Anbauland für Drogen Warum die Opiumproduktion in Afghanistan trotz Verbot ansteigt
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Lange galt Afghanistan als wichtigstes Anbauland für die opiumhaltigen Schlafmohnpflanzen. Dann kamen die Taliban zurück an die Macht und verboten den Anbau im Jahr 2022. Seit da ging die Opiumproduktion in Afghanistan stetig zurück. Aber neue Berichte der UNO und der EU-Drogenagentur zeigen: Die Produktion boomt wieder – trotz des Verbots der Taliban. Südasien-Korrespondentin Maren Peters erklärt wieso.
Maren Peters
Südasien-Korrespondentin
Maren Peters ist seit September 2022 Südasien-Korrespondentin für Radio SRF und berichtet von Indien aus über Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka, Nepal, Bhutan und die Malediven. Zuvor war sie Wirtschaftsredaktorin bei Radio SRF. Dabei beschäftigte sie sich insbesondere mit internationaler Wirtschafts- und Entwicklungspolitik sowie mit Nachhaltigkeits- und Rohstofffragen.
Warum hat die Produktion von Opium wieder zugenommen?
Bauern können mit legalen Produkten wie Früchten oder Weizen deutlich weniger Geld verdienen als mit Schlafmohn. Erst recht, seit im letzten Frühjahr eine Dürre die Ernten in Afghanistan verdarb. Bauern hatten kein oder viel zu wenig Einkommen, blieben auf ihren Schulden sitzen und hatten wegen der allgemeinen Wirtschaftskrise auch keine alternativen Verdienstmöglichkeiten. Die Wirtschaftskrise wurde noch verschärft, weil die Nachbarländer Pakistan und der Iran Millionen afghanischer Flüchtlinge zwangen, nach Afghanistan zurückzukehren. Sie können kein Geld mehr aus dem Ausland schicken und haben kein Einkommen in Afghanistan. Und: Sie konkurrieren um Arbeitsplätze. Die Not führte dazu, dass viele Bauern wieder illegal Schlafmohn anbauen. Aus der Milch der Pflanze wird Rohopium gewonnen, der Grundstoff für die Heroinproduktion. Damit lässt sich viel Geld verdienen, denn die weltweite Nachfrage nach Drogen bleibt gross.
Ist die Not grösser als die Angst vor Konsequenzen?
Ja, vor allem bei den zahlreichen Kleinbauern. Grossbauern in den Hauptanbaugebieten im Südwesten Afghanistans zehren noch von den grossen Lagerbeständen an Rohopium, die sie vor dem Verbot angelegt haben. Aber die vielen Kleinbauern, die keine eigenen Felder haben, haben oft keine andere Wahl als wieder Schlafmohn für die Drogenproduktion anzubauen, wenn sie ihre Familien ernähren wollen. Die Lage ist für viele prekär, denn ausgerechnet in Zeiten grosser Not haben internationale Geldgeber wie das Welternährungsprogramm der UNO, ihre humanitäre Hilfe für Afghanistan mangels Spendengeld massiv gekürzt. Allerdings scheinen die Taliban den Mohnanbau angesichts der Not seit letztem Jahr auch eher zu tolerieren, heisst es in den Berichten – zumindest den Kleinanbau rund um die Bauernhöfe. Gut möglich, dass sie damit versuchen, politische Unruhen in den Provinzen zu vermeiden.
Der Anbau von Opium hat sich auch in die Nachbarländer verschoben, wie die Berichte gestützt auf Satellitenaufnahmen aussagen. Die Aufnahmen zeigen, dass die Mohnproduktion vor allem im grenznahen Pakistan und in der Unruheprovinz Belutschistan massiv ausgeweitet wurde und neuerdings auch in der Grenzregion im Iran.
Viele afghanische Bauern seien in diese unruhigen Gebiete jenseits der schwer zu kontrollierenden, langen Grenze zu Pakistan und dem Iran ausgewichen, um dort ihren Schlafmohn anzubauen. Sie pachteten Land jenseits der Grenze, die Landbesitzer in Pakistan und dem Iran erhielten dafür einen Anteil an der Ernte.
Begünstigt wird dieser illegale Drogenanbau jenseits der Grenze durch die wachsende Instabilität in der ganzen Region. Das ist unter anderem eine Folge des Iran-Krieges und des gewaltreichen Dauerkonflikts zwischen Pakistan und Afghanistan.
Was bedeutet es, wenn die Opiumproduktion zunimmt?
Es bedeutet einerseits mehr Einkommen für die Bauern und Drogenproduzenten. Es bedeutet aber auch mehr Einnahmen für Terroristen, die sich auch mit Drogenverkäufen finanzieren. Das könnte zu noch mehr Gewalt in einer Region führen, die schon jetzt durch Kriege und Terroranschläge erschüttert wird. Für Europa könnte es bedeuten, dass noch mehr Drogen aus Afghanistan und benachbarten Regionen den Markt überschwemmen. Je mehr produziert wird, desto tiefer der Preis.
Ist die Drogenproduktion für Afghanistan alternativlos?
Sie ist alternativlos, solange sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Aber so lange die Wirtschaft lahmt, so lange Dürre und andere Probleme Bauern das Leben schwer machen, solange die Taliban und die internationale Gemeinschaft den Bauern keine wirtschaftlichen Alternativen oder Unterstützung, zum Beispiel in Form von Krediten, bieten, und solange die Nachfrage nach Drogen hoch bleibt, so lange werden viele Bauern auf Opium setzen, um Geld zu verdienen. Das Anbauverbot allein beseitigt keine Armut und löst keine Probleme.
SRF 4 News, 30.10.2026, 6:45 Uhr ; srf/bitd/flal;noes
Source: SRF · 31.10.2026, 19:03
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