Archäologie im Dilemma Schatzsuche auf dem Gletscher: Warum es auch die Laien braucht
Uralte Holzgeräte, rätselhafte Opfergaben und Spuren längst vergessener Alpenreisender: Die schmelzenden Gletscher fördern uralte Gegenstände zutage. Jetzt sind auch Wanderer gefragt.
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29.10.2026, 11:42
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Mit jedem Sommer zieht sich das Eis im Hochgebirge ein Stück weiter zurück. Was darunter zum Vorschein kommt, öffnet ein Fenster in die Vergangenheit. Der Walliser Archäologe und Gletscherfund-Spezialist Romain Andenmatten birgt Jahrtausende alte Schätze. Doch ohne Unterstützung der Bevölkerung könnten freigelegte Funde unentdeckt bleiben.
Der Ski, der ein Schneeschuh war
Wie die simplen Holzteile am Col de Barberine, die ein aufmerksamer Berggänger 2023 entdeckt und dem Kantonalen Amt für Archäologie im Wallis gemeldet hat. Die ausgerückten Fachleute stiessen auf ein bemerkenswertes Relikt, das rund 2500 Jahre verborgen und im Eis konserviert war, erzählt Romain Andenmatten, Archäologe und Spezialist für Funde im Hochgebirge.
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Bild 1 von 3. Am Col de Barberine kam das skiähnliche Brett zum Vorschein. Bildquelle: zVg Romain Andenmatten.
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Bild 2 von 3. Das skiähnliche Brett wurde im Labor zusammengesetzt. Bildquelle: zVg Romain Andenmatten, Bild: A. Caminada.
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Bild 3 von 3. Archäologe Romain Andenmatten mit 2500 Jahre alten Stück Holz. Bildquelle: RTS Screen.
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Ein skiförmiges Brett aus der Zeit zwischen 515 und 376 vor Christus gelang durch die Eisschmelze an die Oberfläche. Spuren von Seil- oder Lederstücken lassen vermuten, dass das Holz einst an die Füsse gebunden wurde – vermutlich diente es eher als Schneeschuh denn als Gleitgerät, sagt Andenmatten.
Solche Funde werfen ein neues Licht auf die damaligen Menschen und wie sie die Pässe benutzt haben, betont der Archäologe. Die Vorstellung, dass Berge eine unüberwindbare Barrikade bilden, stimme nicht. Im Gegenteil. «Die Hochgebirgspässe waren sehr wichtig für die Leute», um Waren und Personen über die Alpenpässe zu transportieren, so Andenmatten.
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Bild 1 von 3. Am Oberen Theodulgletscher konnten die Überreste eines ganzen Maultiers, das auf dem Eis verendet ist, dokumentiert werden. Die Hufeisen waren noch an den Hufen befestigt. Bildquelle: zVg Romain Andenmatten.
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Bild 2 von 3. Col de la Forcle, Entdeckung einer lanzenförmigen Pfahlspitze aus der Römerzeit, 2. Jahrhundert n. Chr. Bildquelle: zVg Romain Andenmatten.
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Bild 3 von 3. Entdeckung am Restipass 2024. Ein fein gearbeitetes Holzbrett, das der Bronzezeit zugeordneten Gegenständen ähnelt. Bildquelle: zVg Romain Andenmatten.
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Man habe auch militärische Spuren sowie Zeugnisse religiöser Rituale gefunden. Eine kleine Holzstatue etwa oder lanzenförmige Holzpflöcke aus der römischen Epoche des 2. Jahrhunderts nach Christus. Sogar eine alte Holztasse aus der Jungsteinzeit von 4800 vor Christus kam zwischen Bern und dem Wallis zum Vorschein.
Liegenlassen statt einstecken
Wer beim Bergsteigen auf solche Relikte stösst, sollte vor allem eines tun: die Finger davon lassen. «Für uns ist es wichtig, dass wir die Sachen im Kontext finden», erklärt Andenmatten. Die genaue Fundlage im Eis liefert oft mehr wissenschaftliche Erkenntnisse als das Objekt allein.
Um Funde sofort zu melden, wurde vor rund fünf Jahren die Citizen-Science-App «IceWatcher» lanciert. Ursprünglich für das Wallis entwickelt, umfasst sie heute auch die Kantone Bern, Waadt, Uri und Graubünden sowie alpine Regionen in Österreich, Frankreich und Norditalien.
Wettlauf gegen die Zeit
Da in den letzten fünf Jahren fast 20 Prozent des Schweizer Gletschereises geschmolzen sind, drängt die Zeit. Bergungen sind nur in einem kurzen Zeitfenster zwischen Juli und September möglich, sobald der Schnee geschmolzen ist.
Die Chance, etwas Interessantes zu finden, sei nicht so hoch. «Wir können nicht die gesamten Gletscherzonen überwachen», sagt Andenmatten. Er rechnet damit, dass das schmelzende Eis in den nächsten 30 Jahren noch zahlreiche weitere Artefakte freigibt. Um diese sicherzustellen, sind die Archäologen auch auf Laien angewiesen.
«IceWatcher» ist eine Citizen-Science-App für Berggängerinnen und Berggänger. Sie hilft, archäologische Funde an Ort und Stelle zu melden, die durch das Abschmelzen von Gletschern freigelegt wurden. Solche Funde können Holz, Leder, Stoffe, Knochen, Metallobjekte oder sogar menschliche Überreste sein.
Da diese Materialien nach dem Auftauen oft rasch zerfallen, ist eine schnelle Meldung und Sicherstellung durch Fachleute entscheidend.
IceWatcher – Apps bei Google Play
«Wir brauchen dafür die Hilfe von Leuten, die in den Bergen sind», hält der Forscher fest. Wer mit offenen Augen durch die Berge wandert und Funde per App meldet, wird zum Partner der Archäologie. Das macht jeden Sommer in den Alpen zur Schatzsuche. Nicht nach Gold. Sondern nach Geschichten, die das Eis über Jahrtausende bewahrt hat.
Radio SRF 1, 28.10.2026, 07:15 Uhr
Source: SRF · Karin Rüfli
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