Alexander Zverev wird die Nummer eins – und Boris Becker ist wieder sein grösster Fan

Die deutsche Tennislegende begleitet Zverev seit je sehr eng. Er ist Förderer und scharfer Kritiker zugleich. Mit den jüngsten Erfolgen des 29-Jährigen wandelt sich ihr ambivalentes Verhältnis einmal mehr.

29.10.2026, 20.24 Uhr

6 Leseminuten

Aktualisiert


Alexander Zverev scheitert in Schanghai im Halbfinal: Die Ehre als Nummer eins ist ihm dennoch sicher.

Alexander Zverev scheitert in Schanghai im Halbfinal: Die Ehre als Nummer eins ist ihm dennoch sicher.

Alex Plavevski / EPA

«Herzlichen Glückwunsch, Sascha!!!», schrieb Boris Becker am 6. Oktober auf X, nur wenige Stunden nachdem der Tennisspieler und Weltranglistenerste Jannik Sinner verletzungsbedingt sein Saisonende bekanntgegeben hatte.

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Rechnerisch war Alexander «Sascha» Zverevs Aufstieg zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher. Erst sechs Tage später, nach Carlos Alcaraz’ Niederlage in der dritten Runde des Masters-Turniers in Schanghai, stand fest: Zverev wird als 30. Spieler der Geschichte die Nummer eins der Welt – 35 Jahre nach Becker – und zugleich als erster deutscher Mann eine Saison an der Spitze der Weltrangliste beenden. Am Montag, 2. November 2026, steht er dort auch offiziell.

Seit fast einem Jahrzehnt schwebt Becker über Zverevs Karriere wie der personifizierte Massstab dafür, wie gross die Fussstapfen eines deutschen Tennisstars sein können. Becker wechselte dabei oft die Rollen: mal stolzer Förderer, mal väterlicher Mentor, dann wieder scharfer Kritiker.

Zurzeit spielt Becker die Rolle von Zverevs Verteidiger. Die Behauptung, dieser profitiere in letzter Zeit nur von der Abwesenheit seiner ärgsten Konkurrenten, bezeichnete er in seinem Podcast mit Andrea Petkovic als «totalen Schwachsinn». Der Status als Nummer 1 sei «hochverdient».

Noch vor einem Jahr nannte Becker Zverev ein «Sorgenkind», sah ihn sportlich stagnieren und kritisierte dessen Umfeld. Zverev konterte, Becker suche über ihn Aufmerksamkeit; dessen Meinung sei ihm «latte». Ihr Verhältnis änderte sich immer wieder infolge Zverevs sportlicher Entwicklung – und Beckers öffentlichen Urteils darüber.

Zverev im Schatten der Nostalgie

Becker erzählt gern, wie er den jungen «Sascha» kennenlernte. Zunächst entdeckte er dessen älteren Bruder Mischa und förderte ihn. Bei einem Treffen sah er dann den fünfjährigen Alexander. Je nach Beckers Erzählung pries der Vater oder Mischa an, dass der Kleine das noch viel grössere Potenzial habe: sogar das einer künftigen Nummer eins.

Als Becker ab 2017 im Deutschen Tennisbund die Verantwortung für das Männertennis übernahm, intensivierte sich der Austausch mit Zverev weiter. Becker schlüpfte in die Rolle des Mentors, begleitete ihn oft zu Turnieren. Ratschläge gebe er aber privat, nicht öffentlich, sagte Becker damals bei Eurosport. Das änderte sich bekanntermassen. Becker trat parallel immer häufiger als TV-Experte in Erscheinung.

Den 20-jährigen Zverev nannte Becker 2017 in der «Sport Bild» «von der Veranlagung her den Besten der Nachfolgegeneration». Zugleich warnte er: «Es kann auch noch alles schiefgehen.» Er müsse etwas gewinnen, «und gewinnen heisst: Grand-Slams». Becker entwickelte sich vom Förderer zum Forderer.

Boris Becker sah Zverev früh als «Diamanten»: hier im Gespräch beim Davis-Cup-Duell gegen Australien 2018.

Boris Becker sah Zverev früh als «Diamanten»: hier im Gespräch beim Davis-Cup-Duell gegen Australien 2018.

Juergen Hasenkopf / Imago

Doch Beckers Schatten liess Zverevs beachtlichen Aufstieg fast so wirken, als würde er auf der Stelle treten. Mit 17 erreichte Zverev in seinem Heimturnier in Hamburg den Halbfinal, Becker hatte im gleichen Alter Wimbledon gewonnen. Mit 23 war Becker fünffacher Major-Sieger und Weltranglistenerster. Zverev hatte bis dahin drei Masters-1000-Titel und die ATP-Finals gewonnen, aber noch keinen Major-Final erreicht.

Das schwere Erbe übermächtiger Vorgänger ist im deutschen Sport kein Einzelfall. In der Formel 1 wurde Sebastian Vettel stets an Michael Schumacher gemessen. Angelique Kerber blieb trotz drei Major-Siegen «nur» die erfolgreichste Tennisspielerin seit Steffi Graf. Es ist ein Fernduell der Epochen – und mit der Nostalgie.

Den ersten Wimbledon-Triumph von «Bobbele» sahen 1985 mehr als 11 Millionen Zuschauer im deutschen Fernsehen. Becker war 17, emotional, nahbar – und wurde praktisch über Nacht zum Volkshelden. Sein Erfolg befeuerte den Tennisboom im Land. Zverev passte nie recht in diese Schablone des ersehnten Nachfolgers. In Deutschland haftete ihm früh das Image an, arrogant und kühl zu sein. Becker riet ihm, sich den Landsleuten stärker zu öffnen.

Später erschwerten die von Zverev bestrittenen Vorwürfe häuslicher Gewalt und das gegen eine Geldauflage eingestellte Strafverfahren die Identifikation mit ihm zusätzlich. Beckers schwerste private und juristische Krisen folgten dagegen erst nach der Karriere, als der Volksheldenmythos von «Bobbele» längst verfangen hatte.

1985 gewann Boris Becker in Wimbledon seinen ersten von sechs Grand-Slam-Titeln – als damals 17-Jähriger.

1985 gewann Boris Becker in Wimbledon seinen ersten von sechs Grand-Slam-Titeln – als damals 17-Jähriger.

Imago

Erst das grosse Talent, dann das «Sorgenkind»

Becker äusserte sich zu jeder Phase in Zverevs Karriere – zu den vielen Auf und Abs –, und je länger Zverev keinen Major-Titel holte, desto ungeduldiger klang er. Anfang 2020 forderte er in der «FAZ» bereits einen neuen Trainer: Zverev müsse «neue Stimmen» hören. Solange sein Vater das Training verantworte, werde es immer nach dessen Kopf gehen. Es schien fast so, als wolle Becker den «Diamanten», wie er Zverev nannte, selbst schleifen. Immer wieder wurde er als Coach ins Spiel gebracht.

Vor den US Open 2020 nannte Becker Zverev wegen dessen Aufschlagproblemen das deutsche «Sorgenkind». Während des Turniers kritisierte er zusätzlich dessen passive Spielweise. Zverev erreichte dort seinen ersten Major-Final, verlor aber gegen Dominic Thiem, trotz Zwei-Satz-Führung. Später mahnte Becker, die Jüngeren würden an Zverev vorbeiziehen. 2024 verlor dieser den Final in Roland-Garros, Anfang 2025 den bei den Australian Open.

Das persönliche Verhältnis der beiden schien trotz der Kritik lange intakt. Anfang April 2025 tauchte Becker bei Zverevs Training in Monte Carlo auf. Zverev sprach bei Sky von einer «super Verbindung». Becker nannte sich «Freund des Hauses» und «Teil des inneren Zirkels»; Zverev sei für ihn eine Art «sportlicher Ziehsohn». Die Rolle als Coach schloss er aber aus, er blieb der väterliche Freund.

Bald jedoch kippte die Stimmung. Nach Zverevs Ausscheiden bei den French Open kritisierte Becker erneut dessen Familienteam, sie hätten viel erreicht, doch für den letzten Schritt müsse sich etwas verändern. Wenige Tage später konterte Zverev. Seine persönlichen Gespräche mit Becker stünden in starkem Kontrast zu dessen öffentlichen Aussagen. Becker setzte vor der Kamera «eine andere Maske» auf.

Zverev fühlte sich von Beckers Doppelrolle als Familienfreund und TV-Experte gegängelt. Beziehungsstatus: «etwas kühler», wie Becker es ausdrückte. Und doch sei er im Herzen noch Zverevs grösster Fan.

Mit der Zeit wurde der Ton rauer: Nach dem ATP-Cup 2020 forderte Becker eine Veränderung im Trainerteam von Zverev.

Mit der Zeit wurde der Ton rauer: Nach dem ATP-Cup 2020 forderte Becker eine Veränderung im Trainerteam von Zverev.

Bradley Kanaris / Getty

Zverev erlöst sich selbst – und Becker scheinbar gleich mit

Als Zverev im Sommer in Paris nach all den Jahren endlich bei einem Major-Turnier reüssierte, ging sein Blick zuerst zum jubelnden Vater in die Box. Er hatte es doch noch auf seine Weise geschafft, mit der Familie an seiner Seite.

Auch Becker schien erlöst. «Ich bin sehr stolz auf ihn», sagte er als Co-Kommentator für Eurosport. Und: «Dafür hat er so lange so hart gearbeitet – die ganze Familie!» In einem Interview auf Youtube erwiderte Zverev einige Zeit später die Annäherung, stichelte aber erst: Becker habe einen Hang zu grossen Geschichten. Dann fügte er aber hinzu: «Ich liebe Boris.»

Nach Zverevs zweitem Major-Titel bei den US Open im September stellte sich Becker demonstrativ vor Zverev. Die Relativierung von dessen Leistung wegen des vermeintlich leichten Wegs durch das Tableau nannte er eine «bodenlose Frechheit» und eine «unglaubliche Respektlosigkeit». Ähnlich allergisch reagiert er auf die Einwände gegen Zverevs Sprung an die Weltspitze. Tennisexperten und Online-Kommentarspalten sprechen von der schwächsten Nummer eins seit langem, Zverev verlor alle fünf Duelle mit Sinner in diesem Jahr.

Ausgerechnet Becker, der jahrelang betonte, was Zverev noch fehle, verteidigt ihn nun mit Nachdruck.

Der Abstand zwischen den beiden bleibt jedoch gross: Becker hat sechs Major-Siege, darunter dreimal Wimbledon. Zverev steht bei zwei. Dazu Olympiagold, zwei ATP-Finals-Titel, sieben Masters-Siege. Becker ist und bleibt die grössere Figur der deutschen Open Era. Doch Zverev kommt ihm mit seinem Palmarès näher, als viele gewettet hätten.

Was kann Zverev mit 29 in seiner stärksten Karrierephase noch erreichen? Ende des Jahres könnte er mit einem Sieg bei den ATP-Finals in Turin mit Becker gleichziehen. Dass er dessen insgesamt zwölf Wochen als Nummer eins übertrifft, scheint angesichts der Fragezeichen um Sinners Rückkehr 2027 ebenfalls möglich.

Fällt auch diese Bestmarke von Becker, dürfte dieser wieder zu den ersten Gratulanten gehören. Schwer zu sagen, ob er oder Zverev sich darüber mehr freuen wird.

Im September gewinnt Alexander Zverev bei den US Open – es ist sein zweiter Major-Titel, nachdem er im Mai bereits in Roland-Garros triumphiert hat.

Im September gewinnt Alexander Zverev bei den US Open – es ist sein zweiter Major-Titel, nachdem er im Mai bereits in Roland-Garros triumphiert hat.

Juergen Hasenkopf / Imago

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Niels Bossert

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