Weiter Suche nach Opfern
In Spanien hat am Donnerstag eine dreitägige Staatstrauer für die mindestens 68 Todesopfer des schweren Zugsunglücks am Vortag begonnen. Alle Parteien bis auf eine setzten ihren Wahlkampf aus. Währenddessen geht die Suche nach möglichen weiteren Opfern in den Zugswracks weiter – ebenso die Suche danach, wer oder was genau für das Unglück verantwortlich ist.
Online seit heute, 8.13 Uhr
Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez sagte, „ganz Spanien trauert“. Leben seien „zerstört worden, Familien zerrissen – der Schmerz ist riesengroß“. Bereits am Abend hatten landesweit Trauerfeiern stattgefunden. Sanchez versprach eine umfassende Aufklärung. „Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen“, versicherte er.
„Nicht hinnehmbar“
„Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei schwere Unglücke mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleben“, sagte Sanchez mit Blick auf das Zugsunglück von Adamuz in Andalusien, bei dem im Jänner 46 Menschen starben. Sollten sich Fehler im Sicherheitssystem herausstellen, werde man mit aller Konsequenz reagieren. Vorrang habe zunächst die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen.
Sanchez steht auch deshalb unter Druck, weil er einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl von der konservativen und rechtspopulistischen Opposition für das Unglück verantwortlich gemacht wird. „Korruption tötet“, die linke Regierung sei kriminell, sagte etwa der Chef der aufstrebenden rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal. Vox ist die einzige Partei, die ihren Wahlkampf für die dreitägige Staatstrauer nicht unterbricht.
Ausschreitungen bei Demo von Rechtsextremen
In Madrid kam es vor dem Transportministerium zu Ausschreitungen. Rechtsextreme Gruppen hatten angesichts des schweren Zugsunglücks zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Dabei kam es zu Spannungen zwischen Teilen der rund 1.500 Demonstrierenden und der Polizei, wie der Fernsehsender RTVE berichtete.
Suche nach möglichen weiteren Opfern
Die Suche nach möglichen weiteren Opfern ging in der Nacht weiter. Drei Kräne zum Anhaben der Waggons waren im Einsatz. Viele Menschen vermissen weiterhin Familienangehörige, wie Mercedes Martin, die Sprecherin der Polizeibehörde Guardia Civil in der spanischen Hauptstadt, RTVE sagte. DNA-Proben würden in Madrid sowie in Toledo, Cordoba und Sevilla entnommen.
Freigabe trotz blockierter Strecke
Das Unglück ereignete sich kurz vor 9.00 Uhr, als ein Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo aus bisher unbekannten Gründen zum Stehen kam und ein nachfolgender Zug der staatlichen Gesellschaft RENFE von hinten auf ihn auffuhr. Zwei Iryo-Wagen und ein RENFE-Waggon entgleisten und stürzten einen Bahndamm hinunter. In beiden Zügen waren laut amtlichen Angaben insgesamt rund 540 Passagierinnen und Passagiere von Madrid nach Andalusien unterwegs.
Nach den jüngsten Angaben der Regierung der Region Kastilien-La Mancha wurden mehr als 100 Menschen verletzt. 53 wurden noch in Krankenhäusern behandelt, mehrere davon in kritischem Zustand, hieß es.
Menschliches Versagen mögliche Ursache
Das Unglück sei auf eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen, sagte Verkehrsminister Oscar Puente am Mittwochnachmittag. Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte und alle Züge auf einer Strecke von 63 Kilometern standen, sei dem RENFE-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben worden. Ob menschliches Fehlverhalten vorliege, müsse die Untersuchung klären.
LZB ausgefallen
Das auf der Strecke Madrid – Sevilla eingesetzte deutsche Zugsicherungssystem Linienförmige Zugsbeeinflussung (LZB) überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Züge und übermittelt dem Lokführer oder der Lokführerin Fahranweisungen direkt ins Führerhaus. Überschreitet ein Zug die zulässige Geschwindigkeit oder missachtet er bestimmte Vorgaben, kann das System automatisch bremsen. Bei einer größeren Störung übernimmt die Bahnleitstelle weitgehend die Kontrolle.
Behörde: Zu früh für Hypothesen
Warum der zuständige Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen. Zwischen den beiden Zügen lagen rund 25 Kilometer, die der RENFE-Zug in etwa 17 Minuten zurücklegte. Beamte der Polizei und der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) befragten bereits den Mitarbeiter. AITAT hielt es noch für „viel zu früh“, Hypothesen zu den Ursachen des Zusammenstoßes aufzustellen.
Mehrere Waggons entgleist
Bei einem schweren Zugsunglück sind in Spanien Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge stießen nahe Urda in der Provinz Toledo zusammen. Mehrere Waggons entgleisten.
Streik wegen Sicherheitsmängeln
Rafael Escudero, Sprecher der Eisenbahngewerkschaft, sagte, er kritisiere seit Langem, dass „der Zustand des spanischen Eisenbahnnetzes nicht angemessen ist“. Die Lokführergewerkschaft hält deshalb trotz des neuen Zugsunglücks an ihrem für Donnerstag geplanten Streik fest. Sie hatte ihn bereits am 16. Oktober angekündigt, um Verbesserungen der Sicherheit zu fordern.
Der Unfall weckt Erinnerungen an das schwere Zugsunglück im Jänner dieses Jahres bei Adamuz in Andalusien. Damals entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug und stieß mit einem entgegenkommenden Zug von RENFE zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt.
Mit rund 3.900 Kilometer Strecke hat Spanien das größte Netz für Hochgeschwindigkeitszüge in Europa.
Source: ORF · ORF.at
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