40 Jahre Schweizerhalle Ein Mahnmal erinnert an die Katastrophe – aber niemand kennt es
Sandoz hatte das Kunstwerk eigentlich zum 100. Geburtstag bestellt. Nach der Chemie-Katastrophe in Schweizerhalle machte die Künstlerin stattdessen ein Mahnmal. Die Chemiefirma entzog ihr daraufhin den Auftrag.
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Künstlerin Bettina Eichin hatte eigentlich den Auftrag, einen Brunnen zu gestalten. Links und rechts vom Brunnen sollten Markttische aus Bronze stehen, ein Verkaufstisch mit Früchten und Gemüse und ein zweiter mit Papier, Ordnern und Schriftrollen. Mitten in Basel hätten dieser Brunnen und die Markttische stehen sollen, direkt auf dem Marktplatz.
Die Chemiefirma Sandoz hatte die Markttische und den Brunnen noch vor der Chemie-Katastrophe bei der Bildhauerin Eichin bestellt, als Geschenk an die Stadt Basel zum 100-jährigen Bestehen der Firma 1986. In einem feierlichen Akt war ein Modell des Kunstwerks bereits der Stadt überreicht worden.
Doch dann – in der Nacht auf den 1. November 1986 – brannte in Schweizerhalle eine Lagerhalle der Sandoz lichterloh. Die Feuerwehr liess das vergiftete Löschwasser direkt in den Rhein abfliessen.
Das Ergebnis war eine der schlimmsten Umweltkatastrophen, die die Region Basel je erlebt hatte. Im Rhein starben Hunderttausende Fische, das Trinkwasser von Millionen Menschen wurde verseucht.
Die Chemie-Katastrophe von Schweizerhalle
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Bild 1 von 4. Bei der Chemiefirma Sandoz geriet am 1. November 1986 eine Lagerhalle in Brand. Warum, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Bildquelle: Keystone / Silvio Mettler.
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Bild 2 von 4. In der zerstörten Lagerhalle befanden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Das rote, giftige Löschwasser gelang direkt in den Rhein. Bildquelle: Keystone / Gardin.
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Bild 3 von 4. Die Pestizide führten zu einer massiven Verschmutzung des Rheins. Die blutrote Farbe zog kilometerlang flussabwärts. Der Oberlauf des Rheins war danach biologisch nahezu tot. Bildquelle: Keystone / Michael Kupferschmidt.
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Bild 4 von 4. Mehr als 150'000 Aale starben im Rhein nach dem Unglück. Hier sammelt ein Mann tote Aale bei Iffezheim in Baden-Baden aus dem Fluss. Bildquelle: Keystone / Michael Kupferschmidt.
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«Dieser Brand und die Folgen davon waren ein Riesenschock für Basel», sagt Künstlerin Bettina Eichin heute. Ihr sei klar geworden, dass sie das Kunstwerk nicht so wie geplant fertigstellen konnte, sondern den 1. November berücksichtigen musste.
Einen der beiden Tische liess Eichin deshalb leer und schrieb stattdessen ein Gedicht darauf von Johann Peter Hebel. Ein Gedicht, in dem es um die Vergänglichkeit geht. Unter dem Gedicht steht das Datum des Grossbrands in Schweizerhalle.
Sandoz wollte die Tische nicht in der Öffentlichkeit
Ihre Auftraggeber hätten sie daraufhin besucht und das Kunstwerk besichtigt: «Sie waren nicht so zufrieden damit», sagt die Künstlerin heute. Später entzog Sandoz ihr den Auftrag und setzte sich dafür ein, dass die Markttische nirgendwo in Basel aufgestellt würden. «Es sei den Mitarbeitenden der Sandoz nicht zuzumuten, dass sie ständig an dieses Datum erinnert würden, hiess es als Begründung», so Eichin.
Nach längerem Hin und Her erhielten die Markttische Kirchenasyl. Nun stehen die Kunstwerke im kleinen Kreuzgang des Basler Münsters. Das freut Bettina Eichin: «Hier sind sie nicht im grellen Licht der Öffentlichkeit, sondern im besinnlichen Kreuzgang.»
Die Tische sind hier am richtigen Ort.
Auch Münsterpfarrer Lukas Kundert findet, der Kreuzgang sei der richtige Ort für die Markttische. «Ich finde es wichtig, dass ein Denkmal im öffentlichen Raum steht.» Nicht allen in der Kirchgemeinde hätte dies zu Beginn gefallen: «Wir hatten Gemeindemitglieder, die selbst bei Sandoz gearbeitet haben. Die waren dann plötzlich die Bösen in der Stadt und hatten keine Freude, dass ausgerechnet hier ein Mahnmal stehen soll.»
Bettina Eichin (*1942 in Bern) ist eine Schweizer Bildhauerin, die vor allem für ihre Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt ist.
Ihr bekanntestes Werk ist die Bronze-Skulptur «Helvetia auf der Reise» auf der Mittleren Brücke in Basel.
Die nachdenkliche Figur wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt und steht beispielhaft für Eichins Kunst, die gesellschaftliche und politische Themen aufgreift.
Sandoz hatte der Stadt Basel dann doch noch ein Geschenk gemacht zum 100-Jahr-Jubiläum: Ein Bild des Schweizer Malers Félix Vallotton. Es zeigt eine Frau mit nacktem Oberkörper und hinter dem Rücken verschränkten Händen. In der Öffentlichkeit zu sehen war es noch nie: Das Basler Kunstmuseum hat das Bild noch nie ausgestellt.
Schweiz Aktuell, 30.10.2026, 19 Uhr ; bost; glam; ante
Source: SRF · 30.10.2026, 20:36
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