1001 Reden zur Lage der Nation: Christoph Blochers Polit-Podcast «Teleblocher» feiert Jubiläum

Blocher ist noch Bundesrat, als das Format 2007 startet. Geändert hat sich seither wenig. Eigentlich nur sein Alter.

30.10.2026, 17.26 Uhr

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Christoph Blocher und Matthias Ackeret feiern ihr Jubiläum bei der 1001. Folge – aufgezeichnet im Haus der Freiheit im Toggenburg.

Christoph Blocher und Matthias Ackeret feiern ihr Jubiläum bei der 1001. Folge – aufgezeichnet im Haus der Freiheit im Toggenburg.

TeleBlocher / YouTube

Toni Brunner braucht kein Mikrofon, er ist selbst eines. «Und hier kommt: der Toggenburger Jodlerklub!», ruft er und kündigt damit die Half-time-Show dieser Jubiläums-Folge von «Teleblocher» an. Der ehemalige SVP-Präsident ist jetzt Beizer und mit seinem «Haus der Freiheit», das er mit SVP-Ständerätin Esther Friedli im Toggenburg führt, Gastgeber dieses Donnerstagabends.

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Als die Jodler fertig sind, begrüsst Brunner jeden einzelnen der gut einhundert Gäste mit seiner Magenbrotverkäuferstimme: den «Spitzen-Architekten», die «Star-Journalistin», die «Radio-Legende». Es sind viele Medienschaffende da, und damit, wie Brunner findet, «zum ersten Mal mehr Linke als Normale». Zwei Drittel des Saals lachen.

Dann tritt der SVP-Übervater Christoph Blocher auf die Bühne für die 1001. Folge von «Teleblocher», eine Art Polit-Podcast, den es länger gibt als Spotify. Die Sendung erzählt viel über die Partei und die Person Blocher.

Klick-Kampf im Bundesrat

«Teleblocher» hat seinen Ursprung im Sommer 2007. Damals suchte der Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten» nach neuen Formaten und erinnerte sich an die Radioansprachen des langjährigen SP-Nationalrates und Schaffhauser Stadtpräsidenten Walther Bringolf während des Zweiten Weltkrieges. Er kontaktierte Blocher, der damals noch Bundesrat war, und zur Überraschung aller Ja sagte – unter drei Bedingungen: keine Mediensprecher, kein Herausschneiden von Sätzen und er bestimme den Ort, «und wenn es der Eiffelturm ist».

Am 14. September fuhren der Journalist Matthias Ackeret und der Kameramann Carlo Ferrari zu Blochers Anwesen in Herrliberg und nahmen die erste Folge auf, die auf Youtube hochgeladen und im «Schaffhauser Fernsehen» übertragen wurde.

Das Format schlug ein, vor allem in Bern. Das Bundesamt für Kommunikation von Bundesratskollege Moritz Leuenberger untersuchte «Teleblocher» wegen Verdachts auf politische Propaganda, wobei Leuenberger mit seinem eigenen Blog ehedem medialer Konkurrent Blochers war. Den magistralen Klick-Kampf entschied Blocher im Herbst 2007 für sich, indem er selbst für Schlagzeilen sorgte: Rorschacher-Affäre, nationale Wahlen, Gerüchte um wilde Kandidaturen, um ihn bei den Gesamterneuerungswahlen aus dem Amt zu kippen – zu alledem äusserte sich Blocher auf: «Teleblocher».

Das Staffelfinale erfolgte am 13. Dezember, am Tag, an dem die Sprengkandidatin Eveline Widmer-Schlumpf anstelle Blochers in den Bundesrat gewählt wurde. «Ein historischer Tag», sagte Ackeret zu Beginn. Blocher sprach danach von einem Parlament, «das im Dunkeln, ohne darüber zu reden» seine Abwahl vorbereitet habe.

2003 wurde Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt. Nach einem Komplott von Mitte-Links-Politikern schaffte es Eveline Widmer-Schlumpf anstelle Blochers in die Landesregierung.

2003 wurde Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt. Nach einem Komplott von Mitte-Links-Politikern schaffte es Eveline Widmer-Schlumpf anstelle Blochers in die Landesregierung.

Lukas Lehmann / Keystone

Stichworte statt Fragen

An diesem Donnerstagabend im Toggenburg schlägt die Zeit eine Schleife. Noch immer steht Ferrari hinter derselben alten Kamera und filmt. Noch immer ist es Blocher, der der Schweiz die Welt erklärt, noch immer befragt von Ackeret, der eingangs nach der UBS fragt.

Und dann beginnt Blocher, der Pfarrerssohn, seine Predigt, die ihn von der UBS («Die wissen schon, warum sie das ‹S› im Namen haben») ins Unternehmertum («Wenn es schlecht läuft, muss das Unternehmen sterben») führt, vom Verteidigungsdepartement zu den Protesten in Frankreich. Unterstrichen vom üblichen blocherschen Gestus: der Kopf fast demütig gesenkt, die Hände raumgreifend ausgebreitet, als wolle er zum Gebet auffordern.

Blocher ist inzwischen 86 Jahre alt. Seine Stimme ist kratziger, er ist kleiner geworden. An rhetorischer Grösse indes hat er wenig eingebüsst. Der Kopf ist noch da.

Während der 25-minütigen Sendung stellt Ackeret wenig Fragen. Er, bisweilen verspottet als «Mikrofonhalter», ist dann und wann weniger Fragensteller als vielmehr Stichwortgeber für die Rede zur Lage der Nation.

Ackeret sagt, er hole mehr aus Blocher heraus, wenn dieser sich wohl fühle, ins Plaudern kommt. «Ausserdem geht das auf Dauer nicht, immer nur hart geführte Interviews zu führen.» Also wird aus dem Interview «ein einfaches Gespräch», wie Ackeret sagt. Er sieht in Blocher «eine Art Anker, der Orientierung gibt». Belegen würden das unter anderem die Klickzahlen, so Ackeret. Die seien immer dann besonders gross, wenn Krise herrsche. Dieses Jahr hätten durchschnittlich 60 000 bis 80 000 Personen pro Folge eingeschaltet.

17 Tage Sendezeit

Dazu beigetragen hat freilich auch der 27. September, als die Schweiz die Neutralitätsinitiative mit über 70 Prozent Nein-Stimmen ablehnte. Blocher hatte die Vorlage initiiert und den Abstimmungskampf mit vier Millionen Franken alimentiert. Am Abstimmungssonntag sass Blocher zu Hause in Herrliberg, während seine Parteikollegen in Bern die Niederlage erklären mussten. Blocher verzichtete auf ein Statement in den Medien, er äusserte sich nur bei: «Teleblocher».

Es war Ausdruck des ambivalenten Verhältnisses, das Blocher zu den Medien pflegt. In seinem Wir-gegen-den-Rest-Narrativ hat Blocher die Zeitungen schon bei der EWR-Abstimmung zur Gegenseite gezählt. Einmal verglich Blocher den Umgang der Medien mit der SVP mit den Methoden, die die Nazis bei den Juden angewendet haben. Es gab einen Shitstorm.

Gleichzeitig ist Blocher eng mit den Medien verbandelt, auch als Unternehmer. Er kaufte die «Basler Zeitung» und viele Gratiszeitungen, in denen er Kolumnen schrieb – und wöchentlich Hunderttausende Menschen erreichte. Als Sprachrohr diente ihm in all den Jahren auch «Teleblocher», wo sich bis heute rund 17 Tage Sendezeit summiert haben.

Laut Ackeret ist bis heute keine Sekunde herausgeschnitten worden, was in den vergangenen 19 Jahren für die eine oder andere skurrile Episode gesorgt hat. Einmal soll der damalige Bundesrat Ueli Maurer mit dem Helikopter über das Haus geflogen sein, als gerade eine Folge aufgenommen wurde. Ein anderes Mal lief Blochers Frau Silvia durch das Bild. In einer weiteren Folge sprach sie gut hörbar mit einem Pöstler. In der Folge 18 vertrat Silvia Blocher ihren Ehemann sogar, der seine Stimme verloren hatte. Eigentlich sei ja sie die heimliche Bundesrätin, sagte Ackeret eingangs der Sendung. Und Silvia Blocher antwortete: «Die Dossiers in diesem Bundesrat, muss ich Ihnen sagen, dünken mich eher langweilig.»

Christoph Blochers Frau Silvia telefoniert im Garten vor ihrem Haus in Herrliberg.

Christoph Blochers Frau Silvia telefoniert im Garten vor ihrem Haus in Herrliberg.

Karin Hofer / NZZ

Irrwitzige Gästeliste

Zum Fünf-Jahr-Jubiläum war es für einmal nicht Ackeret, der Stichworte lieferte, sondern der Medienpionier Roger Schawinski, der Fragen stellte. Schawinski ist am Donnerstagabend auch zu Gast im Haus der Freiheit, genauso wie der Auto-Unternehmer Walter Frey, der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny, der Comedian Stefan Büsser oder die Chefin des Walter Zoos in Rapperswil. Ein Irrwitz von einer Gästeliste, die hinten im Saal Blocher sitzt, während vorne, im Restaurant, die Büezer ihr Feierabendbier trinken.

Als die Sendung im Kasten ist, wird erst Suppe, danach Ghackets mit Hörnli serviert. Derweil reisst Brunner Sprüche und schnupft Tabak. Ein Zampano ohne Fernseh-, dafür mit Parteiprogramm. Mehrfach ruft er Autonummern aus, weil Wagen zugestellt sind. Einmal trifft es den St. Galler Nationalrat Roland Rino Büchel.

Büchel ist der einzige aktive Bundespolitiker im Saal. Neuer Bundesrats-Gossip ist daher nicht zu hören. Auch Brunner als Mitglied der Findungskommission schweigt. Ebenso Blocher will keinen Favoriten nennen: «Hast du eine schlauere Frage?», sagt er auf der Bühne zu Ackeret. Und überhaupt: «Ich bin nirgends mehr dabei. Ich schaue nur zu», sagt er irgendwann. Der Saal lacht.

Die Leute wissen: Doch, hat er, mit Sicherheit bei «Teleblocher». Blocher will weitermachen, und verspricht schon eine Feier für die 2000. Folge.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renato Schatz

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