„Unerklärlicher“ Fehler

Nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien am Mittwoch mit über 60 Toten läuft die Suche nach der Unglücksursache. Der spanische Verkehrsminister Oscar Puente sprach von einer bisher „unerklärlichen“ Entscheidung der zuständigen Zugsleitstelle, menschliches Versagen ist also nicht ausgeschlossen. Von der zuständigen Behörde, die den Unfall untersucht, hieß es unterdessen, es sei noch „zu früh“ für Hypothesen.

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Wie Puente am Nachmittag mitteilte, sei das Unglück wohl auf eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung der Zugsleitstelle in Madrid zurückzuführen. Obwohl das automatische Zugssicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, sei einem der Züge grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben worden, sagte Puente.

„Wir werden der Sache bis zum Ende auf den Grund gehen“, so Regierungschef Pedro Sanchez, der am Nachmittag am Unglücksort vor die Presse trat. Sanchez kündigte dabei auch ein entschlossenes Vorgehen an, falls sich „Nachlässigkeiten“ herausstellen sollten.

Die Zeitung „El Pais“ zitierte am Abend die zuständige Verwaltungsbehörde für Unfalluntersuchungen (AITAT), für die es „noch zu früh“ für Hypothesen über Unfallursachen sei. Ihr Vorsitzender, Gonzalo Julian Guillen Espejo-Saavedra, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur EFE, dass drei Ermittler zum Unfallort gereist seien. „Ich ziehe es vor, mit Vorsicht vorzugehen und keine Erklärungen abzugeben, bis mir ausreichend fundierte Informationen vorliegen“, sagte er.

Zugsunglück in Urda (Spanien)
Mehrere Waggons stürzten eine Böschung hinunter

68 Tote bestätigt

Die Regionalregierung von Kastilien-La Mancha bestätigte am Nachmittag 68 Tote, Dutzende Menschen wurden teils schwer verletzt in Krankenhäuser eingeliefert. Die Opferzahl könne weiter steigen, sagte der Präsident der Region, Emiliano Garcia-Page, an der Unfallstelle.

Rund 80 Menschen wurden laut Garcia-Page bei dem Unglück verletzt. 58 Verletzte, darunter 15 Schwerverletzte, wurden in Krankenhäuser gebracht, hieß es vonseiten der Rettungskräfte. Weitere Personen mit leichten Verletzungen seien in anderen Einrichtungen versorgt worden.

Bei dem Unglück nahe der Stadt Urda kollidierte ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Bahngesellschaft RENFE mit einem offenbar auf den Gleisen stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo.

Hunderte Passagiere an Bord

Der Zusammenstoß ereignete sich kurz nach 9.00 Uhr zwischen dem Bahnhof Mora y Orgaz und Urda. An Bord der beiden Züge waren rund 550 Fahrgäste. Wie eine mit dem Vorfall vertraute Person laut Agenturberichten sagte, war ein Zug von Iryo aufgrund einer Signalstörung – auf Anweisung des Infrastrukturbetreibers ADIF – in der Nähe von Toledo zum Stehen gekommen, als er von einem anderen Hochgeschwindigkeitszug von RENFE gerammt wurde.

Durch die Wucht des Aufpralls entgleisten mehrere Waggons beider Züge. Aufnahmen zeigten ein Bild der Verwüstung: Trümmerteile und verbogenes Metall lagen auf einer Böschung verstreut, während Teile eines Zuges noch auf den Gleisen standen.

Passagiere an Bord schilderten dramatische Szenen. „Wir hörten ein gewaltiges Dröhnen, einen wirklich enormen Schlag, der zehn Sekunden andauerte, als ob der Zug entgleisen würde“, sagte ein Augenzeuge dem Radiosender COPE. Der Bürgermeister der nahe gelegenen Stadt Los Yebenes, Jesus Perez Martin, sprach von einer „entsetzlichen“ Situation. Gesundheitsministerin Monica Garcia rief die Bevölkerung zu Blutspenden auf.

Mehrere Waggons entgleist

Bei einem schweren Zugsunglück sind in Spanien Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge stießen nahe Urda in der Provinz Toledo zusammen. Mehrere Waggons entgleisten.

Wahlkampf unterbrochen

„Meine Anteilnahme, meine Solidarität und meine Unterstützung gelten allen Opfern und ihren Familien“, teilte Sanchez in einer ersten Reaktion auf der Plattform X mit. Der spanische Regierungschef sagte eigenen Angaben zufolge alle Termine des Tages ab.

Auch die oppositionelle Volkspartei (PP) sagte laut einem Sprecher alle Wahlkampfveranstaltungen im Vorfeld der vorgezogenen Parlamentswahl am 29. November ab. Mit Ausnahme der Rechtsaußenpartei Vox haben das nach Angaben von RTFE alle anderen Parteien gemacht. Der Spanische Fußballverband (RFEF) sagte alle für Mittwoch geplanten Pokalspiele ab.

So wie viele andere Politiker und Politikerinnen zeigte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestürzt. „Ich habe gerade die erschütternde Nachricht von dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Toledo erhalten“, schrieb sie. Ihr Mitgefühl gelte den Familien und Angehörigen der Opfer. „Europa trauert heute mit euch.“

Erinnerung an Unfall in Adamuz

Der Unfall weckt Erinnerungen an das schwere Zugsunglück im Jänner dieses Jahres bei Adamuz in Andalusien. Damals entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug und stieß mit einem entgegenkommenden Zug von RENFE zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt.

Mit rund 3.900 Kilometer Strecke hat Spanien das größte Netz für Hochgeschwindigkeitszüge in Europa. Das Unglück nahe Adamuz hatte das Land erschüttert und eine Debatte über die Wartung der Infrastruktur und die Sicherheit der Passagiere ausgelöst. Auch Regierungschef Sanchez war nach dem Unglück in die Kritik geraten. Die Regierung hatte daraufhin Investitionen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro in das Streckennetz angekündigt.

Laut Verkehrsminister Puente habe Rafael Escudero, Sprecher der Eisenbahngewerkschaft, erneut den Zustand des spanischen Eisenbahnnetzes als „nicht angemessen“ bezeichnet. Die Lokführergewerkschaft hält derweil an ihrem für Donnerstag geplanten Streik fest. Sie hatte ihn bereits am 16. Oktober angekündigt, um Verbesserungen bei der Sicherheit zu fordern.

Source: ORF · ORF.at

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