Am Berg zurückgelassen: 17-Jährige harrt nachts an der Zugspitze aus, 20-Jähriger gerät bei Schneefall in Not

Die Generation Z liebt Klettersteige – und unterschätzt deren Gefahren. Immer wieder geraten junge Menschen in lebensgefährliche Situationen.

06.11.2026, 15.00 Uhr

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Der Stopselzieher-Klettersteig ist der kürzeste und direkteste Anstieg von Österreich auf die Zugspitze.

Der Stopselzieher-Klettersteig ist der kürzeste und direkteste Anstieg von Österreich auf die Zugspitze.

Matthias Schrader / AP

Eine Seilschaft ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, heisst es im Bergsteigen. Doch wie die jüngsten Ereignisse zeigen, gerät diese Regel offenbar in Vergessenheit. Statt zusammenzuhalten, lassen manche Berggänger ihre Kameraden in lebensgefährlichen Situationen zurück. Sie sind bemerkenswert jung.

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An der Zugspitze musste am vergangenen Wochenende eine 17-jährige Deutsche gerettet werden. Zusammen mit einem 21-Jährigen war sie nachts auf einem Klettersteig unterwegs. Als heftiger Schneefall einsetzte, gerieten die beiden auf 2500 Metern in Not. Der Mann stieg ab und liess seine Begleiterin bei minus zwölf Grad allein zurück.

Die Jugendliche aus Baden-Württemberg alarmierte am Sonntagmorgen um zehn Uhr die Bergrettung. Sieben Retter stiegen von der Bergstation der Zugspitzbahn zu der unterkühlten Frau ab. Später brachte ein Helikopter sie ins Klinikum Garmisch, das sie nach einer Erstuntersuchung wieder verlassen konnte.

Der Fall weckt Erinnerungen an den Grossglockner-Prozess, bei dem ein 36-jähriger Bergsteiger seine Freundin am höchsten Berg Österreichs zurückliess. Kurz vor dem Gipfel stieg er alleine ab, seine Partnerin starb an Unterkühlung. Vergangenen Februar wurde er wegen grobfahrlässiger Tötung verurteilt.

Warum die 17-Jährige von ihrem 21-jährigen Begleiter an der Zugspitze zurückgelassen wurde, ist derzeit nicht bekannt. Die Tiroler Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Gefährdung der körperlichen Sicherheit.

Fatale Selbstüberschätzung

Am vergangenen Wochenende ging in Österreich ein weiterer Notruf eines allein gelassenen Berggängers ein. Ein 20-jähriger Deutscher steckte im Bundesland Salzburg im Klettersteig Königsjodler fest. Während er die Rettung alarmierte, ruhten seine beiden Kollegen im Winterraum der Berghütte aus.

«Dass Berggänger einander in gefährlichen Situationen zurücklassen, kommt in letzter Zeit leider immer wieder vor», sagt Gerhard Kremser, Bezirksleiter der Pongauer Bergrettung. Selbst wenn es einvernehmlich passiere, sei es ein absolutes «No-Go»: «Ohne Handyempfang oder mit leerem Akku hätte der Mann die Nacht nicht überlebt.»

Überhaupt trafen die drei jungen Männer eine Fehlentscheidung nach der anderen. Der Königsjodler im Hochkönigmassiv zählt mit rund 1700 Metern und geschätzten elfeinhalb Stunden zu den längsten und anspruchsvollsten Klettersteigen Österreichs. Die Berggänger brachen jedoch erst am Samstagmittag auf und ignorierten die schlechten Wetterprognosen.

«Konditionell waren sie vielleicht fit, aber an der Ausrüstung sah man sofort, dass es keine Alpinisten waren», sagt Kremser. Sie trugen weder Kletterhelme, noch hatten sie Steigeisen bei sich. Eine erfahrene Bergsteigerin habe die Gruppe am Nachmittag gewarnt, dass die Tour unter diesen Bedingungen nicht machbar ist, sagt Kremser. «Daraufhin behaupteten sie, sie seien erfahrene Alpinisten und hätten alles im Griff. Später wurde klar, dass das keineswegs der Fall war.»

Auf 2600 Metern trennten sich die Männer. Es war dunkel, und Schneefall setzte ein. Der 20-Jährige war erschöpft und kam nicht mehr voran. Seine Begleiter stiegen die letzten 300 Höhenmeter bis zum Matrashaus allein auf und übernachteten dort im Winterraum.

Der Zurückgelassene wollte den Klettersteig durch den Notausstieg verlassen – ein unmögliches Unterfangen im hochalpinen Gelände, bei Schneefall, Dunkelheit und ohne passende Ausrüstung. «Das war fatale Selbstüberschätzung», sagt Kremser, «bei einer soliden Tourenplanung weiss man, dass dieser Abstieg lebensgefährlich ist.»

Die Bergung des 20-Jährigen dauerte vierzehn Stunden. Neuschnee, Kälte und schlechte Sicht erschwerten die Arbeit der Rettungskräfte und machten sie lebensgefährlich. Haben die drei sich leichtfertig auf die Rettungskräfte verlassen? Kremser glaubt das nicht: «Viele denken schlichtweg nicht weit genug voraus und besitzen bei der Tourenplanung keinen Plan B für den Ernstfall.»

Mangelnde Vorbereitung, die Unterschätzung der Tour und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten seien heute der Hauptgrund für Rettungseinsätze. Das betrifft laut Kremser nicht nur die Jungen, sondern sämtliche Altersgruppen, Männer und Frauen, verschiedenste Nationalitäten.

Für den Sonnenaufgang nachts auf dem Klettersteig

Auch die 17-Jährige und der 21-Jährige an der Zugspitze waren schlecht vorbereitet und überschätzten sich. Sie wählten den Klettersteig Stopselzieher, der von der österreichischen Seite auf den höchsten Berg Deutschlands führt. «Für die Verhältnisse und diese Route waren sie zu unerfahren», sagt Robin Lutnig von der Bergrettung Ehrwald. Schnee, vereiste Passagen und Dunkelheit verwandelten den Stopselzieher in ein lebensgefährliches Abenteuer.

Die Route führt über steiles alpines Gelände und über Felspassagen auf den Gipfel auf 2962 Meter. Obwohl der Klettersteig technisch wenig schwierig ist, verlangt er Erfahrung in den Bergen. Bei winterlichen Bedingungen wird von einer Begehung grundsätzlich abgeraten.

Immer mehr unerfahrene Berggänger wagen sich auf den Klettersteig. Laut Lutnig sind die meisten jünger als 25 und erst seit kurzem in den Bergen unterwegs. Bereits am Vortag retteten die Bergretter vier junge Erwachsene aus dem Steig. «Sie waren viel zu spät gestartet und völlig unvorbereitet», sagt Lutnig. Wie die beiden Deutschen brechen viele mitten in der Nacht auf, um den Sonnenaufgang auf der Zugspitze zu erleben.

In den vergangenen Monaten verunglückten gleich zwei junge Bergsteiger am Stopselzieher tödlich. Im Mai stürzte ein 19-jähriger Deutscher ab und starb. Er wollte mit einem Freund den Sonnenaufgang sehen, rutschte beim Queren eines Altschneefelds aus und fiel in die Tiefe. Im Dezember 2025 kam ein weiterer 19-Jähriger ums Leben, als ihn ein Schneebrett mitriss. Lutnig sagt: «Das gab es vorher nicht in diesem Ausmass.»

Lutnig sagt, Beiträge in den sozialen Netzwerken trügen dazu bei, dass der Klettersteig bei Jungen beliebt sei – und die Risiken verharmlost werden. Dem pflichtet auch Kremser von der Pongauer Bergrettung bei. Er sagt: «Die Leute sehen Videos, die bei optimalen Wetter- und Routenverhältnissen produziert wurden. Sie machen es ihnen nach, ohne zu bedenken, dass die Bedingungen vor Ort völlig anders sein können.»

Und manche glorifizierten die Gefahr sogar. Zuletzt posteten drei junge Männer auf Instagram ein Video, das zeigt, wie sie in der Nacht auf Allerheiligen den Stopselzieher erklimmen – bei Schneefall und schlechter Sicht. Das Video ist mit Hip-Hop-Musik unterlegt, es hat 160 000 Aufrufe.

Am Schluss erscheint für weniger als eine Sekunde noch der Hinweis: «Inhalte stark verkürzt. Jeder handelt auf eigene Verantwortung. Bergsteigen kann tödlich sein.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ines Häfliger

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