Ariel, die neue Bachelorette, stellt sich dumm, verkauft ihre Privatsphäre – und wird dafür gut bezahlt. Sie sagt: «Dieser Deal ist nicht schlecht, oder?»

Begegnung mit einer, die ihr Innerstes brutal nach aussen kehrt.

26.10.2026, 05.30 Uhr

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Ariel provoziert gerne und ist bald als Bachelorette in der Dating-Reality-Show auf 3+ zu sehen.

Ariel provoziert gerne und ist bald als Bachelorette in der Dating-Reality-Show auf 3+ zu sehen.

Filip Stropek

An diesem tristen Montagnachmittag im Oktober deutet in einem Zürcher Café – obschon durchaus hip eingerichtet – relativ wenig auf prominenten Besuch hin. Kein Prunk, kein Chichi. null Aufregung. Dabei wäre ein bekanntes Gesicht da, das gerade einen Medienmarathon absolviert. Diverse Schweizer Portale haben ihre Gespräche schon geführt, am Abend kommt noch das deutsche Privatfernsehen.

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Für Ariel. Ariel who?

Ariel, 23 Jahre alt, ist die neue Bachelorette. Der Sender 3+ versucht es nochmals mit dieser Dating-Reality-Show. Vielleicht ein letztes Mal will man Quoten bolzen. Quoten, von denen sogenannt seriöse Formate nur noch träumen können.

Für die Einschaltquoten soll eine Frau sorgen, die Sätze sagt wie: «Nach mir muss man gar nicht mehr mit der Show weitermachen. Weil es nur noch schlechter werden kann.»

Ariel führt ein Leben als Provokation. Vor allem für ihre Mitmenschen. Gerade in einem Land wie der Schweiz, das sich für seine Zurückhaltung rühmt, kommt das in der breiten Gesellschaft nicht ganz so gut an.

Über solche Personen wird geschnödet: unterirdisches Niveau, billiges Trash-TV, bescheidener Intellekt. Sie sind keine Stars, sondern «Sternchen».

Diese Zuschreibungen amüsieren Ariel. Sie arbeitet mit ihnen. Und verdient viel Geld damit. Einmal, sagt sie, habe sie als Versuchsballon ins Internet gerufen, dass die Erde flach sei. Die Schlagzeilen im Boulevard waren garantiert. Ariel sagt: «Über Blödsinn wird mehr geredet als über Seriöses. Also stelle ich mich dumm. Wenn man mich dafür bezahlt, ist das okay für mich.»

50 000 Franken erhielt sie für ihre Teilnahme am Dschungelcamp, kolportierten Boulevardmedien. Womöglich noch mal annähernd so viel für die «Bachelorette»-Staffel. Daneben verdient sie Geld mit weiteren Shows und Werbeeinnahmen in den sozialen Netzwerken. Das ist viel mehr, als sie mit ihrem Beruf als Fachfrau Betreuung verdienen würde. Darum sagt sie offen: «Bachelorette wollte ich zwar wirklich schon immer werden. Aber den Rest mache ich vor allem wegen des Geldes. Dazu stehe ich.»

Aber Ariel steht für mehr. Heute sind Prominente nicht selten eine Zumutung. Sie ist das beste Beispiel dafür. Ihr Lieblingswort im Dschungel war «peinlich». Sich selbst meinte sie damit nicht.

Das ist, noch immer, gewöhnungsbedürftig in diesem Land. Die alte Schweiz klammert sich noch an Lagerfeuer-Momente; kreiert von Persönlichkeiten, auf die sich alle einigen können – und so als Klammer, ja als Seelsorger, für das ganze Land dienen. Früher Beni Thurnheer oder Röbi Koller, heute Nik Hartmann. Man nennt sie nur beim Vornamen. Man hat das Gefühl, sie zu kennen. Aber tut man es wirklich?

Reality-Stars und Influencer wie Ariel tragen dagegen eine fast schon brutale Offenheit zur Schau. Vor einem Publikum, das so gross ist, wie es sich viele etablierte Medien nur erträumen können. Ariel erreicht über ihre Kanäle weit über eine halbe Millionen Menschen.

Sie nimmt ihre kleine Tochter mit zu den «Bachelorette»-Dreharbeiten. Sie erzählt offen über ihre Männergeschichten («Männer lieben mich, ich bin ein Männermagnet»).

Sie spricht offen über ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter. Dass es derzeit keinen Kontakt gebe. Dass sie sich verraten gefühlt habe, dass die Mutter nach der Trennung ihres Vaters bald einen neuen Partner gehabt habe. Dass sie – auch deswegen – in einem Heim gewesen sei.

Dass sie dabei auch ihre Privatsphäre preisgibt, sie sich angreifbar macht: Das stört Ariel nicht. Das sagt sie zumindest. Die meisten «lieben mich», die Rüpel seien «bloss neidisch». Man weiss nie genau, was ernst gemeint ist und was Provokation. «Was andere mir sagen, ist mir egal. Immer.» Sie wisse, dass sie ihr Leben, auch ihr Inneres, zu einem grossen Teil «verkauft» habe. «Ich lebe gut. Dieser Deal ist nicht schlecht, oder?»

Aber was ist mit der Familie? Der Tochter, die das später alles einmal sehen kann? «Meine Tochter wird stolz sein, dass sie so eine erfolgreiche Mutter hat.» Zweifel werden weggewischt.

Es ist ein schmaler Grat zwischen der Kunstfigur, die sich mit allen anlegt («Ich liebe Schlagzeilen»), und einer normalen jungen Frau mit Problemen, Träumen, Zielen. Sie sagt, sie sei immer dieselbe. Im Privatleben nervten sie nur nicht so viele Menschen. «Dann kann ich mir die Sprüche, den Streit auch sparen.»

Was nicht mehr geht (und was frühere Prominente noch konnten): einfach einmal abtauchen. Ich-AGs wie die heutigen Social-Media-Bekanntheiten können das nicht. Online braucht es immer Nachschub. Ariel weiss das. Sie sagt dann, dass in der Schweiz drei Millionen Menschen wohnen oder vielleicht vier. Grosse Schlagzeile.

Oder dass im Vergleich zu Deutschland der Abfall nicht getrennt würde. Riesengrosse Schlagzeile.

Am Ende gilt: alles für die Klicks, die Aufmerksamkeit. Das ist die Währung der jungen Generation. Was ankommt, wird gemacht. Werte haben wenig Platz. Ein Lagerfeuer ist das nicht mehr.

Klingt einsam. Und gar nicht so spannend. Dabei sagt Ariel interessante Dinge, reflektierte auch. Im Wissen, dass eine Reality-Star-Karriere nicht für immer hält. «Mit vierzig mache ich das sicher nicht mehr, vielleicht ist ja bereits mit dreissig fertig.» Sie plant, eine eigene Kita zu eröffnen. «Ich wäre ja blöd, wenn ich keinen Plan hätte.»

Das unterscheidet sie von vielen ihrer Generation. Sie mag sich niemandem anpassen – keiner Strömung, keinem Trend. Eine Feministin will sie dezidiert nicht sein. Sie kämpft für sich, nicht für Ideologien. Bloss nicht vereinnahmen lassen.

Eher sieht sie sich als «Spiegel der Gesellschaft». Sie sagt: «Ich gebe den Leuten das, was sie wollen.» Keine schlechte Pointe – denn das ist weniger oberflächlich als die Rolle, die auf sie projiziert wird.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Sebastian Briellmann

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