleibt wenig Platz für kleinere Parteien. Im Kanton St. Gallen etwa stellen grosse Parteien wie die FDP, Mitte oder SP nur jeweils zwei Nationalratssitze. Für einen Sitzgewinn brauchte es da schon eine regionale Hochburg, über die Aufrecht jedoch nicht verfügt.
Bei den nationalen Wahlen 2023 ist Aufrecht in sechs Kantonen angetreten. Nächstes Jahr will es die Bewegung nochmals wissen. Ohne Themenkonjunktur könnte der Partei aber bald der Schnauf ausgehen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renato Schatz
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