Online seit heute, 17.30 Uhr
Erstmals seit der demokratischen Wende macht Ungarn Akten der kommunistischen Staatssicherheit umfassend zugänglich. „Mit 36 Jahren Verspätung tun wir das, was keine einzige andere Partei seit der Wende getan hat“, sagte Ministerpräsident Peter Magyar heute im Historischen Archiv der Staatssicherheitsdienste (ABTL), das den Großteil der noch erhaltenen Stasi-Akten aufbewahrt.
Über die Webseite des Archivs kann nun jeder Einsicht in das Material nehmen. Magyar regiert seit Mai dieses Jahres in Ungarn, die Öffnung des Stasi-Akten-Archivs war eines seiner zentralen Wahlversprechen. Die Spitzelnetze der kommunistischen Geheimdienste hätten alle Lebensbereiche durchdrungen und seien auch in Fabriken, Kirchen und Familien präsent gewesen, sagte Magyar.
Nach Angaben des Archivdirektors speichert das Archiv die Namen von rund 55.000 Menschen, an die die ungarische Stasi herantrat. Etwa 10.000 von ihnen könnten heute noch am Leben sein.
Weitere Veröffentlichungen folgen
Das veröffentlichte Material ist nicht vollständig. So sollen die Anwerbungs- und Personalakten erst im kommenden Februar veröffentlicht werden. Außerdem sind die dem Stasiakten-Archiv übergebenen Akten unvollständig, weil viele Akten noch in der Zeit des Kommunismus oder in der Wendezeit vernichtet wurden.
Große Überraschungen für die Öffentlichkeit dürfte das nun zugängliche Material aber nicht bergen. Historiker, Forscher, Journalisten und Opfer von Bespitzelungen konnten schon zuvor gezielt nach Akten suchen.
So ist etwa schon seit 2006 bekannt, dass der Filmregisseur und Oscar-Preisträger Istvan Szabo („Mephisto“, 1981) in seinen jungen Jahren für den Geheimdienst tätig war. Auch die Spitzeltätigkeit etlicher Politiker der Nach-Wende-Zeit wurde durch derartige Enthüllungen aufgedeckt.
Source: ORF · ORF.at
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