Abbitte eines Musterportugiesen: Cristiano Ronaldo verabschiedet sich vom Nationalteam

Nach dem Streit des Vormonats macht der Fussballstar seinen Frieden mit der Nationalmannschaft und umschmeichelt seine Landsleute: «Mein grösster Erfolg war, das beste Land der Welt zu vertreten.»

Florian Haupt, Barcelona05.11.2026, 16.57 Uhr

6 Leseminuten

Aktualisiert


Nach 23 Jahren ist Schluss: Cristiano Ronaldo wird nicht mehr für Portugals Nationalmannschaft auflaufen.

Nach 23 Jahren ist Schluss: Cristiano Ronaldo wird nicht mehr für Portugals Nationalmannschaft auflaufen.

Luis Vieira / Keystone

Im Alter neigt mancher ja dazu, etwas ausschweifend zu werden. Cristiano Ronaldo, der für einen Fussballer mit 41 Jahren schon ziemlich alt ist, hat dieses Symptom bereits letzten Monat erkennen lassen. Auf zehn Seiten breitete er damals aus, was ihn dazu bewogen hatte, Hals über Kopf aus dem Team-Quartier des portugiesischen Nationalteams abzureisen.

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Zum Alter gehören aber auch Milde und Einsichtsfähigkeit, selbst bei dem als störrisch verschrienen Ronaldo. Zuletzt reifte bei ihm wohl der Eindruck, dass er seinen Landsleuten nicht als Kleingeist und Rechthaber in Erinnerung bleiben wollte. Und so nutzte er jetzt die Gelegenheit, einer eventuellen Nominierung für die nächsten Länderspiele mit einem freiwilligen Verzicht zuvorzukommen. Aber das auf ganz andere Weise als im Oktober: mit der lang vermissten Grandezza.

Sein mit fünf Minuten auch nicht gerade kurzes Demissions-Video begann der fünffache Weltfussballer gewohnt majestätisch: «Aos Portugueses», an die Portugiesen, erklärte er dann, was zwar einerseits nicht mehr lange aufzuschieben war, am Donnerstag dennoch sein Land durchschüttelte: Nach 234 Länderspielen und 146 Toren beendet er seine 23-jährige Karriere in der Nationalmannschaft.

Die letzte Pointe einer unrühmlichen Posse 

Das Video für seine 680 Millionen Instagram-Follower verbindet ikonische Bilder mit salbungsvollen Worten. Gefühlige Musik, viel Pathos, aber auch Generosität – und keine neuen Vorwürfe oder auch nur Andeutungen über sein Zerwürfnis mit Nationaltrainer Jorge Jesus, das hinter der Flucht aus dem Nationalteam-Camp in Kopenhagen stand.

Beim Rückspiel gegen die Dänen am kommenden Samstag wird Ronaldo also nicht mehr dabei sein. Die letzte Pointe und der letzte Überraschungseffekt in der für alle Seiten rufschädigenden Angelegenheit gebührten damit doch noch ihm. Denn in den letzten Tagen herrschten eher Analysen vor, die eine Rückkehr ins Team antizipierten. Der Verband hatte seine Strafe – 30 Tage Sperre und 255 Euro Busse – eigens so zurechtgeschnitten, dass sie als rein symbolisch verstanden werden konnte. Und Coach Jesus hatte ihn auf seine erweiterte Liste für die November-Matches gesetzt.

Doch laut portugiesischen Medien antwortete Ronaldo zuletzt nicht einmal mehr auf Nachrichten des Trainers und informierte ihn nun auch nicht im Vorfeld über seinen Schritt. Hingegen setzte er den Verband noch mit ausreichend Vorlauf in Kenntnis, damit dieser schon bald nach Ronaldos Videobotschaft ein eigenes Filmchen und ein eigenes Statement in Umlauf bringen konnte. Darin wird der «ewige Captain» als «inspirierender Leader, Vorbild für Hingabe und maximales Symbol der Seele unserer Seleção» gewürdigt. «Der portugiesische Verband weigert sich zu gestatten, dass dieser Abschied ohne die gebotene Hommage vonstatten geht», heisst es weiter, verbunden mit der unbedingten Absichtserklärung, diese Ehrung zu organisieren.

Coach Jesus äusserte sich am Nachmittag ähnlich bewundernd, und Portugals Nationalspieler werden das in den nächsten Tagen gewiss auch tun, so wie bereits in der Vergangenheit. Für viele war Ronaldo ihr Kindheitsidol. Als ebenso sicher darf jedoch gelten, dass sie den Rücktritt auch mit Erleichterung aufnehmen werden. Nicht zuletzt Ronaldos Unantastbarkeit hatte bei den vergangenen Turnieren das mitfavorisierte Portugal daran gehindert, sein volles Potenzial zu entfalten. Als Ersatzspieler aber, wie von Jesus vorgesehen, wollte sich Ronaldo die Seleção nicht mehr antun.

Nicht einmal Ronaldo hat Zuhause einen Teleprompter

Ronaldo las seine Rücktrittsproklamation vom Blatt ab, einen Teleprompter hat offenbar nicht einmal der Spieler Zuhause, der wie kein anderer für Professionalität und Selbstoptimierung steht. Ronaldo dürfte sich die Entscheidung reiflich überlegt haben, sonst hätte er sie früher geäussert als am Tag vor der endgültigen Kaderbekanntgabe.

Er gehe «erhobenen Kopfes, stolz auf meinen Weg und im Wissen, alles für Portugal gegeben zu haben», erklärt der fünffache Weltfussballer. «Der Tag ist gekommen, um das Trikot mit der Nummer 7 zurückzugeben». Ronaldo betont, er habe «nie das Gefühl» gehabt, «dass es allein mir gehört». Natürlich müsste er das nicht erwähnen, wenn er nicht wüsste, dass er manchmal diesen Eindruck erweckt hatte.

Doch bei einem Abschied geht es eben auch um ein Erbe; darum, wie man in Erinnerung bleibt. Und das sollte dann doch nicht der Egoman sein, als der er in der jüngeren Vergangenheit herüberkam; was laut Umfragen auch eine Mehrheit der Portugiesen irritierte und zunehmend von ihm entfremdete.

Auch mit 40 Jahren noch treffsicher: Cristiano Ronaldo jubelt im September 2025 nach seinem Tor gegen Ungarn.

Auch mit 40 Jahren noch treffsicher: Cristiano Ronaldo jubelt im September 2025 nach seinem Tor gegen Ungarn.

Jose Sena Goulao / Keystone

Vor allem die Landsleute sind es daher, die er zum Abschied hofiert. Ronaldo verknüpft seine Geschichte noch einmal mit der Identität der kleinen, aber stolzen Seefahrer-, Eroberer- und Auswanderernation. «Portugal wird immer junge Leute brauchen, die träumen, Spieler die nie aufgeben, neue Generationen, die dorthin gehen, wo keiner war.»

Es ist die Abbitte eines Musterportugiesen: Seine liebsten Momente im Stadion seien die Minuten der Nationalhymne gewesen, verrät Ronaldo. Wenn er umhergeschaut habe, seine Teamkollegen und all die Portugiesen auf den Tribünen sah, «wenn alle unsere Differenzen verschwanden» und «keine Klubs, Farben, Klassen, Berufe, Meinungen existierten», sondern nur «eine Leidenschaft: Portugal.» Dieses Gefühl werde ihn für immer begleiten. «Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, der beste Spieler der Welt werden zu wollen. Heute weiss ich, dass mein grösster Erfolg war, die Ehre zu verdienen, das beste Land der Welt zu vertreten.»

234 Mal hat er diese Ehre gehabt, der Junge von der Atlantikinsel Madeira, wo er in einem kleinen Slum über der Hauptstadt Funchal mit einem alkoholkranken Vater aufwuchs. Ronaldos legendärer und manchmal anstrengender Behauptungswillen wuchs an enormen Widerständen, auch nachdem er als Teenager aufs Festland in die Akademie von Sporting Lissabon wechselte. In der Schule musste er Spott wegen seines Inselakzents erdulden, weinend rief er die Mutter an. Doch er biss sich durch.

Heute ist der Mann von der Peripherie nicht nur der heimliche König über Madeira, wo der Flughafen nach ihm benannt ist und sein Bruder das CR7-Museum managt. Sondern auch ein Aushängeschild, das «Portugal in der ganzen Welt bekannt macht», wie Verbandspräsident Pedro Proença in einem gesonderten Post am Donnerstag würdigte. «Wenn irgendwo auf dem Planeten jemand Portugal erwähnt, antwortet ein andere mit Cristiano Ronaldo». Es ist ein offenes Geheimnis, dass dem Verband ohne Ronaldo einiges an Sponsoren- und Antrittsgeldern verloren gehen wird.

Es begann mit einer Einwechslung für eine Ikone

Ronaldos Karriere im Nationalteam begann 2003 im Alter von 18 Jahren, als er bei einem 1:0 gegen Kasachstan für Luís Figo eingewechselt wurde, den er bald als Aushängeschild der Seleção ersetzen sollte. An Europameisterschaften lief es dabei immer besser als an Weltmeisterschaften. 2004 im eigenen Land spielte er sich während des Turniers in die Stammformation, und Portugal erreichte den Final.

Bei einer Kontinentalendrunde erlebte seine Laufbahn 2016 auch ihren Höhepunkt. Während der Gruppenphase lästerte Ronaldo noch über den aufmüpfigen Fussballzwerg Island und pfefferte das Mikrofon eines portugiesischen Reportes in einen See. Am Ende stand er nach einer tränenreichen Verletzung im Final und einem denkwürdigen Auftritt als improvisierter Co-Trainer als Europameister da.

Zwei Nations-League-Siege (2019, 2025) runden sein Palmarès ab; wie er besonders in Momenten der Kritik selbst nie zu erwähnen vergass, sind es gleichzeitig Portugals einzige Titel. Bei Weltmeisterschaften blieb ihm die Krönung hingegen versagt. Das beste Abschneiden war ein Halbfinal 2006, als er sich beim Turnier in Deutschland gleichzeitig den Vorwurf von übermässiger Theatralik einhandelte, der ihn noch lange begleiten sollte. Das Publikum quittierte es, wie viele in der Folge, mit Pfiffen. Seine letzte WM 2026 endete mit einem Aus im Achtelfinal gegen den späteren Weltmeister Spanien.

«Es gab Momente, als ich dem portugiesischen Volk nicht geben konnte, was es so verzweifelt wollte», räumt Ronaldo nun ein, geläutert. Denn so, verliest er, habe er etwas begriffen: «Tore gehen vorbei, Trophäen enden im Museum, Rekorde werden gebrochen. Aber eines kann die Zeit nicht auslöschen: Unseren Platz im Herzen der Leute.»

Ronaldo darf alles in allem davon ausgehen, seinen Platz sicher zu haben. 146 Treffer hat er für sein Land erzielt, das erste im EM-Auftaktspiel 2004 gegen Griechenland per Kopf, das letzte im WM-Sechzehntelfinal gegen Kroatien 2026 per Penalty. Und natürlich sollen diese Tore nicht vorbeigehen, allein schon weil sie für sein letzte grosse Obsession zählen: Bei seinem Klub Al-Nassr will er noch die 15 Treffer schiessen, die ihm fehlen, um als erster Fussballer auf die offizielle Zahl von 1000 Toren zu kommen.

Da kann es nur helfen, sich vorher mit der Heimat ausgesöhnt zu haben. Beim portugiesischen Verband schlossen sie ihr Communiqué mit dem Appell: «Auf zu Tor Nummer 1000!!!» Drei Ausrufezeichen. Sie kennen halt ihren alten, ewigen Nationalhelden.

Ein Höhepunkt seiner Karriere mit Portugal: Cristiano Ronaldo feiert 2019 in Porto den Gewinn der Nations League.

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Jose Coelho / Keystone

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Florian Haupt, Barcelona

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