Aeschi will Bundesrat werden – will ihn auch die Bundesversammlung?
Thomas Aeschi ist fachlich zweifellos geeignet für den Bundesrat. Sein Problem: Bis jetzt galt als sicher, dass jeder gewählt wird, der es neben ihm auf das offizielle Ticket schafft. Doch für eine Kandidatur gilt das nur bedingt.
08.11.2026, 07.58 Uhr
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Nationalrat Thomas Aeschi, Céline Amaudruz und Michael Graber klatschen im Herbst 2026 einträchtig an einer Parteiveranstaltung – wenige Wochen später sind sie Konkurrenten.
Keystone/Peter Schneider
Thomas Aeschi hat die Katze aus dem Sack gelassen. Nach langem Zögern gab er sein Outing im «Sonntags-Blick». Titel: «Ich habe das nötige Rüstzeug». Der Zuger Nationalrat, das ist kein Geheimnis, will schon lange Bundesrat werden. 2015 kandidierte er für die Nachfolge von Eveline Widmer-Schlumpf. Er galt als Christoph Blochers Ziehsohn, doch der Partei-Patriarch hätte den Tessiner Staatsrat Norman Gobbi bevorzugt. Regierungsräte haben Führungs- und Departementserfahrung. Die Bundesversammlung entschied sich am Schluss für Guy Parmelin.
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Nun tritt Parmelin zurück. Sein Nachfolger wird am 9. Dezember gewählt. Lange galt der Thurgauer Nationalrat Pascal Schmid als Favorit der Parteispitze. Der Asylpolitiker hätte, so lautete der Plan, das heute von SP-Bundesrat Beat Jans mehr verwalteten als geführten Justiz- und Polizeidepartement übernehmen sollen. Jans werden ausgeprägte Absprunggelüste nachgesagt: Die erste Gelegenheit böte sich mit einem Wechsel in Parmelins Wirtschaftsdepartement.
Der Favorit sagt nach wenigen Tagen ab
Doch Schmid wollte nicht, und damit war der Kronfavorit weg. Zuvor hatten schon zwei hoch gehandelte Frauen abgesagt: die St. Galler Ständerätin Esther Friedli und die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli. Dafür drängte es die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz auf die Pole-Position. Sie gab als erste ihre Kandidatur bekannt und spielte die Quoten-Karte: «Es wäre eine Demütigung für die Westschweiz, wenn niemand aus der Romandie aufs Ticket kommen würde», sagte sie dem «Tages-Anzeiger».
In der SVP war es eine Weile ruhig, dann hagelte es plötzlich Kandidaten: Der Tessiner Ständerat und Ex-Parteichef Marco Chiesa will, sagt er, Bundesrat werden. Auch der Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg und der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati wollen in die Landesregierung. Ebenso der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann und zwei Walliser: der Staatsrat Franz Ruppen und der Nationalrat Michael Graber. Und nun will auch Fraktionschef Thomas Aeschi.
Ob die Flut an Interessenten zufällig ist oder gesteuert: Jedenfalls hat sie den für die Deutschschweizer SVP angenehmen Effekt, dass Amaudruz' Nominierung immer unwahrscheinlicher wird. Die Genferin hat in der eigenen Fraktion nicht das beste Standing. Sie gilt als wenig dossierfest und mässig arbeitsam. Dennoch konnte sie sich lange gute Chancen ausrechnen. Als Frau und als Westschweizerin mit einem in gesellschaftspolitischen Fragen etwas offeneren Profil als die Durchschnitts-SVPler hoffte sie auf die Unterstützung links der Mitte. Als Vizepräsidentin der Mutterpartei, konnte sie erwarten, dass sie die Parteistrategen nicht mit einer Nichtnominierung desavouieren.
Mittlerweile sind ihre Chancen, gewählt zu werden, gesunken. Dass sie sich in einem Interview mit der NZZ dafür ausgesprochen hat, die Masseneinwanderungsinitiative umzusetzen, ohne zu sagen, wie das gehen soll, kam bei rechten wie linken Parlamentarierinnen und Parlamentariern nicht gut an.
Das weiss auch die SVP. Sicher ist: Aeschi ist als Kandidat auf dem offiziellen Ticket gesetzt. Die Bundeshausfraktion kann und wird ihren Chef nicht mit Nichtberücksichtigung blossstellen. Zudem wäre er als Ökonom und langjähriges Mitglied der einflussreichen Wirtschaftskommission des Nationalrats geradezu destiniert für das frei werdende Wirtschaftsdepartement. Weniger sicher sind Aeschis Wahlchancen. Denn der Zuger ist zwar klug, fleissig und enorm dossierfest, er hat aber einen leicht cholerischen Charakter. In den vergangenen Jahren ist er zwar ruhiger und besonnener geworden, aber das Temperament kann immer noch mit ihm durchgehen.
Legendär ist nach wie vor seine Rangelei mit Kantonspolizisten. Obwohl die grosse Bundeshaustreppe wegen des Empfangs des ukrainischen Parlamentspräsidenten gesperrt war, wollten er und Michael Graber sich an den Beamten vorbeidrängen. Es kam zu einem Handgemenge, Bilder davon gelangten in die Medien, und Bern hatte einen Skandal. Juristische Konsequenzen hatte der Vorfall keine, wohl aber politische. Links der Mitte gelten beide als «attack dogs».
Pikanterweise ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden gemeinsam auf einem Ticket landen. Geht man die Kandidatenliste durch, zeigt sich folgendes Bild:
Wer schafft es aufs Ticket?
- An Thomas Aeschi kommt die Fraktion nicht vorbei. Der Mann hat eindeutig das Zeug zum Bundesrat.
- Pierre Alain Schnegg hat als erfahrener Regierungsrat gute Karten, aber er gehört einer Freikirche an, und im Parlament stört das nicht wenige – auch in der SVP-Fraktion.
- Jean-Pierre Gallati stellte sich während der Covid-Pandemie immer wieder gegen seine Partei und sprach sich für einen Impfzwang aus. Die Fraktion hat ihm das nie vergessen.
- Marco Chiesa, heute glücklicher Stadtrat in Lugano und glücklicher Tessiner Ständerat, hat sich bei seiner Bundesratskandidatur wohl wieder einmal breitklopfen lassen – wie schon damals, als er das Parteipräsidium der SVP übernahm. Er ist froh, ein strenges Amt losgeworden zu sein, und überdies ist er Tessiner – wie Ignazio Cassis.
- Céline Amaudruz ist die Favoritin ihrer Westschweizer Parteikollegen, nicht aber der SVP-Fraktion.
- Franz Ruppen wird breit geschätzt, aber scheint als Staatsrat auf dem richtigen Posten zu sein.
- Bleibt Michael Graber: Jurist mit Zürcher Anwaltspatent, unermüdlicher Kämpfer gegen das 2023 an der Urne angenommene Klimagesetz, Mitrangler auf der Bundeshaustreppe, zehn Jahre lang Generalsekretär der SVP Oberwallis, seit 2021 Nationalrat, Stadtrat in Brig-Glis: als Politiker das Gesicht der rechtsbürgerlichen SVP Oberwallis.
Von Thomas Aeschi hiess es immer, er polarisiere trotz seiner unbestrittenen Eignung für das Amt dermassen, dass mit Sicherheit gewählt werde, wer neben ihm Platz auf dem Ticket gefunden habe.
Man stelle sich vor, der zweite Name lautet Michael Graber.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christina Neuhaus
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