Alle ausser Amaudruz: Was hat die SVP gegen ihre Genfer Bundesratskandidatin?
Sie hat als Erste ihre Kandidatur bekanntgegeben. Seither scheint es, als wolle die Partei sie verhindern. Nun deutet sich ein Bruch mit der Westschweizer SVP an.
27.10.2026, 05.30 Uhr
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Céline Amaudruz hat als Erste ihre Kandidatur für den frei werdenden Bundesratssitz der SVP bekanntgegeben.
Martial Trezzini / Keystone
Lange schien für Céline Amaudruz vieles nach Plan zu laufen. Auf der Suche nach einer Nachfolge für den zurücktretenden Guy Parmelin forderten viele eine Person aus der Romandie, am besten eine Frau. Auf den ersten Blick war Amaudruz die ideale Kandidatin.
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So war es dann auch Amaudruz, die als Allererste ihre Kandidatur verkündete. Ihre Konkurrentinnen Esther Friedli, Natalie Rickli und Magdalena Martullo-Blocher verzichteten auf Kandidaturen. Weitere Romands meldeten sich vorderhand nicht. So schien klar: Amaudruz hat freie Bahn, zumindest für das SVP-Ticket zuhanden der Bundesversammlung.
Doch kurz vor Ablauf der Anmeldefrist am vergangenen Freitag meldeten sich plötzlich aus allen Landesteilen Kandidaten, die Bundesrat werden wollen, aus dem Oberwallis sogar zwei. Am Sonntag dann erschienen in der Deutschschweizer Presse abermals viele kritische Berichte über Amaudruz. Es wirkte, als laute das Motto der SVP: «Alle ausser Amaudruz.»
Der Walliser Nationalrat Jean-Luc Addor behauptet: «Es läuft eine unwürdige Zerstörungskampagne gegen Céline.» Daran bestehe kein Zweifel. Addor spricht von einer «Operation», die ihren Ursprung innerhalb der SVP habe, «und sie trifft auf Resonanz in den Medien».
Hat die SVP tatsächlich ein Komplott geschmiedet?
Geldadel und eine Debatte aus dem Jahr 2017
Dass die Vorbehalte gegenüber Amaudruz parteiintern gross sind, ist sicher. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.
Es fängt bei Amaudruz’ Herkunft an, dem Genfer Geldadel, der nicht unbedingt Stammgast ist bei einer SVP-Hundsverlochete. Ein SVP-Nationalrat sagt, Amaudruz stamme aus einem gewissen Milieu, und das merke man ihr im Umgang an, im Zwischenmenschlichen. So gibt es SVP-Parlamentarier, die seit einem Jahrzehnt mit ihr im Parlament sitzen, sie aber kaum kennen wollen.
Das sind die (bei derartigen Wahlen nicht zu unterschätzenden) weichen Faktoren. SVP-Exponenten missfällt aber auch, dass Amaudruz da und dort von der Parteilinie abgewichen ist. Als sie die Individualbesteuerung unterstützt hat etwa. Oder wenn sie in der grossen Kammer für Frauenanliegen stimmte. Letzteres zum Missfallen eines SVP-Parlamentariers, der glaubt, Amaudruz habe das nicht aus Überzeugung getan, sondern aus Kalkül: um Stimmen für eine allfällige Bundesratswahl zu sammeln. Ihr werden schon lange Bundesratsambitionen nachgesagt.
Verwiesen wird zudem auf eine Debatte im Jahr 2017, als Amaudruz sagte, auch sie sei schon von Männern unangemessen behandelt worden. Laut Medienberichten soll Amaudruz bei einer Sitzung vom damaligen Fraktionspräsidenten Adrian Amstutz kritisiert worden sein, weil sie keine Namen genannt habe. Somit hätten Männer generell unter Verdacht gestanden.
Schliesslich sorgt auch die gegenwärtige Berichterstattung um Amaudruz’ berufliche Tätigkeiten für Diskussionen. Bei der Bank Reyl etwa, ihrem ehemaligen Arbeitgeber, sollen Mängel in der Geldwäscheabwehr geherrscht haben. Jüngst waren in der Sonntagspresse Amaudruz’ Mandate Thema: Der Aktionärsberater Ethos empfahl im «Tages-Anzeiger» dem Getreideverarbeiter Groupe Minoteries, Amaudruz als Verwaltungsratspräsidentin abzuwählen, weil ihre’ Familie dort Grossaktionärin ist. Amaudruz sei deshalb nicht unabhängig. Für beide Unternehmen hat sie sich in Form von Vorstössen auch schon politisch eingesetzt.
Aber Amaudruz erhält auch Unterstützung. Maya Graf, Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F und Grünen-Ständerätin für den Kanton Basel-Landschaft, sagte in den Zeitungen von CH Media, Amaudruz habe den «Mut gehabt, als Erste anzutreten» – und werde nun «richtiggehend niedergeschrieben». Währenddessen würden die Männer «bislang mit Samthandschuhen angefasst».
Befürworter von Amaudruz sagen auch, sie stimme bei allen Kernthemen der SVP wie Sicherheit und Neutralität stets auf Parteilinie ab. Weiter stelle sie sich seit Jahren als loyale Teamplayerin in den Dienst der Partei, etwa als Vizepräsidentin der SVP Schweiz. Auch könne man ihr nicht gleichzeitig vorwerfen, ein «Leichtgewicht» zu sein, wie die «Weltwoche» schrieb, und zu viele gutbezahlte Mandate zu haben.
Dettling sieht fünf Lateiner
Aber sind die SVP-Granden wirklich so weit gegangen, ihnen genehme Parteifreunde zu Kandidaturen zu überreden, um Céline Amaudruz zu verhindern?
Die «Sonntags-Zeitung» behauptete das in Bezug auf die Kandidaturen des Wallisers Franz Ruppen sowie des frankofonen Berners Pierre Alain Schnegg. Ruppen wurde öffentlich von Esther Friedli ermutigt. Der Walliser Nationalrat Jean-Luc Addor jedenfalls glaubt, dass die Kandidaturen von Minderheitsvertretern als Vorwand dienen könnten, um die Romande Amaudruz auf dem SVP-Ticket zu verhindern.
So verzweifelt, wie es zeitweise den Anschein machte, ist die Kandidatensuche aber nicht verlaufen. Mitte Oktober und damit eine Woche vor Ablauf der Anmeldefrist traf sich die Partei im freiburgischen Bulle zur Delegiertenversammlung. Zu jenem Zeitpunkt war Amaudruz noch immer die einzige offizielle Kandidatin.
Panik habe jedoch nicht geherrscht, das sagen verschiedene SVP-Vertreter. Der Parteipräsident Marcel Dettling etwa sagt, schon kurz nach Amaudruz’ Kandidatur sei klar gewesen, dass weitere Kandidaten ins Rennen steigen würden. «Aber vor so einer Kandidatur müssen erst noch einige Dinge sauber abgeklärt werden.» Man müsse mit der Kantonalpartei Rücksprache halten oder mit der Familie und dem Arbeitgeber sprechen.
Dettling rechnet fünf der acht Kandidaten der lateinischen Schweiz zu: neben Amaudruz und den Tessiner Marco Chiesa auch die beiden Oberwalliser Franz Ruppen und Michael Graber sowie den Bern-Jurassier Pierre Alain Schnegg. Das klingt bereits wie eine Argumentationslinie, um Amaudruz auf dem Ticket zu verhindern.
«Eine chaotische Lage»
Der Koordinator der Westschweizer SVP, Kevin Grangier, wundert sich auch wie der Nationalrat Addor zwar über den heftigen Widerstand gegen Céline Amaudruz. Aber eine konzertierte Aktion will er hinter all den plötzlichen Kandidaturen nicht erkennen. «Ich sehe kaum eine Strategie, nur eine chaotische Lage.»
Grangier sagt, dass die «Kampagne» gegen Amaudruz offensichtlich so manchem Interessierten gezeigt habe: Vielleicht sind die Würfel noch nicht gefallen, und meine Kandidatur hätte eine Chance. Der SVP-Stratege predigte stets für eine einzige frankofone Kandidatur, um parteiintern die Chancen der Welschen zu maximieren. Nun gesteht er, dass er womöglich vorschnell eine Kandidatur des frankofonen Berners Schnegg ausgeschlossen habe.
Mehrere prominente welsche SVPler haben für viele der sieben Kandidaturen wenig Verständnis. Diese handelten aus purem Opportunismus, sagen sie hinter vorgehaltener Hand. Es gehe ihnen nur um mehr Bekanntheit, um eine gute Startposition für andere Wahlen oder schlicht um ihre Eitelkeit – bei zugleich äusserst geringen Chancen, aufs SVP-Ticket gewählt zu werden, geschweige denn in den Bundesrat.
Am Freitag jedenfalls hat im SVP-Rennen für den Bundesrat ein neues Spiel begonnen. «Es gibt nun keinen Favoriten mehr wie zuvor Céline Amaudruz», sagt Kevin Grangier. Entsprechend müssen nun Strategien angepasst werden.
In Amaudruz’ Umfeld heisst es zum Beispiel, auf dem SVP-Ticket sollten am besten nicht nur zwei, sondern mindestens drei Namen stehen. So seien die Chancen für Amaudruz höher – sofern sie es überhaupt auf das Ticket ihrer Partei schaffe.
Denn bei einem Zweierticket mit Amaudruz könnte der geballte Widerstand gegen die Genferin ihrem Konkurrenten zugutekommen. Bei einem Dreier- oder gar Viererticket hingegen würde sich der Widerstand auf mehrere Personen verteilen. Und somit an Wucht verlieren.
Am 20. November entscheidet die SVP-Fraktion, wer auf das Ticket kommt. So oder so scheint es gerade, als deute sich ein kleiner Bruch zwischen der Deutschschweizer und der Westschweizer SVP an.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Sander, Renato Schatz
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