Anruf in der Vergangenheit – Alex Schulman erzählt in seinem neuen Roman von den Schrecken der Kindheit
Der schwedische Bestsellerautor und Journalist begibt sich auf die Suche nach Traumata: Die Detektivarbeit, mit der ein Tag im Leben einer Familie rekonstruiert wird, ist eindrücklich.
Rainer Moritz29.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Umkreist in seinen Büchern die eigene Familiengeschichte: der Schriftsteller Alex Schulman.
Martin Pahlmblad / TT / Imago
Was für eine aufregende, was für eine verstörende Vorstellung! Vidar Åkeby, ein in Stockholm lebender Lehrer, räumt seinen Keller auf und stösst auf einen Karton, in dem das alte Adressbuch seines Vaters liegt. Er blättert darin und stösst auf die Rufnummer eines Sommerhauses, das der Familie vor vielen Jahren gehörte. Aus einer Laune heraus wählt er die Nummer und kann nicht glauben, was er hört: In der Leitung ist offensichtlich sein längst verstorbener Vater. Und als er ungläubig seine Anrufe in den nächsten Tagen wiederholt, besteht kein Zweifel mehr: Er spricht mit seiner Vergangenheit, mit seinen Eltern, seiner Schwester Tora und nicht zuletzt mit sich selbst, mit dem achtjährigen Vidar.
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Während in der Gegenwart – Vidar wurde gerade vom Schuldienst suspendiert, weil er beim Schlichten eines Streits zwischen Schülern handgreiflich geworden sein soll – die Zeit voranschreitet, bleibt sie in der Vergangenheit einfach stehen. Sie umfasst nur einen einzigen Tag, den 17. Juni 1986. Unter verdeckten Namen ruft er immer wieder im ehemaligen Sommerhaus an, beginnt die Telefonate zu transkribieren und eine Dokumentation zu erstellen. Denn Vidar spürt mit einem Mal, dass an diesem Frühsommertag, als bei der Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko gerade Deutschland gegen Schottland spielt, etwas Schreckliches vorgefallen sein muss, an das sich weder er noch seine von ihm befragte Schwester erinnern können.
In der Kindheit graben
Alex Schulman, 1976 geboren, zählt in seiner schwedischen Heimat zu den bekanntesten und erfolgreichsten Journalisten und Autoren. Immer wieder umkreist er in seinen Büchern seine Familiengeschichte (wie im Roman «Verbrenn all meine Briefe») und vor allem sein eigenes Aufwachsen, auf der Suche nach Traumata, denen er nur schreibend näherkommt. Dass er im Grunde nur mehr über seine Kindheit schreiben wolle, hat Schulman kürzlich in einem Gespräch bekannt – eine angesichts des autofiktionalen Booms in der Gegenwartsliteratur auf den ersten Blick bedrohlich wirkende Ankündigung.
Zum Glück jedoch ist Schulman ein brillanter Erzähler, den die Absicht, in der «Kindheit zu graben», nie dazu verleitet, eine langatmige, selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem Vergangenen zu Papier zu bringen. Im Gegenteil, Schulman weiss Spannung zu erzeugen. Und in «Jetzt beginnt das Leben» beschreibt er, wie Vidars Erforschung dessen, was an jenem Junitag geschah, zu einem existenziellen Ringen mit seinen seelischen Verletzungen führt.
Während sich Vidar in der Gegenwart auf naive Weise immer mehr ins Unglück reitet, indem er die Kontaktverbote zu dem von ihm angegangenen Schüler ignoriert und vor Gericht muss, geht er akribisch dem nach, was die Ereignisse 1986 mit dem «Zerfall» seiner Familie zu tun haben. Sein Vater, der Liebesaffären in Stockholm unterhielt, ist tot; seine aggressive Mutter, die ihr Leben mit Alkohol ruinierte, liegt inzwischen dement in einem Pflegeheim. In der Familie Åkeby sehnten sich alle nach Zuneigung und Liebe, doch bei der Umsetzung haperte es gewaltig.
Wenige Worte reichen aus
Dem Mittvierziger Vidar gelingt es in genau geplanten Telefonaten, das Vertrauen seines früheren Ichs zu erlangen. Man spricht über Fussball, über Sócrates und Maradona, die grossen Stars jener Tage, über die Comics, die der Junge zu zeichnen beginnt, und über seine Furcht, dass der Vater vom Sommerhaus wieder Richtung Stockholm aufbrechen und die Mutter mit ihren Weinflaschen am Badesteg zurücklassen könnte. So sorgfältig Vidar jede Minute des Tages zusammenträgt, so wenig vermag er lange eine «Leerstelle» zu schliessen, die Zeit zwischen 19.25 und 20.20 Uhr, als die Dinge im Sommerhaus offensichtlich eskalierten und der junge Vidar ausser Rand und Band geriet.
In dieser knappen Stunde muss auch jener Satz gefallen sein, den so viele Jahre später der von Vidar gemassregelte Schüler seinem Lehrer sagte – und der zu dessen blanker Verzweiflung führte. Manchmal braucht es nur wenige Worte, um ein traumatisches Erlebnis heraufzubeschwören.
«17. Juni» heisst Schulmans Roman im Original – ein Titel, der sich aufgrund des Volksaufstands, der an diesem Tag 1953 in der DDR ausbrach, nicht für die deutsche Ausgabe verwenden liess. Rätselhaft bleibt indes, was den deutschen Verlag dazu verleitete, das Buch «Jetzt beginnt das Leben» zu nennen. Der Satz fällt im Roman, wenn der unter Verdauungsproblemen leidende Vater allmorgendlich auf «Entstopfung» hofft und nach erfolgreicher Verrichtung ein beglücktes «Jetzt beginnt das Leben» ausruft. Diese Befreiung auf Vidars Auseinandersetzung mit den Ängsten seiner Kindheit zu beziehen, ist Unsinn.
Zum Glück muss man sich nicht lange mit dem verunglückten Titel aufhalten. Und kann sich bei Alex Schulmans neuem Buch ganz auf die Erzählung konzentrieren. Selten sind Kindheitserinnerungen mit all ihren Abgründen so eindrucksvoll und klug wie hier dargestellt worden.
Alex Schulman: Jetzt beginnt das Leben. Roman. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. DTV, München 2026. 349 S., Fr. 36.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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