Achtmal «aber»: Alle SVP-Bundesratskandidaten haben einen grossen Makel

Die Auswahl der SVP stösst bei anderen Parteien auf wenig Begeisterung. Ein Spitzenkandidat, der alle überzeugt, fehlt.

25.10.2026, 05.30 Uhr

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Wer tritt die Nachfolge des SVP-Bundesrats Guy Parmelin an?

Wer tritt die Nachfolge des SVP-Bundesrats Guy Parmelin an?

Peter Klaunzer / Keystone

Das Urteil aus anderen Parteien fällt wenig schmeichelhaft aus. Die SVP biete eine «durchzogene Auswahl», heisst es, es handle sich nicht um die «Crème de la Crème», eher um «die B- und C-Klasse» der SVP, sagen selbst Bürgerliche. Eine Fraktionschefin sagt, sie sei «ehrlich erstaunt», dass es die Partei nicht geschafft habe, bessere Bundesratskandidaten zu finden.

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An der Zahl liegt es nicht. Gleich acht Kandidatinnen und Kandidaten präsentiert die SVP als mögliche Nachfolger von Bundesrat Guy Parmelin. Doch anders als bei der letzten Vakanz – als der Berner Albert Rösti einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg einfuhr – fehlt der Partei heute ein Spitzenkandidat. Alle Politikerinnen und Politiker, die antreten, haben mindestens eine grosse Schwäche, die ihnen zum Verhängnis werden könnte.

Zu verbissen: Der einzige Kandidat, der zur A-Klasse der Partei gehört, ist der Fraktionschef Thomas Aeschi. Im Parlament ist unbestritten, dass er ein fähiger Bundesrat wäre. Er hat über die Parteigrenzen hinweg den Ruf eines klugen, dossierfesten und fleissigen Schaffers. Doch er hat sich noch nicht definitiv entschieden, ob er antritt. Und er hat ein nicht zu unterschätzendes Manko: Er gilt als nicht besonders «gmögig».

Aeschi sei «verbissen», «stur», «kompromisslos», sagen seine Gegner im Parlament. Linke Parlamentarier haben ihm bis heute nicht verziehen, dass er sich 2015 in einem Wahlkampfvideo über K.-o.-Tropfen lustig machte und die SVP-Fraktion anführte, als diese bei der Videoansprache des ukrainischen Präsidenten Selenski im Bundeshaus den Saal verliess.

Sein «Gmögigkeitsfaktor» ist tief: SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi.

Sein «Gmögigkeitsfaktor» ist tief:  SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi.

Alessandro Della Valle / Keystone

In der SVP loben die meisten Aeschis Arbeit gegen aussen, er sei ein «Chrampfer». Doch hinter vorgehaltener Hand schnöden einige. Aeschi beanspruche in der Fraktion eine Sonderrolle für sich, er übertreibe es manchmal mit all seinen Anträgen, und bei geselligen Runden am Abend sei er meistens abwesend. «Hat man den je lachen sehen?», fragt ein SVP-Politiker.

Zu wenig auf Linie: Etwas weniger vorbelastet kann der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati antreten. Er wird von Politikern von SP, Mitte, FDP und GLP positiv hervorgehoben. Manche schwärmen gar, Gallati sei ihr «Wunschkandidat», sie seien «Gallati-Fan». Sowohl Linke als auch Bürgerliche schätzen den strengen Kurs, den Gallati als Gesundheitsdirektor während der Corona-Pandemie verfolgte, und seine unabhängige Art, zu politisieren.

Der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati legt sich auch einmal mit Christoph Blocher an.

Der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati legt sich auch einmal mit Christoph Blocher an.

Alex Spichale / CH Media

Doch genau das ist Gallatis grösstes Problem. Denn zuerst muss er seine eigenen Parteikollegen überzeugen – sie bestimmen, wer auf das Bundesratsticket kommt. Die Corona-kritischen Vertreter werden gegen Gallati lobbyieren. Und auch bei den anderen hat er als «Abweichler» einen schweren Stand. Kürzlich kritisierte Gallati etwa die Neutralitätsinitiative – sehr zum Missfallen von Parteivordenker Christoph Blocher.

Zu alt: Einem anderen Regierungsrat werden bessere Chancen eingeräumt. Pierre Alain Schnegg, Gesundheitsdirektor aus dem Kanton Bern, wird innerhalb und ausserhalb der SVP als Exekutivpolitiker respektiert. Doch auch Schneggs Kandidatur weist Schwächen auf.

Er wäre bei Amtsantritt bereits 64 Jahre alt: Der Bernjurassier Pierre Alain Schnegg.

Er wäre bei Amtsantritt bereits 64 Jahre alt: Der Bernjurassier Pierre Alain Schnegg.

Peter Schneider / Keystone

Der Bernjurassier wäre bei seinem Amtsantritt bereits 64 Jahre alt, stünde also kurz vor dem Pensionsalter – zu alt, finden viele Parlamentarier. Und Schnegg könnte eine heikle Verbindung zum Verhängnis werden: Er gilt als enger Vertrauter von Röstis Generalsekretär Yves Bichsel. Beide sind in einer Freikirche aktiv, Schnegg war früher Bichsels Vorgesetzter bei der Berner Gesundheitsdirektion. Bei den Linken löst diese Kombination ein Schaudern aus. Denn Bichsel gilt schon heute als einflussreicher, konservativer Einflüsterer von Rösti. In linken Chats soll der Witz kursieren, Bichsel führe bald zwei Departemente.

Zu unbeliebt: Viele vermuten, dass die Kandidatur des französischsprachigen Schnegg vor allem dazu dienen solle, eine Nomination der Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz zu verhindern. Denn die Genferin ist die einzige wirkliche Vertreterin der Romandie. Und die einzige Frau in der Auswahl.

Doch auch Amaudruz kämpft mit Problemen. Bei den SVP-Politikern aus der Deutschschweiz ist sie sehr unbeliebt. Sie fehle oft, sei elitär, grüsse kaum, heisst es. Doch auch die Linken, die eigentlich eine Frauenkandidatur unterstützen, hadern mit Amaudruz. Sie sei halt doch einfach eine «knallharte Vertreterin der Genfer Aristokratie und des Bankenplatzes», sagt jemand. Kritisch beurteilt werden auch ihre Mandate.

Bei vielen Deutschschweizer SVP-Politikern hat Céline Amaudruz einen schlechten Ruf.

Bei vielen Deutschschweizer SVP-Politikern hat Céline Amaudruz einen schlechten Ruf.

Martial Trezzini / Keystone

Zu erfolglos: Weniger heftige Reaktionen löst die Kandidatur des Walliser Staatsrats Franz Ruppen aus. Am Freitag gab er sich an einer Medienkonferenz in einem pompösen Saal in Bern betont staatstragend und kollegial. Dieser Ruf könnte ihm bei der Wahl helfen.

Doch auch Ruppen hat ein Handicap. Er fällt nicht als besonders erfolgreicher Regierungsrat auf. Im Gegenteil: Ruppen hat als Walliser Umweltdirektor ein Hochwasserschutzprojekt gestoppt, das der Rhone mehr Platz verschaffen sollte. Kurz darauf verwüstete ein Unwetter das Wallis. Ein Fiasko für Ruppen – und das, was bei vielen Parlamentariern aus der Restschweiz hängen blieb.

Er hat als Umweltminister im Wallis nicht nur geglänzt: Staatsrat Franz Ruppen.

Er hat als Umweltminister im Wallis nicht nur geglänzt: Staatsrat Franz Ruppen.

Anthony Anex / Keystone

Zu querulatorisch: Und dann gibt es noch jene Kandidaturen auf der SVP-Liste, die offensichtlich gröbere Schwächen aufweisen. Da ist zum Beispiel Rémy Wyssmann, staatskritischer Anwalt aus dem Kanton Solothurn, der vor allem als Gegner der Corona-Massnahmen auffiel. In einer Umfrage auf einem Telegram-Kanal von Corona-Skeptikern kommt er auf 82 Prozent der Stimmen. Im Bundeshaus traut ihm kaum jemand das Amt zu.

Rémy Wyssmann hat einige Fans bei den Corona-Skeptikern.

Peter Schneider / Keystone

Zu ruppig: Oder der Walliser SVP-Nationalrat Michael Graber. Er hat im Bundeshaus den Ruf eines kompromisslosen Polterers. Allen in Erinnerung ist, wie er und der Fraktionschef Thomas Aeschi sich beim Besuch des ukrainischen Parlamentspräsidenten mit den Polizisten anlegten – und Graber diese später mit Nazis verglich. Auch in der eigenen Partei wird Graber das Amt kaum zugetraut. Er sei unzuverlässig, fehle oft an Sitzungen oder komme zu spät, heisst es.

Er prügelte sich mit Bundespolizisten: Der Walliser Michael Graber.

Anthony Anex / Keystone

Zu unambitioniert: Und schliesslich ist da noch der frühere Parteichef Marco Chiesa aus dem Tessin. In der Fraktion beurteilen einige seine Arbeit während dieser Zeit wohlwollend, Chiesa sei an jeder «Hundsverlochete» aufgetreten. Doch bei den anderen Parteien stösst die Kandidatur auf grosses Erstaunen: «Chiesa?», heisst es. Das sei ein «Alibi-Kandidat», er gehöre zu den «am wenigsten Ambitionierten» im Bundeshaus, habe sich innerlich «längst von Bern verabschiedet». Mehrere vermuten, dass Chiesa die Kandidatur bloss dazu nutze, um seine Popularität zu steigern, und eigentlich auf das Stadtpräsidium in Lugano schiele.

Will er überhaupt Bundesrat werden? Der frühere Parteichef Marco Chiesa.

Anthony Anex / Keystone

Was, wenn die Mängelliste der SVP-Kandidaten zu lang wird? Ist es dann denkbar, dass das Parlament einen wilden Kandidaten oder eine wilde Kandidatin wählt? Die Fraktionschefin der Grünen, Greta Gysin, sagt, es sei noch zu früh für solche Spekulationen. Aber wer erwarte, dass sich das Parlament an die offiziellen Kandidaturen halte, trage auch die Verantwortung, eine «echte Auswahl an überzeugenden und unterschiedlichen Kandidaturen» zu bieten. «Ist das nicht der Fall, fühlen wir uns auch nicht verpflichtet, die vorgeschlagenen Kandidaturen zu unterstützen.»

Die SP-Ständerätin Franziska Roth sagt, sie warte zuerst ab, wer es auf das offizielle Ticket schaffe. Eines sei aber klar: «Von der unwürdigen Rauswurfklausel lasse ich mich nicht beeindrucken.» Damit meint Roth  die Praxis der SVP, Parteipolitiker, die nicht von der Fraktion nominiert wurden, eine Wahl aber trotzdem annehmen, aus der Partei auszuschliessen.

Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass am 9. Dezember eine Person gewählt wird, die auf dem offiziellen Ticket der SVP steht. Dabei gilt, dass die anderen Parteien kein besonders grosses Interesse an einem starken SVP-Bundesrat haben dürften – die eine oder andere Schwäche könnte für die Kandidaten also auch von Vorteil sein.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ladina Triaca, Daniel Friedli

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