Vance prescht vor

Nach dem Wahldebakel bei den Midterms suchen die US-Republikaner nach Antworten – und einer Neuausrichtung. Vizepräsident JD Vance distanzierte sich am Tag nach der Wahl vom Iran-Krieg und forderte eine „ehrliche Unterhaltung“ darüber, wie es nun weitergehe. Seine Reaktion wird einhellig als Startschuss für das Rennen um die Nachfolge von US-Präsident Donald Trump gesehen. Seine Chancen sind durch das Wahldesaster aber nicht unbedingt gestiegen.

Online seit heute, 14.02 Uhr

„Jeder weiß, warum wir verloren haben“, teilte Vance am Mittwoch auf X mit. Trump hatte den Krieg gemeinsam mit Israel begonnen, in dessen Folge stiegen die Spritpreise in den USA deutlich. Wie US-Medien berichten, informierte Vance den Präsidenten vor seinem Posting. Trumps Sohn Donald Trump Jr. stimmte auf X zu und teilte den Beitrag. Am Mittwoch räumte Trump selbst ein, Vances Darstellung stimme „größtenteils“.

Vance versuchte mit dem Posting, sich als Präsidentschaftskandidat 2028 in Stellung zu bringen und sich von Trump zu distanzieren, so CNN und zahlreiche andere Medien.

Lose-Lose-Situation für Vance

Vance sei eigentlich in einer Lose-Lose-Situation, zitierte die „New York Times“ den konservativen Politikanalysten Marc Short: Wenn Vance Trump damit vor den Kopf stoße, verliere er einen wichtigen Unterstützer. Aber wenn Trump es ihm nicht übelnehme, entfalte die Kritik keine Wirkung, er sammle dann „keine Pluspunkte bei denjenigen, die gegen den Präsidenten sind und fragen, warum man nichts bewirkt“. Tatsächlich galt Vance, wie US-Medien immer wieder berichteten, als Gegner des Angriffs auf den Iran – stellte sich aber offiziell hinter die Politik.

Bolton: Ausmaß der Niederlage „beinahe historisch“

John Bolton, früherer Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, sprach unter anderem über das Ausmaß der Niederlage der Republikaner, darüber, was der Schlüssel für die Wahlniederlage war, und darüber, wie es mit dem Krieg gegen den Iran weitergeht.

Die BBC verwies darauf, dass es historisch kaum einen Fall gegeben habe, bei dem ein Vizepräsident eine außenpolitische Entscheidung des Präsidenten offen infrage gestellt habe. Trumps milde Reaktion könnte ein Zeichen sein, dass er Vance in der Nachfolgefrage unterstützen werde.

Hegseth als Bauernopfer?

Wie mehrere Medien, etwa die „Washington Post“ und der britische „Guardian“, spekulierten, könnte Trump versuchen, das Narrativ der Wahlschlappe durch den Iran-Krieg insofern zu bedienen und abzuhaken, als Verteidigungsminister Pete Hegseth dafür den Kopf hinhalten muss. Trump lobte Hegseth noch am Mittwoch, für den selbst ernannten Kriegsminister könnte das ein schlechtes Zeichen sein: Mitglieder der US-Regierung waren von Trump schon öfter kurz vor ihrem erzwungenen Abgang gelobt worden.

Nicht nur Iran-Krieg als Thema

Zwar ergaben alle Umfragen, dass das Thema Wirtschaft und Teuerung infolge des Iran-Krieges das bestimmende im Midterms-Wahlkampf war, die Erfolge der Demokraten selbst in absoluten Hochburgen der Republikaner lassen sich aber nicht monokausal erklären. Somit wird auch Vance nicht allein mit der Verdammung des Iran-Krieges punkten können. Auch Themen wie die Sorge um die US-Demokratie und Nepotismus fielen laut Umfragen zu den Wahlen stark ins Gewicht.

Die „New York Times“ verwies darauf, dass auch in Vances Heimatstaat Ohio der Senatorensitz an die Demokraten verloren ging. Mit Amy Acton gibt es zudem eine demokratische Gouverneurin, die sich trotz der – oder vielleicht auch durch die – Schmutzkübelkampagne ihres Gegners Vivek Ramaswamy durchgesetzt hat. Dass sich Vance hinter Ramaswamy stellte, hat seinem Image wohl nicht gutgetan.

DeSantis und Cruz bringen sich in Stellung

Mit starken Worten fiel nicht nur Vance auf: Der republikanische Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, sprach von nahezu existenzbedrohenden Folgen für seine Partei. Die Niederlage komme einem politischen Meteoriteneinschlag gleich, sagte er. „Das war eine Zurückweisung des Präsidenten und des Kongresses.“

Ein republikanischer Senator aus Texas, Ted Cruz, sprach von einem „Blutbad“ und stellte die Frage nach Konsequenzen. „2026 war nicht einfach nur eine blaue Welle, es war ein blauer Tsunami“, schrieb er auf X. Das Problem sei diesmal nicht eine geringe Wahlbeteiligung gewesen, sondern die bewusste Entscheidung gegen republikanische Kandidaten.

DeSantis und Cruz werden Ambitionen nachgesagt, in zwei Jahren nach der Präsidentschaft zu greifen, dabei galt DeSantis schon im republikanischen Rennen 2024 als aussichtsreicher Gegner Trumps, zog sich dann aber rasch zurück.

Rubio ohne Beschädigung im Wahlkampf

Bessere Karten könnte Außenminister Marco Rubio haben. Wie „Newsweek“ schrieb, hielt sich Rubio im Wahlkampf auffällig zurück – und kam damit vergleichsweise unbeschadet davon. Das Magazin verwies auch darauf, dass die Republikaner in Rubios Heimatstaat Florida keine ganz großen Niederlagen hinnehmen mussten. Und der Außenminister spricht eine Gruppe von Wählerinnen und Wählern an, die bei den Midterms den Republikanern im großen Stil den Rücken kehrten: Latinos.

Sollte die Wahl bei den Republikanern eine große Abkehr von der MAGA-Politik Trumps bringen, hätten auch Politiker der alten Schule der Konservativen eine Chance. Genannt werden etwa der ehemalige Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, und der Abgeordnete Don Bacon aus Nebraska. Manche Medien zaubern sogar extreme Außenseiter aus dem Hut, etwa den ehemaligen Hedgefonds-Chef Dave McCormick, Senator aus Pennsylvania.

Source: ORF · ORF.at

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