Alice Schwarzer beendet «Emma» – die Themen indes haben sich nicht erledigt
Nach fast 50 Jahren verschwindet das einzige ernstzunehmende deutschsprachige feministische Magazin. Mit der Zeitschrift etablierte sich Alice Schwarzer als Deutschlands wirkungsmächtigste Feministin.
21.10.2026, 15.21 Uhr
4 Leseminuten
«Emma» geht als Alice Schwarzers Baby in die Verlagsgeschichte ein.
Henning Kaiser / DPA
Noch zwei Ausgaben werden erscheinen, die letzte am 8. Dezember. Das gab am Dienstag die Chefredaktorin und Herausgeberin Alice Schwarzer bekannt. Damit bleibt die Geschichte von «Emma» nun exklusiv verknüpft mit Deutschlands grosser Feministin. Trotz allen gegenteiligen Beteuerungen im Laufe der Jahrzehnte seitens Schwarzer. Nachdem ein Versuch, eine Nachfolgerin aufzubauen, gescheitert war, blieb es bei einer One-Woman-Show mit kleinem Redaktionsteam. Schwarzer begründete die Schwierigkeiten, eine Nachfolgerin zu finden, damit, dass die junge Frauengeneration nicht mehr ein solches Pensum stemmen wolle.
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Bilanz mit «50 wichtigsten Themen»
Wenngleich es allgemein heisst, niemand sei unersetzlich, so ist es in diesem Fall vermutlich aber doch so, dass Schwarzers intellektuelle Präsenz, journalistische Hingabe und medientaktische Cleverness einzigartig bleiben; «Emma» geht als Schwarzers Baby in die Verlagsgeschichte ein. Schwarzer hatte immer wieder betont, dass es diese feministische Zeitschrift nie hätte geben können, wenn sie Kinder gehabt hätte. Die letzte Ausgabe soll doppelt so umfangreich sein wie sonst, damit will die Redaktion entlang der «wichtigsten 50 Themen» Bilanz ziehen.
Der Idee von «Emma» voraus ging einst eine aufsehenerregende, berühmt-berüchtigte publizistische Initiative Schwarzers: ihre «Stern»-Aktion von 1971 mit der Schlagzeile «Wir haben abgetrieben!», bei der 374 Frauen, unter ihnen Romy Schneider und Senta Berger, angaben, illegal abgetrieben zu haben. Es war ein Weckruf des Feminismus – und es war ein Fake. Schwarzer beispielsweise hatte gar nicht abgetrieben. Was als persönliches Bekenntnis daherkam, war eine politische Provokation und ein journalistischer Coup. 1975 erschien ihr Buch «Der ‹kleine Unterschied› und seine grossen Folgen», ein Klassiker der feministischen Literatur, in dem die Autorin das Verständnis von weiblicher Sexualität und das Machtverhältnis der Geschlechter fundamental infrage stellte.
Glamourfrei und kämpferisch: Mit diesem publizistischen Selbstverständnis gründete die damals 35-jährige Schwarzer sechs Jahre später auch das Magazin «Emma» (wie «Emanzipation»). Die erste Auflage von 200 000 Exemplaren war sofort vergriffen. Die Vorurteile waren gross, das Echo positiv überrascht, aber viele zweifelten auch, dass sich so ein Projekt werde halten können.
Es hat funktioniert: Seit seinen Anfängen führte das Heft ein unüberhörbares und unverrückbares Nischendasein in der deutschen Verlagslandschaft. Viele Titelgeschichten und Themenhefte sind legendär und markieren die emanzipatorischen Knackpunkte ihrer Zeit.
Grosse Gesellschaftsdebatten ausgelöst
Was Frauen diskreditiert, unterdrückt oder gefährdet, wird durchbuchstabiert und angeprangert. «Emma» setzt Themen: der Paragraf 218, Pornografie, Helmut Newtons Fotos, sexistische Zeitschriftencover. Das journalistische Credo der «Stern»-Aktion praktiziert Schwarzer auch bei «Emma». Politischer Aktivismus, Story und gesellschaftliche Aktion gehen Hand in Hand. Zum Beispiel, als Schwarzer und neun Mitstreiterinnen – «Wir klagen an» – 1978 gegen den damaligen «Stern»-Chefredakteur, Henri Nannen, sowie Gruner + Jahr, den Verlag von Deutschlands damals auflagenstärkstem Magazin, rechtlich vorgingen. Die Begründung lautete, die «Stern»-Titelseiten zeigten Frauen «als Objekt männlicher Lust», seien erniedrigend und verfolgten eine «Perpetuierung bestehender Machtverhältnisse» zwischen den Geschlechtern. Das Landgericht Hamburg wies die Klage ab, aber die Frauen werteten das Ganze wegen des öffentlichen Aufsehens und der ausgelösten Debatte trotzdem als Erfolg.
Es war nicht die einzige grosse Gesellschaftsdebatte, die «Emma» auslöste. Und es war die Zeit, als Männer aufgefordert wurden, sich zur Empfängnisverhütung sterilisieren zu lassen; Frauen dagegen sollten auch dazulernen, beispielsweise wie man verstopfte Abflüsse wieder flottmacht. Der Furor generierte aber auch Zweifelhaftes wie die These, dass Frauen «alle ein und derselben sozialen Klasse» angehörten.
Schwarzer wurde zur bekanntesten Protagonistin der deutschen Frauenbewegung, und ihre Publikation schrieb über den feministischen Kampf hinaus Mediengeschichte. Ihre Forderungen waren immer radikal, aber in der letzten Dekade hörte man oft den Ruf nach Verboten, bei Prostitution oder Kopftuch etwa.
In jüngster Zeit gab es auch geistige Tiefflüge wie die Verleihung der «Emma»-Auszeichnung «Sexist Man Alive 2024» an die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Es war eine persönliche Herabwürdigung, die gerade Schwarzer nicht gut anstand, die ihr Leben lang unter der Gürtellinie verletzt und geschmäht wurde.
Auch Schwarzers Russland-freundliche Haltung im Krieg gegen die Ukraine kostete «Emma» viele Abonnements, was Schwarzer seltsam erstaunt zugab.
Beim Erscheinen war «Emma» als eine feministische Frauenzeitschrift ein Novum in der Medienlandschaft und Wegbereiterin: Es folgten im öffentlichrechtlichen Fernsehen Magazinformate, die Frauen als Zielgruppe für sich entdeckten.
Die Auflage der werbefreien «Emma» ging in den letzten Jahren entsprechend der Entwicklung in der Zeitschriftenlandschaft zurück. In den vergangenen Jahren waren es laut Schwarzer noch 40 000 gedruckte Exemplare und über 20 000 Abonnentinnen.
Links: Die erste Ausgabe der Emma erschien im Februar 1977. Rechts: Die letzte Ausgabe der Emma.
Abschied mit Wehmut
Die Themen von «Emma» haben sich nicht erledigt, wie man am Beispiel der Abtreibungsdebatte sieht. Deshalb ist dieser Abschied von einem Magazin, das sich die feministische Perspektive wie kein anderes auf die Fahnen geschrieben hatte, auch von Wehmut begleitet.
Wirtschaftliche Gründe seien nicht ausschlaggebend, teilte Schwarzer am Mittwoch bezüglich der Einstellung der Publikation mit. «Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben», versicherte die 83-jährige Autorin. Sie ist Vollblutjournalistin und einzigartiges Selbstvermarktungs-Talent zugleich und gestand auch schon einmal, wenn sie im Fernsehen sei, überlege sie sich eine Strategie, wie sie «Emma» im Gespräch halten könne. Für Überraschungen war sie immer gut, aber in Zeiten der sozialen Plattformen konkurrierte auch Alice Schwarzer mit der täglichen Aufreger-Maschine.
Das Ende von «Emma» kommt jetzt nach all der Zeit und dem grossen Kampfgeist doch irgendwie überraschend. Wahrscheinlich gilt die Erklärung, die Alice Schwarzer schon vor ein paar Jahren schlicht und ergreifend gab, als man sie auf die Zukunft von «Emma» ansprach: «Ich mache es, solange ich kann.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Claudia Schwartz
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